Category Archives: Eigene Texte

Andere “schonen”

„Wer andere schont, schont sich selbst“ ist keine moralische Bewertung – wie etwa „Liebe ist Egoismus“ -, sondern der Satz hat eine ganz praktische Bedeutung.
Er ist nur auf den Fall anzuwenden, dass jemand erwartet, dass es, wenn er einen anderen schont, dazu führt, dass dieser wiederum ihn schont. Es ist ja jedes Menschen gutes Recht, sich für das zu entscheiden, was ihm leichter zu ertragen zu sein scheint. Und das ist nicht nur von einem Menschen n zum anderen verschieden, sondern es kann auch von einer Situation zur anderen verschieden sein, weil auch das Abwägen eines Risikos eine Rolle dabei spielt, ob ich einen anderen schone oder nicht. Ich kann z.B. jemanden mit (allzu leichtfertig geäußerten) Bitten verschonen, weil ich nicht möchte, dass es ihm zu viel wird und er mich in der Folge ganz und gar hängen lässt. Andererseits gibt es Leute, die kaum eine Bitte aussprechen mögen, aus Angst, sie könnten mit der Ablehnung ihrer Bitte konfrontiert und mit dieser „Kränkung“ nicht fertigwerden. Das habe ich in der eigenen Familie bitter – und unerbittlich – erfahren.
Jemand, der sich nicht der Möglichkeit einer Kränkung aussetzen möchte, wird versuchen, sie auf die eine oder andere Weise von vornherein auszuschließen. Umgekehrt: Jemand, der meint, er könnte eine Kränkung (mehr oder weniger leicht) ertragen, wird im Umgang mit anderen nicht jede Möglichkeit dazu mit allen Mitteln auszuschließen versuchen, wird also weniger „vorsichtig“ und weniger bemüht sein, niemandem auf die Füße zu treten.
Wenn eine sich vor möglichen Enttäuschungen fürchtet, wird sie manches, dessen Gelingen ihr unsicher erscheint, lieber nicht versuchen. Es ist nun die Frage: Was erscheint ihr erträglicher, „enttäuscht“ zu werden oder eine (möglicherweise geringe, vielleicht aber auch einzigartige) Möglichkeit zu versäumen. Dieser Gedankengang hat zu meiner Lebensmaxime geführt:
„Was ich versuche, wird vielleicht etwas, was ich nicht versuche, wird bestimmt nichts.“
So ist es immer ein individuelles Abwägen und muss keinem allgemeinen gesellschaftlichen Urteil unterworfen werden.
Es läuft auf den bekannten simplen Satz hinaus: Wer sich zutraut, die möglichen Folgen zu ertragen, kann „alles“ tun. Das ist zweifellos eine allgemeingültige Einsicht, die aber wie alle ihresgleichen nur von Bedeutung ist, wenn eine sie auf ihr (tägliches) Verhalten anwendet, bzw. anwenden kann.

Systemisches Gespräch

Auszug aus: Ingrid von Heiseler, Lost in Goa. Lotos Verlag Berlin 2001.
eBuch: Lost in Goa. Fakten und Fiktion

