Category Archives: Eigene Texte

Meine Übersetzungen zur Region Südasien – Entwurf und Realisierung des “Essays”

Essay in Südasien I/2018, S.12f. Entwurf und Realisierung

Vielleicht hatte ich gleich das 42. Kapitel aufgeschlagen und gelesen:
The Beginning of Autumn:
She floats in her autumn,
Yellowed like a leaf
And free.

Noch ein bisschen blättern und der Gedanke kam mir – damals zum ersten Mal: Das möchte ich übersetzen! Nach meiner Pensionierung hätte ich nun Zeit für solche
Arbeiten.
SüdasienEssay1
Kamala Das wohnte in Kochi in Kerala, nur etwa 1000 km südlich von meinem damaligen Winteraufenthalt 1998/99 in Goa. Ich rief sie an und sie lud mich für eine Woche zu sich ein. Ich hatte eine Reihe Fragen zum Buch. Erst nach meinem Verzweif-lungsanfall darüber, dass ich sie nie allein sprechen konnte am vorletzten Tag, kam sie in mein Gästeappartement (gleich neben ihrer Wohnung): Nun werde uns niemand stören!
Deutsch hieß das Buch inzwischen Herbstbeginn (My Story): Es erzählt davon, wie die Autorin/Erzählerin ihr Älterwerden erlebt. In Indien hatte es 11 Jahre zuvor Stürme erregt – in Deutschland fehlten mir die Kontakte zu „traditionellen Verlagen“. Lotos in Berlin schien eine Möglichkeit zu bieten. Die erwies sich als (be)trügerisch. Für den Verlag sollte ich 2 Romane übersetzen. Auch das war eine Täuschung: Meine Übersetzungen verschwanden im Abgrund des Verlags-Computers. Als Pay-Verlag übernahm Lotos die erste Ausgabe meines Textes Lost in Goa. [als eBuch Untertitel: Fakten und Fiktion]. Darin berichte ich am roten Faden einer fiktiven, fast kriminellen Handlung über das, was ich über Land und Leute dort in Erfahrung bringen konnte.
SüdasienEssay2
Zu den Themen Gewaltfreiheit und Indien gibt es das wunderschöne Jugendbuch Journey to the City of Six Gates. Graeme MacQueen, der über Spiritualität und Frieden geschrieben hat, hat es in Zusammenarbeit mit indischen Freunden 2006 im Tulika-Verlag in Chennai herausgebracht. Mit einem von meinem Enkel Anton in Indien aufgenommenen Foto als Cover ist es in meiner eBuch-Reihe erschienen: Graeme MacQueen, Die Reise zur Stadt mit den sechs Toren.
Später stieß ich auf einen Roman, der im Jahr 1930 spielt und in dem es um Anhänger Gandhis in einem Dorf geht: Angad Kumar, Die wahre Geschichte eines treuen Gefolgsmannes Gandhis und seines Dorfes. Die Übersetzung findet sich hier.
Schließlich nahm ich Herbstbeginn in meine eBuch-Reihe auf. Im Nachwort erzähle ich ausführlich von meinem Aufenthalt bei Kamala.
Immerhin bekam ich dann von Lotos den „Auftrag“, den Briefwechsel Mein lieber Meister (1920-1938) zwischen Rabindranath Tagore und seiner Übersetzerin ins Deutsche zu übersetzen. Jahre später veröffentlichte der Draupadi Verlag, Heidelberg, „anlässlich der Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag Rabindranath Tagores“ meine Übersetzung. Nach diesem guten Anfang bei dem Verlag wurde ich mit der Übersetzung (aus Englisch aus Tamil) des in Tamil Nadu spielenden Romans Salma, Die Stunde nach Mitternacht betraut.
2011 kam der Kontakt mit Dr. Yahya Wardak, Afghanic, zustande. Ich übersetzte Mein Leben. Autobiographie des Abdul Ghaffar Khan, das dann 2012 bei Afghanic erschien. Schon damals fanden wir wichtig, dass der historische Hintergrund deutlicher würde. Diese Aufgabe erfüllte offenbar Rajmohan Gandhis Buch Ghaffar Khan. Gewaltfreier Badshah der Paschtunen. Der Autor übertrug uns die Rechte für die Veröffentlichung einer deutschen Ausgabe und sechseinhalb Jahre nach dem Abschluss meiner Übersetzung liegt das Buch nun als eBuch (in meiner Reihe) und als TASCHENBUCH vor.

