Category Archives: Essay

Ingrid von Heiseler – Autorin

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Bücher
Meine Bücher 2018 http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=816
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Ingo lebt anders http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=156
Lost in Goa http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=125
Dieser Eingang ist nur für dich bestimmt http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=140
Leben10Anfänge http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=128
Familienerinnerungen http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=966

Essays
„Gewaltfreie“ Schule http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=7
Aufsätze und andere Texte http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=1018

Kreuzheide1968

Die Fotos

Wolfsburg 1968
Autorin90-300

Autorin 1990
TillUndIch300
AntonIngrid
FotoGoabuch01 002Unbenannt-Graustufen-01

Beziehung auf (zugestandener) Augenhöhe

Großmutter und Enkel konsummieren Eis am Stiel – oder sind es womöglich Zuckerstangen?

Autorin 2001

Nun ja, wer unter uns wird schließlich mit den Jahren immer schöner? Aber der Ausweis läuft demnächst ab. (Im Ausweis dann in Farbe) 25.09.2018

Uri Avnery: Letzte Artikel. Januar bis August 2018

AbzGSCovSchrift300In memoriam

Über das Buch
Viele Jahre lang schrieb Uri Avnery wöchentliche Artikel, in denen er meist Ereignisse in Israel beleuchtete. In vielen davon bezog er das aktuelle Geschehen dort auf Ereignisse in der Geschichte oder brachte es mit eigenen Erlebnissen in Zusammenhang. Die Artikel erschienen in mehreren Ländern in der jeweiligen Landessprache, darunter auch in Deutschland. Seit Februar 2012 brachten Websites diese Artikel auch in der Übersetzung von Ingrid von Heiseler. Seit 2013 sind die Artikel in Jahresbänden als Bücher erschienen: drei als Papierbücher und drei als eBücher. Der Band Letzte Artikel schließt die Reihe ab. In den Artikeln zeigt sich der Autor als
engagierter, zugleich immer auch besonnener, genauer Beobachter seiner Umwelt, als einer, der den Mut nicht verloren hat, als – so nennt er sich selbst – „Optimist“. Trotz Optimismus und Humor bleibt die Bedrohlichkeit der Gesamtsituation immer spürbar.
Das Buch ist als eBuch und als Taschenbuch erhältlich und es ist als pdf in der Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

Über den Verfasser
Uri Avnery wurde am 10. September 1923 in Beckum in Westfalen geboren und starb am 20. August 2018 in Tel Aviv in Israel. 1933 wanderten seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern nach Palästina aus. Dort kämpfte er seit früher Jugend für die Befreiung von der britischen Besatzung und gegen arabische Kämpfer. Nach einer schweren Verwundung änderten sich seine Anschauungen grundsätzlich. Mit Büchern und seiner Zeitung HaOlam HaZeh setzte er sich für die Verständigung zwischen Israelis und palästinensischen Arabern und später für die Zweistaatenlösung ein. Das brachte ihm viele Feindschaften, ja sogar Mordanschläge ein. Er nahm in vorderster Front an Demonstrationen teil, in denen es im auf die jeweilige Situation bezogenen Sinn um die Durchsetzung der Menschenrechte ging. Später führte er diese Arbeit mit der Bewegung Gusch Schalom fort. Sein letzter Artikel erschien in Haaretz am 7. August, am selben Tag, an dem er einen Schlaganfall erlitt. Bis zu seinem Tod zwei Wochen danach kam er nicht wieder zu Bewusstsein.

Uri Avnery auf dieser Website: Artikel 2012 bis 2018 & “Texte zur Person”

Die Jahrgänge
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018 Letzte Artikel. Januar bis August 2018 als eBuch und als Taschenbuch
– Zur Person. Texte von und über Uri Avnery

Meine Übersetzungen von Uri Avnerys Artikeln vom 30.07.2013 bis zum 04.08.2018 finden sich in chronologischer Reihenfolge hier. Die Artikel vom 12. Februar 2012 bis zum 23. Juli 2013 sind unter den hier angeführten Jahren als pdf zu finden.
Damit sind alle meine Übersetzungen von Uri Avnerys Artikeln direkt zugänglich.