Arno und Angela sprechen über den Sinn des Lebens (aus dem 13. Kapitel)
Arno versank in seine Gedanken. „Was für eine Reise!“, sagte er dann. „Alle achtunddreißig Jahre meines Lebens habe ich nicht so viel erlebt wie in diesen letzten Wochen! Wie konnte ich nur in all das hineingeraten? Und dann die gescheiterte Suche nach meinem Vater!“ Er erzählte von seiner großen Enttäuschung.
Sie schwiegen lange.
Dann fragte Arno plötzlich: „Was ist der Sinn?“
„Der Sinn?“
„Der Sinn des Lebens.“
„Sinn?“
„Also, was ist das Leben?“
„Sie sind in einer Krise!“
„Ja.“
„Diese Frage stellt man ja nur, wenn es einem schlecht geht.“
„Ja, ich fühle mich wirklich miserabel!“
„Was hielten Sie vor der Krise für selbstverständlich?“
„Dass ich die Frucht einer romantischen Liebe und ein Prinz bin.“
„Schöne Rolle. Und jetzt?“
„Ja, Rolle! Jetzt ist es eine schöne Rolle gewesen!“
„Früher nicht?“
„Nein, früher war es Realität.“
„Merkwürdige Realität, die sich durch eine einfache Mitteilung nachträglich ändert, finden Sie nicht? Welche Rolle haben Sie jetzt?“
„Eben keine Rolle mehr.“
„Aber Sie sind ja nun etwas anderes als Prinz und romantische Liebesfrucht.“
„Ja. Zufallsprodukt eines streunenden Zigeuners.“
„Das gefällt Ihnen nicht.“
„Gefiele Ihnen das?“
„Ihr Vater war oder ist Tonkünstler. Sind Sie musikalisch?“
„Freizeitmusiker.“
„Aha. Ihre Mutter war von ihm bezaubert.“
„Sie liebt Saxophonmusik.“
„Wie heißt dann die Geschichte?“
„Sie wollen da etwas umdrehen.“
„Was ist falscher an dieser Geschichte als an der alten? ‘Musiker bezaubert Bürgersfrau und zeugt mit ihr ein Kind der Liebe.’“
„Satire!“
„Nicht satirischer als die ältere Version.“
„Was ist das Leben?“
„Es kommt drauf an. Da Sie sich diese Frage – wie übrigens andere Leute auch – nur stellen, wenn Sie gerade in einer Krise stecken, hat die Antwort wenig Chancen, sehr positiv auszufallen.“
„Ein Spiel, sagen manche.“
„Ist die Antwort brauchbar?“
„Es kommt drauf an. Es kommt darauf an, ob ich gerade gewinne oder verliere. Wenn ich verliere, hilft mir der Gedanke: Das ist ja nur ein Spiel. Notfalls kann ich auch mit Spielen aufhören.“
„Das ist eine der Schwachstellen dieser Metapher: Ein Spiel kann man unterbrechen und wieder aufnehmen, das Leben nicht.“
„Metapher?“
„Deutungsweise. Metaphern machen sich manchmal selbständig.“
„Geschichte, Metapher – das Leben als Literatur?“
„In gewisser Weise. Vielleicht ist das eine brauchbare Metapher: Jeder schreibt seine Geschichte selbst, jedenfalls wählt jeder – bewusst oder unbewusst – seine Metaphern.“
„Ganz frei, oder?“
„Sie haben recht, natürlich nicht ganz frei. Der Inhalt ist innerhalb eines Rahmens vorgegeben. Aber die Form wählt jeder selbst. Sie können eine Tragödie oder eine Komödie, einen Trivialroman, einen Krimi oder was Sie wollen daraus machen.“
„Mir wäre lieber, Sie drückten sich direkter aus.“
„Wirklich? Das wäre umständlicher und langweiliger.“
„Alle Vergleiche hinken.“
„Ja, deshalb ist es auch besser, wenn man sich nicht an einer einzigen Metapher festhält, sondern ab und zu mal neue Bilder im Wohnzimmer aufhängt.“
„Das Leben: ein Spiel, ein Kampf, ein Fluss, eine grüne Wiese, die Hölle auf Erden, ein Theatersaal nach der Vorstellung, ‘das Leben nennt der Derwisch eine Reise’ …“
„’und eine kurze’. Ich sehe schon, Ihnen fällt genügend ein.“
„Und das wird mir helfen?“
„Ich weiß es nicht.“
Wieder schwiegen sie.

Fortsetzung von Heinrich Heines DONNA CLARA

Heinrich Heine, Donna Clara

Rosen, Mandelblüten, Lilien:
Wie erstarrt stehn sie im Mondschein.
Claras blasses Antlitz färbt sich
Plötzlich tief mit Zornesröte.