(Inhaltlich war „Gewaltfreiheit“ das Bindeglied zu meiner übrigen Arbeit. Diese umfasst Bücher über Mediation, Konfliktbearbeitung, Frieden und verwandte Themen. Seit 2012 besteht ein wöchentlicher, seit zwei Jahren auch persönlicher Kontakt mit dem in Tel Aviv lebenden Autor Uri Avnery. Seine Wochen-Artikel werden auf den beiden deutschen Websites: lebenshaus-alb.de und nrhz.de veröffentlicht. Alle Jahrgänge seitdem sind als Papier- oder eBücher erschienen.)
Als nächste „Anregung“ schickte mir Dr. Wardak die kleine Schrift The Pathan vom Sohn Ghaffar Khans: Ghani Khan. Schrift und Autor sprachen mich so sehr an, dass ich weitere Texte von und über Ghani zusammenstellte. Daraus entstand Ghani Khan, Schriften. Von ihm und über ihn, das 2016 bei Afghanic erschien.
Im Laufe der Jahre ergaben sich aus dieser Beziehung einige weitere Übersetzungen. Schließlich wurde mir klar, dass ich die Veröffentlichung selbst in die Hand nehmen musste. Größeres Interesse erwartete ich für moderne Kurzgeschichten aus Afghanistan: M. ZARIN ANZOR, Erinnerungen aus einem afghanischen Dorf . Deshalb machte ich nicht nur ein eBuch, sondern auch ein „Taschenbuch“ daraus (das mit dem Titelbild der 1. und den Illustrationen der 2. Auflage der englischsprachigen Ausgabe recht ansprechend geworden ist).
Dann fand ich schließlich die Möglichkeit heraus, auf meiner Webseite ganze Bücher (als PDFs und auch als docDateien) zugänglich zu machen. Daraus ergaben sich die folgenden Veröffentlichungen von Übersetzungen von Büchern, die mir Dr. Wardak im Laufe der Jahre angeboten hatte:
RAHMAN BABA, Der Diwan
S.W.A.SHAH: Ethnizität, Islam und Nationalismus (1937-1947)
(Den Autor hatte ich auf einer Afghanistan-Tagung kennengelernt. Er war damals Gastprofessor in Heidelberg.)
Spiegel der NationMELI HINDARA. Volkserzählungen. 3 Bände (Zu jeder Geschichte gibt es ein ganzseitiges farbiges, sehr romantisches Bild.)
PYARELAL: Eine Pilgerreise für den Frieden. Gandhi und Badshah Khan bei den Pathanen in der Nordwestgrenzprovinz.
Sechs der sieben auf Anregung von Dr. Yahya Wardak von der Organisation Afghanic e.V. angefertigten Übersetzung werden jetzt auf deren Webseite vorgestellt.
Auch die kleine Schrift von Mahadev Desai (1892-1942), Zwei Diener Gottes (die Brüder Khan) ist jetzt auf meiner Webseite in Deutsch zu finden.
Ein Schritt weiter und ich war bei Mahadevs Sohn Narayan (1924-2015). Zunächst stieß ich auf Gandhi mit den Augen eines Kindes und dann – im Internet – auf die umfangreichere Darstellung BLISS WAS IT TO BE YOUNG WITH GANDHI/ CHILDHOOD REMINISCENCES OF NARAYAN DESAI. Die zu übersetzen war wegen der dargestellten Ereignisse und wegen der ansprechenden Darstellungsweise eine große Freude. Meine deutsche Übersetzung der kleinen Schrift trägt jetzt den Titel: Gandhi aus nächster Nähe und ist in vollem Umfang als PDF auf meiner Webseite veröffentlicht.
Dann war es nur noch ein Schritt zu Narayan Desais großem Buch über seinen Vater: The Fire and the Rose. Die 700 großen Seiten werden mich wohl einige Zeit beschäftigen. Über den augenblicklichen Stand (1.3.2018) informiert ein “Posten” auf dieser Webseite. Nach einer Anfrage verwies mich der Verlag auf die Erben, die bisher noch nicht auf meine Anfrage reagiert haben. Der englischen Übersetzung (aus Gujarati 1993) 1995 konnten ja noch keine Dateien zugrunde liegen, sodass ich aus dem Buch werde übersetzen müssen. Die Gestalt dieses außergewöhlichen Menschen und persönlichen Sekretärs Gandhis besitzt Eigeninteresse, also Interesse über seine Beziehung zu Gandhi hinaus. Alles Weitere hinsichtlich dieses Projekts deckt noch der Schleier der Zukunft.
Ein Freund kommentierte: „Ah, du bereitest ein Fragment für deinen Nachlass vor!“

Eigene und von mir übersetzte Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens (Juli 2018)

John A. McConnell, Achtsame Mediation. Mindful Mediation. Buddhistische Wege der Konfliktbearbeitung. Hrsg. Internationaler Versöhnungsbund: Minden 2002. (1)

Johan Galtung et al., Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie. Hrsg. Bund für Soziale Verteidigung: Minden 2003. (2)

Johan Galtung, Konflikte und Konfliktlösungen. Die Transcend-Methode und ihre Anwendung. Kai Homilius Verlag, Globale Analysen Band 3: Berlin 2007. Da KH dachte, Johan hätte den Text selbst in Deutsch geschrieben, wird meine Name als Übersetzerin im Buch nicht genannt. (3)

Michael Henderson, Die Macht der Vergebung. Hrsg. vom Bund für Soziale Verteidigung. Deutsche Originalausgabe. Publik-Forum: Oberursel 2007. (4)

Pat Patfoort, Sich verteidigen ohne anzugreifen. Die Macht der Gewaltfreiheit. Aus dem Französischen. Hrsg. Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden und Internationaler Versöhnungsbund – Deutscher Zweig: Karlsruhe und Minden 2008. (5)

Jean Bricmont, Humanitärer Imperialismus. Die Ideologie von der humanitären Intervention als Rechtfertigung für imperialistische Kriege. Vorwort von Noam Chomsky. Kai Homilius Verlag, Globale Analysen Band 9: Berlin 2009. (6)

Dietrich Fischer, Umfassende Sicherheit mit friedlichen Mitteln. Analyse der Gefahren und kreative Strategien der Abwendung. Sozio-Publishing: Belm-Vehrte 2009. (7)

Johan Galtung, 100 Lösungsszenarien für Konflikte in aller Welt. Der Diagnose-Prognose-Therapie-Ansatz. Marburg: Tectum Verlag 2011. (8)

Tagore/Meyer-Franck/Meyer-Benfey, Mein lieber Meister. Briefwechsel 1920-1938. Heidelberg: Draupadi Verlag 2011. (9)

Salma, Die Stunde nach Mitternacht. Roman. Draupadi Verlag: Heidelberg 2011. (10)

Ira Chernus, Warum handeln Menschen gewaltfrei? Geschichte einer Idee. Belm-Vehrte: Sozio-Publishing: 2012. (11)

Mein Leben. Autobiografie de Abdul Ghaffar Khan. Wie ein Weggefährte Gandhis die Gewaltfreiheit im Islam begründet. Afghanic: Bonn 2012. (12)

Uri Avnery, Israel im arabischen Frühling. Essays von Februar 2012 bis [Ende des Jahres] Klagenfurt – Wien: kitab Verlag 2013. (13)

Galtung, Santa Barbara, Perlmann, Versöhnung. Belm Vehrte/Osnabrück: Sozio-Publishing 2014. (14)

Josef Ben-Eliezer, Meine Flucht nach Hause. Schwarzenfeld: Neufeld Verlag 2015. (15)

André Gunder Frank, ReOrient. Globalwirtschaft im Asiatischen Zeitalter. Wien: Promediaverlag 2016. (16)

Uri Avnery, Israel und Palästina auf dem Wege zu einer Zweistaatenlösung? [Essays 2015] Klagenfurt – Wien: kitab Verlag o. J. [2016] (17)

Ghani Khan, Schriften von ihm und über ihn. Bonn: Afghanic 2016. (18)