Uri_Avnery_2013_2018_alle_Ingrid_von_Heiseler_Kritisches_Netzwerk_Apartheid_Judaisierung_Israel_Palaestina_Gusch_Schalom_Gush_Shalom_Antizionismus_zionism_Zionismus_Jerusalem

John Dear: Ein Mensch des Friedens und der Gewaltfreiheit werden

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Das Imperium des Todes ließ Jesus von Nazareth nach der dem Imperium eigenen
Ordnung ‚rechtmäßig hinrichten‘ und sein Grab durch Soldaten versiegeln. Jesus aber
missachtete das imperiale Amtssiegel und die Militärwache, verließ das Grab und stiftet seit nunmehr zweitausend Jahren Menschen auf dem ganzen Erdkreis zum Aufstand gegen den Tod an.
Zu diesen Menschen zählt auch der US-amerikanische Priester, Autor und Friedens-aktivist John Dear. Aufgrund seines zivilen Ungehorsams wider das „Imperium“
todbringender Mächte wurde er mehr als 75 Mal inhaftiert. Von seinen über 30 Buchveröffentlichungen liegen Übersetzungen in zehn Sprachen vor. Zum diesjährigen Osterfest (2018) wird dem deutschsprachigen Lesepublikum erstmals eine repräsentative Textauswahl angeboten.

Ausgewählte Aufsätze und Reden.
Übersetzt von Ingrid von Heiseler, ausgewählt & herausgeben von Thomas Nauerth, mit einem Vorwort von Peter Bürger. Norderstedt: BoD 2018. ISBN: 978-3-7460-8898-3
[168 Seiten; Preis 6,99 Euro]
Bestellmöglichkeit finden Sie hier. Hier können Sie auch “einen Blick ins Buch” werfen.

John Dear ist kath. Priester (Ordination 1993) und war Direktor des Versöhnungsbundes (Fellowship of Reconciliation, USA). Nach dem 11. September 2001 gehörte er zu den Rote-Kreuz-Koordinatoren der Geistlichen im Family Assistance Center und beriet Verwandte der Opfer und Rettungskräfte. Er arbeitete in Obdachlosenunterkünften, Suppenküchen und Gemeindezentren; er reiste in Kriegsgebiete in aller Welt, darunter Irak, Palästina, Nicaragua, Afghanistan, Indien und Kolumbien. Er lebte in
El Salvador, Guatemala und Nordirland.
Er saß wegen einer Plowshares-Entwaffnungsaktion acht Monate im Gefängnis.
John Dear hat zwei Master-Abschlüsse in Theologie von der Graduate Theological Union in Kalifornien und lehrte Theologie an der Universität in Fordham, New York City. Er zählt zu den Mitarbeitern von “Pace e Bene”, “peace + all good” in Corvallis in Oregon. Er gehörte bis 2014 dem Jesuitenorden an und wurde dann Priester der Diözese von Monterey in Kalifornien.

Uri Avnery: Ein Neubeginn

Artikel 2017
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Uri Avnerys Stimme ist eine Stimme des Friedens und der Vernunft.
In seinen wöchentlichen Artikeln stellt er geografische und vor allem historische Zusammenhänge heraus. Seine bei aller Kritik an Entscheidungen seiner Regierung von der Liebe zu seinem Land geprägte Darstellung weckt Verständnis für die aktuellen Ereignisse in der Region, die Mentalität der Israelis und die
politische Stimmung im Land.
Uri Avnerys Artikel erweisen sich auch als hilfreich für das
Verständnis der (eigentlich immer) unübersichtlichen welt-politischen Ereignisse und Situationen: Sein unbestechlicher Blick in die jeweilige GESCHICHTE – oft aus den unterschiedlichen
Perspektiven der Beteiligten – scheint dafür unerlässlich zu sein.
Tiefe der Analyse, Treffsicherheit des Ausdrucks und Humor
erheben die Artikel über die Tagesaktualität ihrer Themen in
Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit.
Der Autor zeigt sich als engagierter, zugleich immer auch besonnener, genauer Beobachter seiner Umwelt, als einer, der den Mut nicht verliert, als – so nennt er sich selbst – „Optimist“.
Uri Avnery ist Weltbürger und schreibt daher immer ebenso für seine Landsleute wie für die Menschen in der übrigen Welt.
Zugänglich ist der Band als eBuch, als PDF in der Deutschen Nationalbibliothek und als Taschenbuch.