„Schändlich habt Ihr mich betrogen!“
Finster senkt sie ihre Stirne,
Wütend stampft sie auf den Boden.
„Nie will ich Euch wiedersehen!“

„Mutter, eng wird mir das Mieder.“
„Wer von allen Rittern ist es?“
„Niemals werd ich es bekennen!“
„Wirf dich vor dem Vater nieder!“

„Geh mir aus den Augen, Dirne,
Du bist nicht mehr meine Tochter!“
Und sie schnürt ein kleines Bündel
Und verlässt das Schloss im Frühlicht.

Ziellos streift sie durch die Straßen
Saragossas, hier und dorthin.
Was soll sie jetzt nur beginnen?
Und sie wendet sich zum Ebro.

Lange steht sie unentschlossen.
„Warten will ich, bis am Abend
Mich die Wasser mit sich nehmen.“
Und sie hockt sich kläglich nieder.

Frauen kommen mit der Wäsche.
„Wer ist die? Sie ist so kostbar
Angezogen und so traurig“,
Tuscheln sie und gehen näher.

Und die eine: „Oft schon hat mir
Meine Herrin streng befohlen:
Bring mir jede, die verzweifelt
Dort am Fluss ist mit nach Hause!“

Zögernd steht sie an der Schwelle –
Unbekannt ist ihr das Zeichen –
Von der Tür des großen Rabbi.
Mitleidvoll wird sie empfangen.

Und an dieser Stelle müssen
Wir der Einsicht und der Liebe
Beider Seiten überlassen,
Ob sie sich zusammenfinden.

http://de.wikisource.org/wiki/Donna_Clara
Rosen, Mandelblüten, Lilien:
Wie erstarrt stehn sie im Mondschein.
Claras blasses Antlitz färbt sich
Plötzlich tief mit Zornesröte.

„Schändlich habt Ihr mich betrogen!“
Finster senkt sie ihre Stirne,
Wütend stampft sie auf den Boden.
„Nie will ich Euch wiedersehen!“

„Mutter, eng wird mir das Mieder.“
„Wer von allen Rittern ist es?“
„Niemals werd ich es bekennen!“
„Wirf dich vor dem Vater nieder!“

„Geh mir aus den Augen, Dirne,
Du bist nicht mehr meine Tochter!“
Und sie schnürt ein kleines Bündel
Und verlässt das Schloss im Frühlicht.

Ziellos streift sie durch die Straßen
Saragossas, hier und dorthin.
Was soll sie jetzt nur beginnen?
Und sie wendet sich zum Ebro.

Lange steht sie unentschlossen.
„Warten will ich, bis am Abend
Mich die Wasser mit sich nehmen.“
Und sie hockt sich kläglich nieder.

Frauen kommen mit der Wäsche.
„Wer ist die? Sie ist so kostbar
Angezogen und so traurig“,
Tuscheln sie und gehen näher.

Und die eine: „Oft schon hat mir
Meine Herrin streng befohlen:
Bring mir jede, die verzweifelt
Dort am Fluss ist mit nach Hause!“

Zögernd steht sie an der Schwelle –
Unbekannt ist ihr das Zeichen –
Von der Tür des großen Rabbi.
Mitleidvoll wird sie empfangen.

Und an dieser Stelle müssen
Wir der Einsicht und der Liebe
Beider Seiten überlassen,
Ob sie sich zusammenfinden.

Ingrid von Heiseler: Gesammelte kleine Texte

Erwartung
Wenn ich etwas (Neues) unternehme, tue ich erst einmal so, als ob ich glaubte, es würde gelingen. Wenn es dann wirklich gelingt, bin ich überrascht.