Uri Avnery, Und setzet ihr nicht das Leben ein. Texte zur Person: von und über Uri Avnery. Metagrapho 2017 (19)

Ingrid von Heiseler, Dieser Eingang ist nur für dich bestimmt. Erzählungen und andere kürzere Texte. Metagrapho (2017) (20)

M. Zarin Anzor, Erinnerungen aus einem afghanischen Dorf. Paschtunische Kurzgeschichten. Metagrapho und Afghanic 2017 (21)

Rajmohan Gandhi, Ghaffar Khan. Gewaltfreier Badschah der Paschtunen. Metagrapho und Afghanic (2017) (22)

Stelllan Vinthagen, Eine Theorie der gewaltfreien Aktion. Wie ziviler Widerstand funktioniert. Wolfsburg Metagrapho 2017 (23)

Uri Avnery, Ein Neubeginn. Artikel 2017. Wolfsburg Metagrapho 2018 (24)

Dietrich Fischer erzählt Geschichten die Mut machen. Metagrapho 2018 (25)

Ingrid von Heiseler, Einer tanzt aus der Reihe. Ein erzählender Bericht. 1. Auflage: edition sysyphos 1990, 2. erweiterte Auflage Metagrapho 2018 (26)

John Dear, Ein Mensch des Friedens und der Gewaltfreiheit werden. edition pace (2018) (27)

Rivera Sun, Der Löwenzahnaufstand. Liebe und Revolution. Roman. El Prado: Rising Sun Press Works (2018) (28)

Andere “schonen”

„Wer andere schont, schont sich selbst“ ist keine moralische Bewertung – wie etwa „Liebe ist Egoismus“ -, sondern der Satz hat eine ganz praktische Bedeutung.
Er ist nur auf den Fall anzuwenden, dass jemand erwartet, dass es, wenn er einen anderen schont, dazu führt, dass dieser wiederum ihn schont. Es ist ja jedes Menschen gutes Recht, sich für das zu entscheiden, was ihm leichter zu ertragen zu sein scheint. Und das ist nicht nur von einem Menschen n zum anderen verschieden, sondern es kann auch von einer Situation zur anderen verschieden sein, weil auch das Abwägen eines Risikos eine Rolle dabei spielt, ob ich einen anderen schone oder nicht. Ich kann z.B. jemanden mit (allzu leichtfertig geäußerten) Bitten verschonen, weil ich nicht möchte, dass es ihm zu viel wird und er mich in der Folge ganz und gar hängen lässt. Andererseits gibt es Leute, die kaum eine Bitte aussprechen mögen, aus Angst, sie könnten mit der Ablehnung ihrer Bitte konfrontiert und mit dieser „Kränkung“ nicht fertigwerden. Das habe ich in der eigenen Familie bitter – und unerbittlich – erfahren.
Jemand, der sich nicht der Möglichkeit einer Kränkung aussetzen möchte, wird versuchen, sie auf die eine oder andere Weise von vornherein auszuschließen. Umgekehrt: Jemand, der meint, er könnte eine Kränkung (mehr oder weniger leicht) ertragen, wird im Umgang mit anderen nicht jede Möglichkeit dazu mit allen Mitteln auszuschließen versuchen, wird also weniger „vorsichtig“ und weniger bemüht sein, niemandem auf die Füße zu treten.
Wenn eine sich vor möglichen Enttäuschungen fürchtet, wird sie manches, dessen Gelingen ihr unsicher erscheint, lieber nicht versuchen. Es ist nun die Frage: Was erscheint ihr erträglicher, „enttäuscht“ zu werden oder eine (möglicherweise geringe, vielleicht aber auch einzigartige) Möglichkeit zu versäumen. Dieser Gedankengang hat zu meiner Lebensmaxime geführt:
„Was ich versuche, wird vielleicht etwas, was ich nicht versuche, wird bestimmt nichts.“
So ist es immer ein individuelles Abwägen und muss keinem allgemeinen gesellschaftlichen Urteil unterworfen werden.
Es läuft auf den bekannten simplen Satz hinaus: Wer sich zutraut, die möglichen Folgen zu ertragen, kann „alles“ tun. Das ist zweifellos eine allgemeingültige Einsicht, die aber wie alle ihresgleichen nur von Bedeutung ist, wenn eine sie auf ihr (tägliches) Verhalten anwendet, bzw. anwenden kann.

Systemisches Gespräch

Auszug aus: Ingrid von Heiseler, Lost in Goa. Lotos Verlag Berlin 2001.
eBuch: Lost in Goa. Fakten und Fiktion