Uri Avnery: Ja, es ist möglich. Artikel 2016

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Im von Uri Avnery selbst – aus den Titeln seiner Artikel – ausgewählten Titel dieser Sammlung JA, ES IST MÖGLICH nennt der Autor die grundlegende Bedingung für den Frieden zwischen
Israelis und Palästinensern: den Glauben daran, dass eine Lösung möglich ist.
An immer neuen – aktuellen – Beispielen erweisen sich Uri Avnerys Artikel als hilfreich für das Verständnis der (eigentlich immer) unübersichtlichen weltpolitischen Ereignisse und Situationen: Sein unbestechlicher Blick in die jeweilige GESCHICHTE – meist aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten – scheint dafür unerlässlich zu sein.
Tiefe der Analyse, Treffsicherheit des Ausdrucks und Humor erheben die Artikel über die Tagesaktualität ihrer Themen in
Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit.
Uri Avnery erweist sich auch hier wieder als engagierter, zugleich immer auch besonnener, genauer Beobachter seiner Umwelt, als einer, der den Mut nicht verliert, als „Optimist“ (im Titel seiner – bisher nur hebräisch erschienen – Autobiografie) und als ein Weiser, den man gerne um Rat fragen möchte.

Erreichbarkeit: pdf in der Deutschen Nationalbibliothek
Als eBuch bei Kindle Amazon

Uri Avnery: Israel und Palästina auf dem Wege zu einer Zweistaatenlösung?

Betrachtungen zu einer notwendigen Lösung der Krise. Artikel 2015
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
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Inhalt
Der Felsen unserer Existenz 03.01.
Die Hälfte von Schas 10.01.
In der vordersten Reihe gehen und winken 17.01.
Galants tapfere Tat 24.01.
Lauter Zionisten 31.01.
Flaschenpost 07.02.
Die Kasinorepublik 14.02.
Anti-Was? 21.02.
Eine kostspielige Rede 28.02.
Die Rede 07.03.
Wen soll ich wählen? 14.3.
Der Messias ist nicht gekommen 21.3.
Die israelische Heimfront 28.3.
Wer hat Angst vor der bösen Bombe? 4.4.
Nationale Einheit 11.4.
„Es gibt noch Richter …“ 18.4.
Hunde und Katzen in einem Sack 25.4.
Ein Junge namens Bibi 2.5.
Ein Tag- und Nacht-Albtraum 9.5.
Die Kriegsnarren 16.5.
Wer wird Israel retten? 23.5.
Die Landkarte an der Wand 30.5.
Die Nakba, wie sie wirklich war 6.6.
BDS: der neue Feind 13.6.
Isratin oder Palestrael? 20.6.
Kriegsverbrechen? Wir??? 27.6.
Die zweite Schlacht von Trafalgar 4.7.
Ich bin eine Griechin 11.7.
Der Vertrag 18.7.
Sheldons Handlanger 25.7.
Auf der Suche nach einem Helden 1.8.
Divide et Impera 8.8.
Jüdische Terroristen 15.8.
Der Zauberlehrling 22.8.
Die weich gewordenen Drei 29.8.
Das Gesicht eines Jungen 5.9.
Die wirkliche Gefahr 12.9.
„Red keinen Zionismus!“ 19.9.
Das Furcht-Ministerium 26.9.
Nasser und ich 3.10.
Ein Führer ohne Ruhm 10.10.
Das Preußen der Siedler 17.10.
Weine, geliebtes Land 24.10.
Adolf, Amin und Bibi 31.10.
Der Mufti (Ergänzung) 1.11.
Ariels Katzen 7.11.
Keine Artikel am 14. und 21. 11
Die Herrschaft der Absurdiotie 28.11.
Gedanken am Meeresufer 5.12.
König Bibi 12.12.
Ein einsamer Rechtsanwalt 19.12.
Die Erfindung der Nationen 26.12

Uri Avnery: Die Wacht am Jordan. Artikel Teil II. 2014

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
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Uri Avnerys Stimme ist eine Stimme des Friedens und der Vernunft.
In den hier versammelten wöchentlichen Artikeln stellt er
geografische und vor allem historische Zusammenhänge heraus. Seine bei aller Kritik an Regierungsentscheidungen von der Liebe zu seinem Land geprägte Darstellung weckt Verständnis für
die aktuellen Ereignisse in der Region, die Mentalität der Israelis und die politische Stimmung im Land.
Tiefe der Analyse, Treffsicherheit des Ausdrucks und Humor
erheben die Artikel über die Tagesaktualität ihrer Themen in
Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit.
Auch hier wieder zeigt sich der Autor als engagierter, zugleich immer auch besonnener, genauer Beobachter seiner Umwelt, als einer, der den Mut nicht verliert, als – so nennt er sich selbst –
„Optimist“.
Uri Avnery ist Weltbürger und schreibt daher immer ebenso für seine Landsleute wie für Menschen in aller Welt.