Glaube
Ja, warum eigentlich nicht an Gott glauben, warum kein religiöser Mensch sein?
Ich fühle mich nach meiner Knieoperation – obwohl ich wieder gut laufen kann – schließlich auch an Stöcken sicherer. (6.1.15)

Emuna oder Humor
Eine vor Kurzem aufgefundene Fassung des Buches BERESCHIT bringt folgende Ergänzung (nach 440 vor unserer Zeitrechnung abgefasst, zu Genesis 1,19 „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“): „Doch damit du nicht verzweifelst, gebe ich dir die Wahl zwischen EMUNA, das ist Glaube, und HUMOR. Wähle gut!“
(In meinem kleinen Wörterbuch finde ich dt. Humor > hebr. Humor. Im großen Online-Wörterbuch Deutsch-Hebräisch – http://www.milon.li/ – gibt es das Wort nicht.)

Kein Adressat für den Satz (12.6.15)
Ich lerne eher durch Abschreckung als durch „gutes Beispiel“: Seit ich aus XY zurück bin, räume ich eine Schublade nach der anderen auf, und seit ich auf der Goldenen Hochzeit war, versuche ich mein Gewicht zu reduzieren.
Schließlich habe ich gelernt: Ich kann nur mich selbst und nicht andere ändern. Lieber als Schubladen aufräumen wäre mir, wenn A ihre Wohnung aufräumen würde, und lieber als auf 58 kg runterzukommen, wäre es mir, wenn ich denken könnte, diese alten dicken Frauen würden sich vernünftig ernähren und ihr Gewicht auf ein vernünftiges Maß reduzieren.
Es ist so eine Art Stellvertretung – die mir aber Nutzen bringt.

Telefonseelsorge (zum 40. Jahrestag in Wolfsburg)
Meine älteste Erfahrung mit der TS ist, dass mich ein Freund, als Ferngespräche noch teuer waren, regelmäßig aus Berlin anrief, wenn er Dienst bei der TS hatte.
Die zweite ist eine sogenannte persönliche Erinnerung. Die Mutter brauchte Pflege. Ich würde das nicht schaffen – noch war ich berufstätig und die Beziehung war in ihrem Alter schlecht geworden. Dass ich da nichts Unmögliches von mir zu verlangen brauchte, sollte die TS bestätigen. Als ich dachte, der Besitzer der alten Männerstimme hätte verstanden, sagte sie mit einem kleinen Seufzer: „Ja, es ist keine Liebe mehr unter den Menschen!“
Die dritte Erfahrung war die: Eine fremde junge Frauenstimme fragte, ob sie bei mir bei der TS sei. Ich erklärte ihr, sie habe wohl falsch gewählt, und da sagte sie: „Ihre Stimme klingt so nett, kann ich nicht Ihnen erzählen?“ Nun ja, ich war gerade nicht eilig und kann ja immer auf meine GT-Ausbildung zurückgreifen. Sie legte eine halbe Stunde später offenbar zufrieden auf.
26.10.14

Weisheiten
– Das Wohlbefinden hängt davon ab, inwieweit es gelingt, die Illusion „alles ist in Ordnung“ herzustellen, d.h. wie viel Kraft eine zu einem gegebenen Zeitpunkt aufbringt, diese Illusion herzustellen und an ihr festzuhalten. 14.10.14
– Wieso gehen wir davon aus, dass Heilsein der Normalzustand wäre? Wenn wir das tun, müssen wir leider feststellen, dass wir unaufhörlich von diesem „Normalzustand“ abweichen. Der logische Schluss aus dieser Feststellung ist: Nicht Heilsein, sondern Defizitärsein ist der Normalzustand. 14.10.14
– Jedes Paradies hat eine örtliche und eine zeitliche Koordinate. Deshalb kann man, ebenso wenig wie man in denselben Fluss steigen kann, in dasselbe Paradies zurückkehren. 15.10.14
– Alter ist eine Behinderung unter vielen anderen. Nur gut, dass sie erst spät im Leben eintritt! 15.10.14
– Paare sind deshalb glücklicher als Singles, weil sie sich weniger langweilen. Wenn ihnen nichts einfällt, können sie immer noch streiten. 16.11.14
– Ihr wisst doch: Selten – oder nie? – wird etwas so schön, wie wir hoffen, und so schlimm, wie wir fürchten.