Arno und Angela sprechen über den Sinn des Lebens (aus dem 13. Kapitel)
Arno versank in seine Gedanken. „Was für eine Reise!“, sagte er dann. „Alle achtunddreißig Jahre meines Lebens habe ich nicht so viel erlebt wie in diesen letzten Wochen! Wie konnte ich nur in all das hineingeraten? Und dann die gescheiterte Suche nach meinem Vater!“ Er erzählte von seiner großen Enttäuschung.
Sie schwiegen lange.
Dann fragte Arno plötzlich: „Was ist der Sinn?“
„Der Sinn?“
„Der Sinn des Lebens.“
„Sinn?“
„Also, was ist das Leben?“
„Sie sind in einer Krise!“
„Ja.“
„Diese Frage stellt man ja nur, wenn es einem schlecht geht.“
„Ja, ich fühle mich wirklich miserabel!“
„Was hielten Sie vor der Krise für selbstverständlich?“
„Dass ich die Frucht einer romantischen Liebe und ein Prinz bin.“
„Schöne Rolle. Und jetzt?“
„Ja, Rolle! Jetzt ist es eine schöne Rolle gewesen!“
„Früher nicht?“
„Nein, früher war es Realität.“
„Merkwürdige Realität, die sich durch eine einfache Mitteilung nachträglich ändert, finden Sie nicht? Welche Rolle haben Sie jetzt?“
„Eben keine Rolle mehr.“
„Aber Sie sind ja nun etwas anderes als Prinz und romantische Liebesfrucht.“
„Ja. Zufallsprodukt eines streunenden Zigeuners.“
„Das gefällt Ihnen nicht.“
„Gefiele Ihnen das?“
„Ihr Vater war oder ist Tonkünstler. Sind Sie musikalisch?“
„Freizeitmusiker.“
„Aha. Ihre Mutter war von ihm bezaubert.“
„Sie liebt Saxophonmusik.“
„Wie heißt dann die Geschichte?“
„Sie wollen da etwas umdrehen.“
„Was ist falscher an dieser Geschichte als an der alten? ‘Musiker bezaubert Bürgersfrau und zeugt mit ihr ein Kind der Liebe.’“
„Satire!“
„Nicht satirischer als die ältere Version.“
„Was ist das Leben?“
„Es kommt drauf an. Da Sie sich diese Frage – wie übrigens andere Leute auch – nur stellen, wenn Sie gerade in einer Krise stecken, hat die Antwort wenig Chancen, sehr positiv auszufallen.“
„Ein Spiel, sagen manche.“
„Ist die Antwort brauchbar?“
„Es kommt drauf an. Es kommt darauf an, ob ich gerade gewinne oder verliere. Wenn ich verliere, hilft mir der Gedanke: Das ist ja nur ein Spiel. Notfalls kann ich auch mit Spielen aufhören.“
„Das ist eine der Schwachstellen dieser Metapher: Ein Spiel kann man unterbrechen und wieder aufnehmen, das Leben nicht.“
„Metapher?“
„Deutungsweise. Metaphern machen sich manchmal selbständig.“
„Geschichte, Metapher – das Leben als Literatur?“
„In gewisser Weise. Vielleicht ist das eine brauchbare Metapher: Jeder schreibt seine Geschichte selbst, jedenfalls wählt jeder – bewusst oder unbewusst – seine Metaphern.“
„Ganz frei, oder?“
„Sie haben recht, natürlich nicht ganz frei. Der Inhalt ist innerhalb eines Rahmens vorgegeben. Aber die Form wählt jeder selbst. Sie können eine Tragödie oder eine Komödie, einen Trivialroman, einen Krimi oder was Sie wollen daraus machen.“
„Mir wäre lieber, Sie drückten sich direkter aus.“
„Wirklich? Das wäre umständlicher und langweiliger.“
„Alle Vergleiche hinken.“
„Ja, deshalb ist es auch besser, wenn man sich nicht an einer einzigen Metapher festhält, sondern ab und zu mal neue Bilder im Wohnzimmer aufhängt.“
„Das Leben: ein Spiel, ein Kampf, ein Fluss, eine grüne Wiese, die Hölle auf Erden, ein Theatersaal nach der Vorstellung, ‘das Leben nennt der Derwisch eine Reise’ …“
„’und eine kurze’. Ich sehe schon, Ihnen fällt genügend ein.“
„Und das wird mir helfen?“
„Ich weiß es nicht.“
Wieder schwiegen sie.

Fortsetzung von Heinrich Heines DONNA CLARA

Heinrich Heine, Donna Clara

Rosen, Mandelblüten, Lilien:
Wie erstarrt stehn sie im Mondschein.
Claras blasses Antlitz färbt sich
Plötzlich tief mit Zornesröte.

„Schändlich habt Ihr mich betrogen!“
Finster senkt sie ihre Stirne,
Wütend stampft sie auf den Boden.
„Nie will ich Euch wiedersehen!“

„Mutter, eng wird mir das Mieder.“
„Wer von allen Rittern ist es?“
„Niemals werd ich es bekennen!“
„Wirf dich vor dem Vater nieder!“

„Geh mir aus den Augen, Dirne,
Du bist nicht mehr meine Tochter!“
Und sie schnürt ein kleines Bündel
Und verlässt das Schloss im Frühlicht.

Ziellos streift sie durch die Straßen
Saragossas, hier und dorthin.
Was soll sie jetzt nur beginnen?
Und sie wendet sich zum Ebro.

Lange steht sie unentschlossen.
„Warten will ich, bis am Abend
Mich die Wasser mit sich nehmen.“
Und sie hockt sich kläglich nieder.

Frauen kommen mit der Wäsche.
„Wer ist die? Sie ist so kostbar
Angezogen und so traurig“,
Tuscheln sie und gehen näher.

Und die eine: „Oft schon hat mir
Meine Herrin streng befohlen:
Bring mir jede, die verzweifelt
Dort am Fluss ist mit nach Hause!“

Zögernd steht sie an der Schwelle –
Unbekannt ist ihr das Zeichen –
Von der Tür des großen Rabbi.
Mitleidvoll wird sie empfangen.

Und an dieser Stelle müssen
Wir der Einsicht und der Liebe
Beider Seiten überlassen,
Ob sie sich zusammenfinden.

http://de.wikisource.org/wiki/Donna_Clara
Rosen, Mandelblüten, Lilien:
Wie erstarrt stehn sie im Mondschein.
Claras blasses Antlitz färbt sich
Plötzlich tief mit Zornesröte.

„Schändlich habt Ihr mich betrogen!“
Finster senkt sie ihre Stirne,
Wütend stampft sie auf den Boden.
„Nie will ich Euch wiedersehen!“

„Mutter, eng wird mir das Mieder.“
„Wer von allen Rittern ist es?“
„Niemals werd ich es bekennen!“
„Wirf dich vor dem Vater nieder!“

„Geh mir aus den Augen, Dirne,
Du bist nicht mehr meine Tochter!“
Und sie schnürt ein kleines Bündel
Und verlässt das Schloss im Frühlicht.

Ziellos streift sie durch die Straßen
Saragossas, hier und dorthin.
Was soll sie jetzt nur beginnen?
Und sie wendet sich zum Ebro.

Lange steht sie unentschlossen.
„Warten will ich, bis am Abend
Mich die Wasser mit sich nehmen.“
Und sie hockt sich kläglich nieder.

Frauen kommen mit der Wäsche.
„Wer ist die? Sie ist so kostbar
Angezogen und so traurig“,
Tuscheln sie und gehen näher.

Und die eine: „Oft schon hat mir
Meine Herrin streng befohlen:
Bring mir jede, die verzweifelt
Dort am Fluss ist mit nach Hause!“

Zögernd steht sie an der Schwelle –
Unbekannt ist ihr das Zeichen –
Von der Tür des großen Rabbi.
Mitleidvoll wird sie empfangen.