Zum Mindestpreis der eBücher von amazon erhältlich.
Jetzt auch als pdf in der Deutschen Nationalbibliothek mit Katalogeintrag

Plädoyer für Geduld und Langsamkeit der Friedenserzieher im Umgang mit sich selbst (und auch mit anderen)

Ein pragmatischer Ansatz
Das alte Neue              

Zu Me-ti sagte ein Schüler: Was du lehrst, ist nicht neu. […] Me-ti antwortete: Ich lehre es, weil es alt ist, d.h. weil es vergessen werden und als nur für vergangene Zeiten gültig
betrachtet werden könnte. Gibt es nicht ungeheuer viele, für die es ganz neu ist?
(Brecht 1967, S. 510)
Zwei Thesen:
„Es hat gar keinen Sinn, Kinder zu erziehen! Sie machen uns doch nur alles nach!“
Jede Erzieherin ist insoweit eine Friedenserzieherin, als sie mit gewaltfreien Mitteln und auf friedliche Weise erzieht.
Daraus ergeben sich zunächst zwei Fragen: 1. Welche Grundeinstellungen hat die Friedenserzieherin? und 2. Auf welche Weise kann sie mit gewaltfreien Mitteln und auf friedliche Weise erziehen?
Grundeinstellungen geraten leicht unter Ideologieverdacht. Die humanistische Psychologie geht von der Annahme aus, dass der Mensch im Grunde gut sei und „wachsen“ wolle und dass das Böse in ihm nichts als eine Fehlleitung des Strebens nach Wachstum sei. Gewisse „missionarische Inhalte“ jedoch liegen auch dem „Credo“ aller derer zugrunde, die sich mit der „Verbesserung“ der menschlichen Kommunikation befassen, auch wenn sie den Menschen skeptischer betrachten. Dazu gehören unter anderem:
–          „Man kann den anderen nicht ändern, nur sich selber. Der andere ist anders und wird es immer bleiben. Annäherung ergibt sich aus dem Akzeptieren dieser Grundlage.
–          Sag klar, was du möchtest. Dein Wunsch sei dem anderen Information, nicht Befehl.
–          Es reicht nicht, wenn man den anderen versteht (‚Ich verstehe dich schon, aber …’); man muß ihm auch zeigen, was genau man verstanden hat.
–          Du kannst nur jemanden erreichen – und etwas bei ihm erreichen – , wenn er dir von innen her zuhört. Von innen zuhören kann er aber erst, wenn er sich von dir verstanden fühlt.
–          Streit, Konflikte und Aggressionen müssen der Beziehung nicht abträglich sein. Im Gegenteil, sie bilden die nötige Ergänzung zur Harmonie, die ohne das verbindende Streiten zur ‚Friedhöflichkeit’ verkommt. […]
–          Harmonie, Treue, Vertrauen, lebendiges Miteinandersein – das fällt einem nicht in den Schoß […]. Nimm die Beziehungsarbeit mindestens so ernst wie deine berufliche Arbeit“. (Thomann/Schulz von Thun, S.299 -302)
 
Auf die 2. Frage gibt es eine umfassende Antwort: dem anderen mit „Respekt“ begegnen, d.h. ihm signalisieren, „dass ich bereit bin, mich auf ihn einzulassen“. Wenn ich mich vergewissert habe, dass ich die Auffassungen des anderen erfasst habe, entscheide ich, „ob und wie weit ich sie akzeptieren kann oder ihnen Widerstand entgegensetzen muss.“ (Bernhard Nolz)
 