Wettbewerb in politischer Unkorrektheit?
Ich hatte einmal an prominenter Stelle vorgeschlagen, einen Wettbewerb in politischer Unkorrektheit zu veranstalten. Leider ist niemand auf den Vorschlag eingegangen. Hier ein Beitrag zu einem Wettbewerb, der leider auch in Zukunft nicht stattfinden wird:
Flüchtlinge
Wir sollten alle Reisenden der Einfachheit halber „Flüchtlinge“ nennen: diejenigen, die aufbrechen, weil ihr Leben bedroht ist, wie auch die, die aufbrechen, weil sie sich der Illusion hingeben, am Ort jenseits des Meeres wäre das Leben bequemer als in ihrer Heimat. Ach stimmt ja, die werden ja schon „Flüchtlinge“ genannt. Dann schlage ich eine weitere Erweiterung des Begriffs vor: Wenn ich mit der Bahn zu einer Feier reise, bin ich ein Flüchtling vor der Feierlosigkeit bei mir zu Hause und anschließend bin ich ein Flüchtling vor der Menschenansammlung in die Ruhe meiner Wohnung. Ständig sind Menschen hierhin und dahin auf der Flucht, sei es vor der Ruhe oder sei es vor dem Stress: Sie fliehen in den Abenteuerurlaub und sie fliehen an vermeintlich ruhige Sandstrände. Alles Flüchtlinge!

Ingrid von Heiseler – Aufsätze und andere Texte

„Wir berühren den Saum eines Gewandes, das Verwandtschaft heißt“
Statt Kontrolle oder Hilfe: Begegnung auf Augenhöhe. Ein Denkanstoß

Plädoyer für Geduld und Langsamkeit der Friedenserzieher im Umgang mit sich selbst (und auch mit anderen)

MEDIATION? Was ist denn das?

Ein paar Gedanken über das „Miteinander-Reden

Gewaltfreie Schule

Gesammelte kleine Texte

Andere „schonen“

Systemisches Gespräch

Fortsetzung von Heinrich Heines DONNA CLARA

Familienerinnerungen

Coverfoto: Sonntagsausfahrt in Buchwalden. Mutter Erna und Vater Otto Abb auf dem Kutschbock, die kleine Ingrid hinten neben einer baltischen Comtesse.
FamErinCover1563

“Familienerinnerungen” besteht aus zwei Teilen: Der erste sind die “Erinnerungen” von Erna Abb, geb. Nürnberg (1906-1997). Der Anstoß, sie aufzuschreiben, kam von der Tochter. Das Manuskript sind viele schön und lesbar geschriebene Seiten. Gelegentlich wurden Ergänzungen hinzugefügt. Der zweite Teil “Sowas nimmt man doch nicht mit sich fort” wurde aufgrund der Aufforderung “schreib alles auf, was dir einfällt” aufgeschrieben. Im Anhang sind Fotos um Wanja von Heiseler versammelt.
Kindle
(Nr. 15 der eBücher)
Deutsche Nationalbibliothek

