Ein paar Gedanken über das „Miteinander-Reden“

Wolfsburg im Dezember 2011

In einer der letzten Klassen beschloss ich, meine Schrift zu „reformieren“. Ich wollte etwas, das ich mir „angewöhnt hatte“, so verändern, dass es mir besser gefiele. Ich hatte also 1. eine Vorstellung von dem, was mir besser gefiel, 2. hielt ich Schrift für veränderbar, da ich meinte, sie beruhe auf Gewohnheit und 3. dachte ich, dass ich durch Üben diese Gewohnheit verändern könnte.
Das gilt, denke ich, für alles, was jemand für eine Gewohnheit (und nicht für Schicksal) hält. Der erste Schritt ist eine Wunschvorstellung, der zweite eine Analyse des Vorhandenen und der dritte ein Plan, das Vorhandene der Wunschvorstellung – zumindest – anzunähern, am liebsten natürlich, sie zu erreichen.
Wie erwerben wir unsere Gewohnheiten? Als Kinder durch Nachahmung.
Die Art wie wir „miteinander reden“ (heute meist Kommunikation genannt) lernen wir durch Nachahmung unserer Eltern. Da können wir Glück oder Pech haben, denn die Kommunikationsgewohnheiten unterscheiden sich individuell durchaus (ein wenig) voneinander. Gemeinsamkeiten gibt es durch gemeinsame Kultur, gemeinsame historische Zeit und gemeinsame soziale Schicht. Kultur: in manchen Kulturen ist Harmonie ein besonders hochrangiger Wert und das beeinflusst also auch die Kommunikation entsprechend. Historische Zeit: Unsere Eltern hatten sicherlich mehr gemeinsame Kommunikationsgewohnheiten als sie mit ihren jeweiligen Urgroßeltern hatten. Schicht: in der Mittelschicht gelten Ohrfeigen nicht als Argumente.
Durch Nachahmung haben wir also Kommunikationsgewohnheiten eingeübt. Eines Tages mögen wir uns dann fragen, ob wir mit dem, was wir gelernt haben, zufrieden sind:
Erreichen wir damit, was wir wollen? Fühlen wir uns dabei wohl? Fühlen wir uns mit anderen verbunden? Haben wir den Eindruck, wir können damit Verbindungen herstellen, die so sind, wie wir sie uns wünschen? Und mit manch anderer Frage können wir das Gewohnte „in Frage stellen“.
Nun komme ich also eines Tages zu der Antwort: Nein, das genügt mir nicht! Da ich keine Erfinderin von Rädern bin, sehe ich mich um: Was gibt es denn da so an Angeboten? Welches der Angebote spricht mich an oder entspricht mir womöglich? Ich also stieß zunächst auf Carl Rogers – das war (spätestens) 1976. Bei der Lektüre seiner Bücher hatte ich den Eindruck: Über die Kommunikations-Möglichkeiten, die er beschreibt, wollte ich verfügen! Sie entsprechen genau dem, „was ich schon immer wollte“, von dem ich aber nicht wusste, wie ich es hätte erreichen könnten! Früh in meinem Leben hatte ich für mich das Lernziel formuliert: Ich möchte einmal sehr viele und vieles verstehen!
Damit war also der erste Schritt getan: Die Wunschvorstellung war gefunden. Auch der zweite Schritt war schnell getan: meine Gewohnheiten waren die und die und ich war nicht mit ihnen zufrieden. Also verändern! Das ist schnell beschlossen und langsam verwirklicht! Ich erinnere mich, dass ich monatelang als einzige Veränderung bemerkte, dass mir meine Gewohnheiten bewusst wurden – nach der Äußerung! „Wieder ‚falsch‘ gemacht!“ Das entmutigte mich aber nicht, da ab und zu auch mal „etwas gelang“. Die Umstellung dauerte, scheint mir heute, etwa ein Jahr. Danach sprach ich eine „neue Sprache“. Es hatte sich auch wie das Erlernen einer neuen Sprache angefühlt. Ich hielt so lange durch, bis sie mir zur „zweiten Natur“ geworden war. Ich hatte sie zur Verfügung, das heißt, ich konnte sie, musste sie aber nicht einsetzen. Vor jede Reaktion schaltete sich ganz von selbst eine kurze Kontrollphase ein: Jetzt so oder so reagieren?
Diese Sprache setzt durchaus nicht voraus, dass die, mit denen ich spreche, sie auch sprechen. Sie verstehen mich und ich kann mir, wenn es mir nötig erscheint, das in meine neue Sprache übersetzen, was sie in meiner alten Sprache gesagt haben. In dem Fall reagiere ich dann nicht auf das, was jemand „gesagt“ hat, sondern auf das, was er meinem Verständnis nach hatte ausdrücken wollen.
Vom Amerikaner Carl Rogers nimmt der Amerikaner Thomas Gordon einige Grundideen und vereinfacht sie so, dass er sie im Rahmen von Kursen und durch Bücher lehren kann. Er fasst sie in drei verschiedene Verhaltensweisen zusammen: Zuhören („aktives Zuhören“), sich direkt ausdrücken („Ich-Botschaften senden“) und Verhalten in bestimmten Konfliktfällen („erfolgreiche Konfrontation“): Ich äußere, „was mich stört“ (1) und nehme die Reaktion des anderen darauf aufmerksam auf (2). Wenn wir beide den Eindruck haben, dass ich seine Reaktion verstanden habe, komme ich auf das, was mich stört, zurück (3).
Einfacher geht es nicht! Wenn einem das erst einmal praktisch und praktizierbar erscheint, kommt die lange Phase der Umgewöhnung! Die sehr lange Phase! Wenn ich mich hier nach den Anteilen frage, die „Theorie“ und „Praxis“ jeweils haben, komme ich auf ein Verhältnis, sagen wir, von einem Anteil Theorie zu vielleicht 300 – oder 365 (s.o). – Anteilen Praxis (im Sinne von engl. practice=üben).
Es ist gelegentlich die Rede von einem „verbreiteten Konflikt-Analphabetismus“. Der Ausdruck stellt sehr gut dar, dass wir den Umgang mit Konflikten, also unser täglich Brot, wie Lesen und schreiben lernen können – und lernen (üben) müssen. Dazu gehört auch das Reduzieren der Häufigkeit von Konflikten durch Zuhören und direktes Sich-Ausdrücken schon im Vorfeld eines möglichen Konflikts.

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