Und an dieser Stelle müssen
Wir der Einsicht und der Liebe
Beider Seiten überlassen,
Ob sie sich zusammenfinden.

Ingrid von Heiseler: Gesammelte kleine Texte

Erwartung
Wenn ich etwas (Neues) unternehme, tue ich erst einmal so, als ob ich glaubte, es würde gelingen. Wenn es dann wirklich gelingt, bin ich überrascht.

Glaube
Ja, warum eigentlich nicht an Gott glauben, warum kein religiöser Mensch sein?
Ich fühle mich nach meiner Knieoperation – obwohl ich wieder gut laufen kann – schließlich auch an Stöcken sicherer.

Emuna oder Humor
Eine vor Kurzem aufgefundene Fassung des Buches BERESCHIT bringt folgende Ergänzung (nach 440 vor unserer Zeitrechnung abgefasst, zu Genesis 1,19 „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“): „Doch damit du nicht verzweifelst, gebe ich dir die Wahl zwischen EMUNA, das ist Glaube, und HUMOR. Wähle gut!“
(In meinem kleinen Wörterbuch finde ich dt. Humor > hebr. Humor. Im großen Online-Wörterbuch Deutsch-Hebräisch – http://www.milon.li/ – gibt es das Wort nicht. Uri schreibt: Humor heißt auch hebräisch Humor.)

Stellvertretung
Ich lerne eher durch Abschreckung als durch „gutes Beispiel“: Seit ich aus XY zurück bin, räume ich eine Schublade nach der anderen auf, und seit ich auf der Goldenen Hochzeit war, versuche ich mein Gewicht zu reduzieren.
Schließlich habe ich gelernt: Ich kann nur mich selbst und nicht andere ändern. Lieber als Schubladen aufräumen wäre mir, wenn A ihre Wohnung aufräumen würde, und lieber als auf 58 kg runterzukommen, wäre es mir, wenn ich denken könnte, diese alten dicken Frauen würden sich vernünftig ernähren und ihr Gewicht auf ein vernünftiges Maß reduzieren.
Es ist so eine Art Stellvertretung – die mir aber Nutzen bringt.

Telefonseelsorge (zum 40. Jahrestag in Wolfsburg)
Meine älteste Erfahrung mit der TS ist, dass mich ein Freund, als Ferngespräche noch teuer waren, regelmäßig aus Berlin anrief, wenn er Dienst bei der TS hatte.
Die zweite ist eine sogenannte persönliche Erinnerung. Die Mutter brauchte Pflege. Ich würde das nicht schaffen – noch war ich berufstätig und die Beziehung war in ihrem Alter schlecht geworden. Dass ich da nichts Unmögliches von mir zu verlangen brauchte, sollte die TS bestätigen. Als ich dachte, der Besitzer der alten Männerstimme hätte verstanden, sagte sie mit einem kleinen Seufzer: „Ja, es ist keine Liebe mehr unter den Menschen!“
Die dritte Erfahrung war die: Eine fremde junge Frauenstimme fragte, ob sie bei mir bei der TS sei. Ich erklärte ihr, sie habe wohl falsch gewählt, und da sagte sie: „Ihre Stimme klingt so nett, kann ich nicht Ihnen erzählen?“ Nun ja, ich war gerade nicht eilig und kann ja immer auf meine GT-Ausbildung zurückgreifen. Sie legte eine halbe Stunde später offenbar zufrieden auf.

Weisheiten
– Das Wohlbefinden hängt davon ab, inwieweit es gelingt, die Illusion „alles ist in Ordnung“ herzustellen, d.h. wie viel Kraft eine zu einem gegebenen Zeitpunkt aufbringt, diese Illusion herzustellen und an ihr festzuhalten.
– Wieso gehen wir davon aus, dass Heilsein der Normalzustand wäre? Wenn wir das tun, müssen wir leider feststellen, dass wir unaufhörlich von diesem „Normalzustand“ abweichen. Der logische Schluss aus dieser Feststellung ist: Nicht Heilsein, sondern Defizitärsein ist der Normalzustand.
– Jedes Paradies hat eine örtliche und eine zeitliche Koordinate. Deshalb kann man, ebenso wenig wie man in denselben Fluss steigen kann, in dasselbe Paradies zurückkehren.
– Alter ist eine Behinderung unter vielen anderen. Nur gut, dass sie erst spät im Leben eintritt!
– Paare sind deshalb glücklicher als Singles, weil sie sich weniger langweilen. Wenn ihnen nichts einfällt, können sie immer noch streiten.
– Ihr wisst doch: Selten – oder nie? – wird etwas so schön, wie wir hoffen, und so schlimm, wie wir fürchten.

Wettbewerb in politischer Unkorrektheit?
Ich hatte einmal an prominenter Stelle vorgeschlagen, einen Wettbewerb in politischer Unkorrektheit zu veranstalten. Leider ist niemand auf den Vorschlag eingegangen. Hier ein Beitrag zu einem Wettbewerb, der leider auch in Zukunft nicht stattfinden wird:
Flüchtlinge
Wir sollten alle Reisenden der Einfachheit halber „Flüchtlinge“ nennen: diejenigen, die aufbrechen, weil ihr Leben bedroht ist, wie auch die, die aufbrechen, weil sie sich der Illusion hingeben, am Ort jenseits des Meeres wäre das Leben bequemer als in ihrer Heimat. Ach stimmt ja, die werden ja schon „Flüchtlinge“ genannt. Dann schlage ich eine weitere Erweiterung des Begriffs vor: Wenn ich mit der Bahn zu einer Feier reise, bin ich ein Flüchtling vor der Feierlosigkeit bei mir zu Hause und anschließend bin ich ein Flüchtling vor der Menschenansammlung in die Ruhe meiner Wohnung. Ständig sind Menschen hierhin und dahin auf der Flucht, sei es vor der Ruhe oder sei es vor dem Stress: Sie fliehen in den Abenteuerurlaub und sie fliehen an vermeintlich ruhige Sandstrände. Alles Flüchtlinge!

Ingrid von Heiseler – Aufsätze und andere Texte

„Wir berühren den Saum eines Gewandes, das Verwandtschaft heißt“
Statt Kontrolle oder Hilfe: Begegnung auf Augenhöhe. Ein Denkanstoß

Plädoyer für Geduld und Langsamkeit der Friedenserzieher im Umgang mit sich selbst (und auch mit anderen)

MEDIATION? Was ist denn das?