Statt Kontrolle oder Hilfe: Begegnung auf Augenhöhe. Ein Denkanstoß

„Wir berühren den Saum eines Gewandes, das Verwandtschaft heißt“

In seinem Aufsatz: Warten, dass man willkommen geheißen wird. Lernen, Gast und nicht [Gast-]Geber zu sein erzählt Chico Fajardo-Heflin von seinen und seiner Frau Erfahrungen der letzten Jahre. Sie haben nicht das hohe Ross von Kontrollieren oder „Helfen“ bestiegen, sondern sie wollten Menschen, die es gewohnt sind, als Objekte von Kontrolle und Helfen betrachtet zu werden, als Subjekten auf Augenhöhe begegnen. Chico Fajardo-Heflin geht von der – nicht nur christlich zu begründenden – Gastfreundschaft aus.
Gastfreundschaft wird „Fremden“ erwiesen, wer aber sind Fremde? Chico und Tatjana (so wollen wir die beiden von jetzt an vertraulich nennen) beschlossen, in eine ihrem Wohnort nahe gelegene kleine Stadt umzuziehen, in eine Stadt, die um ihre Existenz kämpft. „Wir brauchten nur unsere [neue] Straße entlangzugehen, damit uns klar wurde, dass in unserer verarmten und ganz und gar ‚schwarzen‘ Stadt nicht etwa unsere Nachbarn, sondern wir ‚Fremde‘ waren.“
Chico gibt uns dann eine geografisch genaue und sehr anschauliche Beschreibung des Ortes: „Ford Heights ist eine kleine, verfallende Stadt etwa 20 Kilometer von Chicago entfernt. Eigentlich ist es eine Vorstadt, ihre laubgrünen Straßen werden von verlassenen und ausgebrannten Häusern gesäumt. Streunende Hunde und Crack-Abhängige streifen dort umher.“ Das Gebiet wird von „einer Müllverbrennungsanlage, einem Schrottplatz, Kornfeldern und einer Ford-Fabrik“ begrenzt und „die Bewohner vegetieren in Armut und Isolation dahin“.
Chico und Tatjana „erwarteten zwar, dass unsere Ankunft Verdacht erregen würde, aber wie sehr sie alle nervös machen würde, das hatten wir nicht geahnt“.
Chico erzählt, wie die Menschen auf ihre Ankunft reagierten: „Kinder, die in Vorhöfen spielten, unterbrachen ihr Spiel und starrten uns an und geräuschwolle Nachbarn senkten die Stimme zu einem Flüstern, als wir vorübergingen. Jedes Mal, wenn wir so kühn waren, eine Unterhaltung in Gang bringen zu wollen, begegnete unserem Gruß ein bleiernes Schweigen. Wohin wir auch gingen, schien sich die Luft mit Spannung zu füllen.“
Chico versucht, das Verhalten der Menschen zu erklären: „Fort Heights ist Fremde gewohnt. Sie dringen mit Dienstmarke und Handfeuerwaffe oder mit einem Lächeln und einer Lastwagenladung Kleider ein.“ Zwar ärgerten sich die Neuankömmlinge über das Verhalten der Bewohner, aber sie hatten gleichzeitig Verständnis dafür, denn „ihrer Erfahrung nach kamen Fremde in die Stadt, um ihnen entweder wehzutun oder ihnen zu helfen, aber nie kam jemand einfach nur, um sie kennenzulernen. Diejenigen, die nicht dachten, wir wären verdeckt ermittelnde Polizisten, behandelten uns wie eine mobile Dienstleistungstruppe. Wenn sie uns auf dem Fußweg sahen, brüllten sie etwas wie: ‚Wann gebt ihr denn die Schulsachen aus?“, ‚Gebt mir ein paar Paprika aus euerm Garten!‘, ‚Komm her und repariere mein Fahrrad!‘
Die Leute bedrängten uns, ihnen Nahrungsmittel zu geben, sie im Auto mitzunehmen, ihre zusammengebrochenen Basketball-Gestelle zu ersetzen und dergleichen. Es waren Leute, die wir nicht kannten, Leute, die durchaus nicht darauf aus waren, uns kennenzulernen. Uns war zum Kotzen zumute.“
Als „Wohltäter“, vermutet Chico, wären er und Tatjana willkommen gewesen. „Aber unsere Herzen sehnten sich nach mehr. Wir sehnten uns nach Beziehung. Nach Freundschaft. Nach Verwandtschaft.” Chico und Tatjana wollten nicht für Gleichberechtigung kämpfen, sondern sie wollten erfahren, „zu wem sie eigentlich gehörten“. „Wir kamen nach Ford Heights und beteten, Gott möge uns und unsere Nachbarn zu einer Familie zusammenfügen.“ Die Erfüllung dieses Gebetes erwies sich als langwieriger, denn sie gedacht hatten.
Chico denkt über das Verhalten Jesu nach. Es scheint im Widerspruch zu den Aussagen im „Weltgericht“ des Matthäusevangeliums (Kapitel 25) zu stehen, in dem denen, die gute Werke verrichtet haben (35 Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet. Ich war krank, und ihr habt euch meiner angenommen. Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen), das Himmelreich zugesprochen wird. Chico fragt: „Wann hat Jesus die Nackten gekleidet? Den Durstigen zu trinken gegeben? Die Gefangenen besucht? Obdach den Heimatlosen? Soweit wir wissen, hat Jesus die Hungrigen nur ein einziges Mal gespeist.“
Als Antwort erinnert Chico an die Begegnungen Jesu mit Menschen, die diese Menschen verwandelt haben. Sie geschahen, als er Gast und nicht als er Gastgeber war: „Der Zöllner Levi lud ihn zum Abendessen ein [Lk 5,27ff], die samaritische Frau [Joh 4,7ff] schöpfte Wasser für ihn und der auferstandene Christus wurde erst offenbar, nachdem Kleopas und seine Gefährten Jesus als Fremden bei einem gemeinsamen Mahl begrüßt hatten [Lk 24,28ff]. Als Jesus die zweiundsiebzig aussandte, entblößte er sie aller Mittel [Lk 10,1-4] und bewirkte damit, dass sie von Gastfreundschaft abhängig waren. Beides scheint gleich wichtig zu sein: selbst Fremde sein und Fremde willkommen heißen.“
Für Chico und Tatjana war die Ablehnung der Forderungen oder Zumutungen ihrer Nachbarn eine neue Art des Verhaltens, „aber wir holten tief Luft und warteten darauf, als Fremde willkommen geheißen zu werden.“
Und so verhielten sie sich: „Wenn Kinder an unsere Tür kamen und um Essen baten, ließen wir sie hungrig wieder gehen. Wenn alleinerziehende Mütter uns drängten, sie im Auto irgendwohin zu fahren, lehnten wir höflich ab. Als obdachlose Nachbarn auf unserer Außentreppe auftauchten und die Nacht bei uns verbringen wollten, war kein Raum für sie in der Herberge. Wir reparierten keine Fahrräder, boten keinen Freitisch an und gründeten kein gemeinnütziges Unternehmen.“ „Einmal schrien mir einige Jungs über die Straße zu: ‚He, wo bleiben unsere grünen Tomaten?‘, aber ich […] schrie nur zurück: ‚Wir sind nicht eure Speisekammer!‘“
Chico und Tatjana wollten Gemeinschaft und sie wollten nicht die Erwartung erfüllen, dass sie die Schirmherren und die anderen ihre Schutzbefohlenen seien. Sie waren „entschlossen, dieses Paradigma umzukehren“, selbst wenn sie dabei die ewige Seligkeit aufs Spiel setzen sollten, wie sie im „Weltgericht“ versprochen wird.
Da wendete sich schließlich das Blatt. Chico erzählt: „Dann wurden wir eines Tages zum Grillen eingeladen. Kurz darauf zu noch einem. Und bald danach lud uns eine Familie ein, in ihrem Haus das Basketballspiel anzusehen. Wenn sie uns an einer Bushaltestelle [in Chicago] stehen sahen, hielten sie neben uns und boten uns an, uns mit nach Hause zu nehmen. Eine Nachbarin hörte, dass wir keine Waschmaschine hätten, und sagte, wir könnten, sooft wir wollten, ihre benutzen. Wieder ein anderer gab uns eine überschüssige Klimaanlage. Unser unmittelbarer Nachbar Clement brachte uns Essen herüber und die alleinerziehende Mutter Tamara winkte mich eines Tages zu sich und gab mir einen großen roten Mantel. Früher am Tag hatte dort eine Kleiderausgabe stattgefunden und, als sie sah, dass ich nicht dort war, hatte sie für mich etwas herausgesucht, von dem sie meinte, es könnte mir gefallen. Ich habe diesen Mantel noch heute.“
Chico erzählt, es habe viel Zeit gebraucht und es sei schwierig gewesen, „aber als unseren Nachbarn erst einmal klar war, dass wir sie nicht missionieren wollten, kamen sie auf uns zu und behandelten uns wie die verwundbaren Pilger, die wir tatsächlich waren. Jedes Mal, wenn uns unsere Nachbarn nährten, kleideten und willkommen hießen, stieg Heilung herab. Die Rollen gerieten durcheinander und Kasten lösten sich auf. Der Raum öffnete sich: Freundschaft konnte entstehen.“
Chico schreibt den Text sechs Jahre nach ihrem Umzug in die Stadt. Er und Tatjana teilen nun Freud und Leid mit ihren Nachbarn. Allerdings ist „in diesen Beziehungen nicht alles vollkommen: Sechs Jahre gemeinsamen Grillens im Hof können hundert Jahre deformierter Beziehungen zwischen Rassen nicht reparieren.“
Er schließt mit einem Bild: „Wir berühren den Saum eines Gewandes, das Verwandtschaft heißt. Es ist ein Gewand, das Jesus trägt und das uns Heilung bringt. Es ist das Gewand, das er nicht nur als Veranstalter eines Gastmahles, sondern ebenso als Gast trug.“
Tatjana fügt einen kurzen Text hinzu, in dem sie zunächst den Konsumverzicht des Paares und dessen Wirkung darstellt. Sie schließt mit den Worten: „Wir arbeiten gemächlich, um gemächlich leben zu lernen: auf kleine, alltägliche Weise zu lieben und der Bekehrung zu dienen. Ganz gleich, wie viel Zeit diese Bekehrung in Anspruch nehmen wird.“