Ein paar Gedanken über das „Miteinander-Reden

Gewaltfreie Schule

Gesammelte kleine Texte

Andere „schonen“

Systemisches Gespräch

Fortsetzung von Heinrich Heines DONNA CLARA

Familienerinnerungen

Coverfoto: Sonntagsausfahrt in Buchwalden. Mutter Erna und Vater Otto Abb auf dem Kutschbock, die kleine Ingrid hinten neben einer baltischen Comtesse.
FamErinCover1563

“Familienerinnerungen” besteht aus zwei Teilen: Der erste sind die “Erinnerungen” von Erna Abb, geb. Nürnberg (1906-1997). Der Anstoß, sie aufzuschreiben, kam von der Tochter. Das Manuskript sind viele schön und lesbar geschriebene Seiten. Gelegentlich wurden Ergänzungen hinzugefügt. Der zweite Teil “Sowas nimmt man doch nicht mit sich fort” wurde aufgrund der Aufforderung “schreib alles auf, was dir einfällt” aufgeschrieben. Im Anhang sind Fotos um Wanja von Heiseler versammelt.
Kindle
(Nr. 15 der eBücher)
Deutsche Nationalbibliothek

Meine Bücher 2018

Foto: Meine Bücher 2016
MeineBücher2016

Die “eigenen” (unteren drei):

Einer tanzt aus der Reihe (1990)
Lost in Goa (2001)
Leben10Anfänge (2011)

Vollständiges Verzeichnis August 2018, in der Reihenfolge des Erscheinens, die beiden Bücher in 2. Auflage unter dem Datum ihrer Erscheinung und nicht der der Erstauflage:

John A. McConnell, Achtsame Mediation. Mindful Mediation. Buddhistische Wege der Konfliktbearbeitung. Hrsg. Internationaler Versöhnungsbund: Minden 2002. (1)

Johan Galtung et al., Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren. Diagnose, Prognose, Therapie. Hrsg. Bund für Soziale Verteidigung: Minden 2003. (2)

Johan Galtung, Konflikte und Konfliktlösungen. Die Transcend-Methode und ihre Anwendung. Berlin: Kai Homilius Verlag, Globale Analysen Band 3: 2007. Da KH dachte, Johan hätte den Text selbst in Deutsch geschrieben, wird meine Name als Übersetzerin im Buch nicht genannt. (3)

Michael Henderson, Die Macht der Vergebung. Hrsg. vom Bund für Soziale Verteidigung. Deutsche Originalausgabe. Oberursel: Publik-Forum 2007. (4)

Pat Patfoort, Sich verteidigen ohne anzugreifen. Die Macht der Gewaltfreiheit. Aus dem Französischen. Hrsg. Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden und Internationaler Versöhnungsbund – Deutscher Zweig: Karlsruhe und Minden 2008. (5)

Jean Bricmont, Humanitärer Imperialismus. Die Ideologie von der humanitären Intervention als Rechtfertigung für imperialistische Kriege. Vorwort von Noam Chomsky. Berlin: Kai Homilius Verlag, Globale Analysen Band 9: 2009. (6)

Dietrich Fischer, Umfassende Sicherheit mit friedlichen Mitteln. Analyse der Gefahren und kreative Strategien der Abwendung. Belm- Vehrte/Osnabrück: Sozio-Publishing 2009. (7)

Johan Galtung, 100 Lösungsszenarien für Konflikte in aller Welt. Der Diagnose-Prognose-Therapie-Ansatz. Marburg: Tectum Verlag 2011. (8)

Tagore/Meyer-Franck/Meyer-Benfey, Mein lieber Meister. Briefwechsel 1920-1938. Heidelberg: Draupadi Verlag 2011. (9)

Salma, Die Stunde nach Mitternacht. Roman. Heidelberg: Draupadi Verlag 2011. (10)

Ingrid von Heiseler, Leben10Anfänge. Bestandsaufnahme 2011. Belm- Vehrte/Osnabrück: Sozio-Publishing 2011. (11)

Ira Chernus, Warum handeln Menschen gewaltfrei? Geschichte einer Idee. Belm- Vehrte/Osnabrück: Sozio-Publishing 2012. (12)

Mein Leben. Autobiografie des Abdul Ghaffar Khan. Wie ein Weggefährte Gandhis die Gewaltfreiheit im Islam begründet. Bonn: Afghanic 2012. (13)

Uri Avnery, Israel im arabischen Frühling. Essays von Februar 2012 bis [Ende des Jahres] Klagenfurt – Wien: kitab Verlag 2013. (14)

Galtung, Santa Barbara, Perlmann, Versöhnung. Belm Vehrte/Osnabrück: Sozio-Publishing 2014. (15)

Josef Ben-Eliezer, Meine Flucht nach Hause. Schwarzenfeld: Neufeld Verlag 2015. (16)

André Gunder Frank, ReOrient. Globalwirtschaft im Asiatischen Zeitalter. Wien: Promediaverlag 2016. (17)

Uri Avnery, Israel und Palästina auf dem Wege zu einer Zweistaatenlösung? [Essays 2015] Klagenfurt – Wien: kitab Verlag o. J. [2016]. (18)

Ghani Khan, Schriften von ihm und über ihn. Bonn: Afghanic 2016. (19)

Uri Avnery, Und setzet ihr nicht das Leben ein. Texte zur Person: von und über Uri Avnery. [Wolfsburg:] Metagrapho 2017. (20)

Ingrid von Heiseler, Dieser Eingang ist nur für dich bestimmt. Erzählungen und andere kürzere Texte. [Wolfsburg:] Metagrapho 2017. (21)

M. Zarin Anzor, Erinnerungen aus einem afghanischen Dorf. Paschtunische Kurzgeschichten. [Wolfsburg:] Metagrapho und [Bonn:] Afghanic 2017. (22)

Rajmohan Gandhi, Ghaffar Khan. Gewaltfreier Badschah der Paschtunen. [Wolfsburg:]Metagrapho und [Bonn:] Afghanic 2017. (23)

Stelllan Vinthagen, Eine Theorie der gewaltfreien Aktion. Wie ziviler Widerstand funktioniert. Wolfsburg: Metagrapho 2017. (24)

Uri Avnery, Ein Neubeginn. Artikel 2017. Wolfsburg: Metagrapho 2018. (25)

Dietrich Fischer erzählt Geschichten die Mut machen. [Wolfsburg:] Metagrapho 2018. (26)

Ingrid von Heiseler, Einer tanzt aus der Reihe. Ein erzählender Bericht. 1. Auflage: edition sysyphos 1990, 2. erweiterte Auflage [Wolfsburg:] Metagrapho 2018. (27)

John Dear, Ein Mensch des Friedens und der Gewaltfreiheit werden. edition pace (2018). (28)

Rivera Sun, Der Löwenzahnaufstand. Liebe und Revolution. Roman. El Prado: Rising Sun Press Works (2018), (29)

Ingrid von Heiseler, Lost in Goa. Fakten und Fiktion. 2. Auflage [Wolfsburg:] Metagrapho 2018, zuerst Berlin: Lotosverlag 2001. (30)

Statt Kontrolle oder Hilfe: Begegnung auf Augenhöhe. Ein Denkanstoß

„Wir berühren den Saum eines Gewandes, das Verwandtschaft heißt“

In seinem Aufsatz: Warten, dass man willkommen geheißen wird. Lernen, Gast und nicht [Gast-]Geber zu sein erzählt Chico Fajardo-Heflin von seinen und seiner Frau Erfahrungen der letzten Jahre. Sie haben nicht das hohe Ross von Kontrollieren oder „Helfen“ bestiegen, sondern sie wollten Menschen, die es gewohnt sind, als Objekte von Kontrolle und Helfen betrachtet zu werden, als Subjekten auf Augenhöhe begegnen. Chico Fajardo-Heflin geht von der – nicht nur christlich zu begründenden – Gastfreundschaft aus.
Gastfreundschaft wird „Fremden“ erwiesen, wer aber sind Fremde? Chico und Tatjana (so wollen wir die beiden von jetzt an vertraulich nennen) beschlossen, in eine ihrem Wohnort nahe gelegene kleine Stadt umzuziehen, in eine Stadt, die um ihre Existenz kämpft. „Wir brauchten nur unsere [neue] Straße entlangzugehen, damit uns klar wurde, dass in unserer verarmten und ganz und gar ‚schwarzen‘ Stadt nicht etwa unsere Nachbarn, sondern wir ‚Fremde‘ waren.“
Chico gibt uns dann eine geografisch genaue und sehr anschauliche Beschreibung des Ortes: „Ford Heights ist eine kleine, verfallende Stadt etwa 20 Kilometer von Chicago entfernt. Eigentlich ist es eine Vorstadt, ihre laubgrünen Straßen werden von verlassenen und ausgebrannten Häusern gesäumt. Streunende Hunde und Crack-Abhängige streifen dort umher.“ Das Gebiet wird von „einer Müllverbrennungsanlage, einem Schrottplatz, Kornfeldern und einer Ford-Fabrik“ begrenzt und „die Bewohner vegetieren in Armut und Isolation dahin“.
Chico und Tatjana „erwarteten zwar, dass unsere Ankunft Verdacht erregen würde, aber wie sehr sie alle nervös machen würde, das hatten wir nicht geahnt“.
Chico erzählt, wie die Menschen auf ihre Ankunft reagierten: „Kinder, die in Vorhöfen spielten, unterbrachen ihr Spiel und starrten uns an und geräuschwolle Nachbarn senkten die Stimme zu einem Flüstern, als wir vorübergingen. Jedes Mal, wenn wir so kühn waren, eine Unterhaltung in Gang bringen zu wollen, begegnete unserem Gruß ein bleiernes Schweigen. Wohin wir auch gingen, schien sich die Luft mit Spannung zu füllen.“
Chico versucht, das Verhalten der Menschen zu erklären: „Fort Heights ist Fremde gewohnt. Sie dringen mit Dienstmarke und Handfeuerwaffe oder mit einem Lächeln und einer Lastwagenladung Kleider ein.“ Zwar ärgerten sich die Neuankömmlinge über das Verhalten der Bewohner, aber sie hatten gleichzeitig Verständnis dafür, denn „ihrer Erfahrung nach kamen Fremde in die Stadt, um ihnen entweder wehzutun oder ihnen zu helfen, aber nie kam jemand einfach nur, um sie kennenzulernen. Diejenigen, die nicht dachten, wir wären verdeckt ermittelnde Polizisten, behandelten uns wie eine mobile Dienstleistungstruppe. Wenn sie uns auf dem Fußweg sahen, brüllten sie etwas wie: ‚Wann gebt ihr denn die Schulsachen aus?“, ‚Gebt mir ein paar Paprika aus euerm Garten!‘, ‚Komm her und repariere mein Fahrrad!‘
Die Leute bedrängten uns, ihnen Nahrungsmittel zu geben, sie im Auto mitzunehmen, ihre zusammengebrochenen Basketball-Gestelle zu ersetzen und dergleichen. Es waren Leute, die wir nicht kannten, Leute, die durchaus nicht darauf aus waren, uns kennenzulernen. Uns war zum Kotzen zumute.“
Als „Wohltäter“, vermutet Chico, wären er und Tatjana willkommen gewesen. „Aber unsere Herzen sehnten sich nach mehr. Wir sehnten uns nach Beziehung. Nach Freundschaft. Nach Verwandtschaft.” Chico und Tatjana wollten nicht für Gleichberechtigung kämpfen, sondern sie wollten erfahren, „zu wem sie eigentlich gehörten“. „Wir kamen nach Ford Heights und beteten, Gott möge uns und unsere Nachbarn zu einer Familie zusammenfügen.“ Die Erfüllung dieses Gebetes erwies sich als langwieriger, denn sie gedacht hatten.
Chico denkt über das Verhalten Jesu nach. Es scheint im Widerspruch zu den Aussagen im „Weltgericht“ des Matthäusevangeliums (Kapitel 25) zu stehen, in dem denen, die gute Werke verrichtet haben (35 Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. Ich war krank, und ihr habt euch meiner angenommen. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen), das Himmelreich zugesprochen wird. Chico fragt: „Wann hat Jesus die Nackten gekleidet? Den Durstigen zu trinken gegeben? Die Gefangenen besucht? Obdach den Heimatlosen? Soweit wir wissen, hat Jesus die Hungrigen nur ein einziges Mal gespeist.“