Drei Zitate aus dem Text:

Als „Wohltäter“, vermutet Chico, wären er und Tatjana willkommen gewesen. „Aber unsere Herzen sehnten sich nach mehr. Wir sehnten uns nach Beziehung. Nach Freundschaft. Nach Verwandtschaft.”

Chico und Tatjana wollten Gemeinschaft und sie wollten nicht die Erwartung erfüllen, dass sie die Schirmherren und die anderen ihre Schutzbefohlenen seien. Sie waren „entschlossen, dieses Paradigma umzukehren“.

Chico schreibt den Text sechs Jahre nach ihrem Umzug in die Stadt. Er und Tatjana teilen nun Freud und Leid mit ihren Nachbarn. Allerdings ist „in diesen Beziehungen nicht alles vollkommen: Sechs Jahre gemeinsamen Grillens im Hof können hundert Jahre deformierter Beziehungen zwischen Rassen nicht reparieren.“

Einer tanzt aus der Reihe

Ein erzählender Bericht

von Ingrid von Heiseler

zuerst 1990 erschienen

AmazonJuni13
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CoverTill2500Über das Buch: Die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter. Schon im Kindergarten zeigt der Sohn „auffälliges Verhalten“, in der Schule wird es schlimmer: Dieses eigenwillige Kind kann nicht „stillsitzen“ und will sich den Anweisungen der Lehrer nicht fügen. Schulpsychologe, Spieltherapeut und  Nervenarzt stellen ihre Diagnosen. Sie reichen von „wunderbarer Spontaneität“ (mit der die „normale“ Schule nur nicht zurechtkomme) bis hin zur „Verhaltensstörung“. Es beginnt eine Odyssee von Schule zu Schule.

Kommentar: Die Autorin liefert mit ihrem erzählenden Bericht sowohl ein eindrucksvolles Beispiel für die hinterwäldlerische Auffassung von Pädagogik und Psychologie in den sechziger Jahren als auch ein heiter-melancholisches Portrait einer Mutter-Sohn-Beziehung, in der zwei trotz aller Widrigkeiten nicht aufgegeben haben.