Als Antwort erinnert Chico an die Begegnungen Jesu mit Menschen, die diese Menschen verwandelt haben. Sie geschahen, als er Gast und nicht als er Gastgeber war: „Der Zöllner Levi lud ihn zum Abendessen ein [Lk 5,27ff], die samaritische Frau [Joh 4,7ff] schöpfte Wasser für ihn und der auferstandene Christus wurde erst offenbar, nachdem Kleopas und seine Gefährten Jesus als Fremden bei einem gemeinsamen Mahl begrüßt hatten [Lk 24,28ff]. Als Jesus die zweiundsiebzig aussandte, entblößte er sie aller Mittel [Lk 10,1-4] und bewirkte damit, dass sie von Gastfreundschaft abhängig waren. Beides scheint gleich wichtig zu sein: selbst Fremde sein und Fremde willkommen heißen.“
Für Chico und Tatjana war die Ablehnung der Forderungen oder Zumutungen ihrer Nachbarn eine neue Art des Verhaltens, „aber wir holten tief Luft und warteten darauf, als Fremde willkommen geheißen zu werden.“
Und so verhielten sie sich: „Wenn Kinder an unsere Tür kamen und um Essen baten, ließen wir sie hungrig wieder gehen. Wenn alleinerziehende Mütter uns drängten, sie im Auto irgendwohin zu fahren, lehnten wir höflich ab. Als obdachlose Nachbarn auf unserer Außentreppe auftauchten und die Nacht bei uns verbringen wollten, war kein Raum für sie in der Herberge. Wir reparierten keine Fahrräder, boten keinen Freitisch an und gründeten kein gemeinnütziges Unternehmen.“ „Einmal schrien mir einige Jungs über die Straße zu: ‚He, wo bleiben unsere grünen Tomaten?‘, aber ich […] schrie nur zurück: ‚Wir sind nicht eure Speisekammer!‘“
Chico und Tatjana wollten Gemeinschaft und sie wollten nicht die Erwartung erfüllen, dass sie die Schirmherren und die anderen ihre Schutzbefohlenen seien. Sie waren „entschlossen, dieses Paradigma umzukehren“, selbst wenn sie dabei die ewige Seligkeit aufs Spiel setzen sollten, wie sie im „Weltgericht“ versprochen wird.
Da wendete sich schließlich das Blatt. Chico erzählt: „Dann wurden wir eines Tages zum Grillen eingeladen. Kurz darauf zu noch einem. Und bald danach lud uns eine Familie ein, in ihrem Haus das Basketballspiel anzusehen. Wenn sie uns an einer Bushaltestelle [in Chicago] stehen sahen, hielten sie neben uns und boten uns an, uns mit nach Hause zu nehmen. Eine Nachbarin hörte, dass wir keine Waschmaschine hätten, und sagte, wir könnten, sooft wir wollten, ihre benutzen. Wieder ein anderer gab uns eine überschüssige Klimaanlage. Unser unmittelbarer Nachbar Clement brachte uns Essen herüber und die alleinerziehende Mutter Tamara winkte mich eines Tages zu sich und gab mir einen großen roten Mantel. Früher am Tag hatte dort eine Kleiderausgabe stattgefunden und, als sie sah, dass ich nicht dort war, hatte sie für mich etwas herausgesucht, von dem sie meinte, es könnte mir gefallen. Ich habe diesen Mantel noch heute.“
Chico erzählt, es habe viel Zeit gebraucht und es sei schwierig gewesen, „aber als unseren Nachbarn erst einmal klar war, dass wir sie nicht missionieren wollten, kamen sie auf uns zu und behandelten uns wie die verwundbaren Pilger, die wir tatsächlich waren. Jedes Mal, wenn uns unsere Nachbarn nährten, kleideten und willkommen hießen, stieg Heilung herab. Die Rollen gerieten durcheinander und Kasten lösten sich auf. Der Raum öffnete sich: Freundschaft konnte entstehen.“
Chico schreibt den Text sechs Jahre nach ihrem Umzug in die Stadt. Er und Tatjana teilen nun Freud und Leid mit ihren Nachbarn. Allerdings ist „in diesen Beziehungen nicht alles vollkommen: Sechs Jahre gemeinsamen Grillens im Hof können hundert Jahre deformierter Beziehungen zwischen Rassen nicht reparieren.“
Er schließt mit einem Bild: „Wir berühren den Saum eines Gewandes, das Verwandtschaft heißt. Es ist ein Gewand, das Jesus trägt und das uns Heilung bringt. Es ist das Gewand, das er nicht nur als Veranstalter eines Gastmahles, sondern ebenso als Gast trug.“
Tatjana fügt einen kurzen Text hinzu, in dem sie zunächst den Konsumverzicht des Paares und dessen Wirkung darstellt. Sie schließt mit den Worten: „Wir arbeiten gemächlich, um gemächlich leben zu lernen: auf kleine, alltägliche Weise zu lieben und der Bekehrung zu dienen. Ganz gleich, wie viel Zeit diese Bekehrung in Anspruch nehmen wird.“

Drei Zitate aus dem Text:

Als „Wohltäter“, vermutet Chico, wären er und Tatjana willkommen gewesen. „Aber unsere Herzen sehnten sich nach mehr. Wir sehnten uns nach Beziehung. Nach Freundschaft. Nach Verwandtschaft.”

Chico und Tatjana wollten Gemeinschaft und sie wollten nicht die Erwartung erfüllen, dass sie die Schirmherren und die anderen ihre Schutzbefohlenen seien. Sie waren „entschlossen, dieses Paradigma umzukehren“.

Chico schreibt den Text sechs Jahre nach ihrem Umzug in die Stadt. Er und Tatjana teilen nun Freud und Leid mit ihren Nachbarn. Allerdings ist „in diesen Beziehungen nicht alles vollkommen: Sechs Jahre gemeinsamen Grillens im Hof können hundert Jahre deformierter Beziehungen zwischen Rassen nicht reparieren.“