Ich beschäftige mich hier  nur mit dem ersten Teil, nämlich mit dem Respekt bzw. der „Wertschätzung“ (Rogers 1974). Wertschätzung ist eine Haltung, die die Friedenserzieherin ihren Schülern gegenüber einnimmt und die sich in bestimmten Verhaltensweisen niederschlägt: Respekt muss „signalisiert“ werden, um den anderen zu erreichen. „Was trägt dazu bei, dass ich mich ‚wertgeschätzt’ fühle?
–          wenn jemand sich für mich Zeit nimmt,
–          wenn jemand aufmerksam auf mich ist, mich wahrnimmt und nicht beurteilt (weder negativ noch positiv), so dass ich mich nicht auf seine Erwartungen hin ausrichten muss, sondern so sein kann, wie ich bin,
–          wenn jemand mir einen Vertrauensvorsprung einräumt, d.h. weder Bosheit noch Dummheit von mir zu erwarten scheint und
–          wenn jemand mich nicht ändern will.“  (von Heiseler 1984)
Die Voraussetzung für Wertschätzung ist aufmerksame Wahrnehmung. Zunächst einmal muss ich meine eigenen Gedanken und Gefühle aufmerksam wahrnehmen. Ich sehe z.B. einen Fremden und mir fallen „spontan“, d.h. gewohnheitsgemäß, die Vorurteile ein, die ich im Laufe meines Lebens – oft sehr früh – „gelernt“ habe. Ich vergegenwärtige mir diese Vorurteile und stelle sie dann so weit wie möglich zurück. Unmöglich ist es, sie von einem Augenblick auf den anderen einfach abzulegen.  Wenn ich es trotzdem versuche, tappe ich in die Falle, genau das Gegenteil von dem zu tun, was mir mein Vorurteil diktieren möchte – diese Falle kennen wir wohl alle aus eigener Erfahrung. Alles, was ich tun kann, ist, die Vorurteile wahrzunehmen und zurückzustellen. Der zweite Blick, den ich jetzt auf den Fremden werfe, ist schon offener für genauere Wahrnehmung.
Zur Wahrnehmung kann man sich nicht einfach ein für alle Mal entschließen,  sondern sie ist das Ergebnis von Übung. Alles, was wir durch Übung – und nicht durch einmalige Einsicht – lernen, verlangt oft tausendfache Wiederholung und damit sehr viel Geduld und sehr viel Zeit. Die Übung ist darum notwendig, weil wir alte Gewohnheiten durch neue Gewohnheiten ersetzen wollen. Wenn ich mich z.B. jahrzehntelang daran gewöhnt habe, zu viel und das „Falsche“ zu essen, dann brauche ich viele Jahre, um dauerhaft neue Ernährungsgewohnheiten anzunehmen. So langsam geht Umgewöhnen vor sich! Darum möchte ich für Geduld und Langsamkeit der Friedenserzieher vor allem im Umgang mit sich selbst plädieren! Wir lernen (meist) schnell im Kopf, aber langsam im Körper bzw. im Gefühl! Die wichtigste Übung ist die Übung in aufmerksamer Wahrnehmung. Sie nimmt Monate, Jahre oder sogar das ganze Leben in Anspruch.
Den ersten Schritt bei der Übung in aufmerksamer Wahrnehmung mache ich, indem ich, wie schon gesagt, mich meinen eigenen Gedanken und Gefühlen zuwende.
Das klingt leichter, als es ist.
Selten sind Gedanken und Gefühle einfach und eindeutig. Z.B. kann mich etwas wütend machen und gleichzeitig halte ich es für unangebracht, meinen Ärger zu äußern. Thomann und Schulz von Thun (1996) sprechen vom „inneren Team“, das jeder Mensch in sich habe: die vielen Seelen in seiner Brust. Selten nimmt jemand alle die verschiedenen Stimmen in sich (auf einmal) wahr, weil das viel zu verwirrend wäre und alles Handeln blockieren würde. Oft wird eine der Stimmen unterdrückt, geht dann in den Untergrund und richtet von dort aus Verwirrung an. Eine der Aufgaben der Selbstwahrnehmung ist es folglich, die verschiedenen Stimmen in sich wahrzunehmen und dann (mehr oder weniger bewusst) eine Entscheidung zu treffen, welche der Stimmen die Führung übernehmen soll. Wie in einem Team, das aus verschiedenen Menschen besteht, müssen die Stilleren oft durch geduldiges Zuhören ermutigt werden, sich zu äußern. Das nimmt einige Zeit in Anspruch, denn es verlangt die Einübung gewisser Techniken. Dass sich jemand seines inneren Teams bewusst ist, ist eine Vorbedingung der Aufgabe, „echt“ zu sein (Rogers) und infolgedessen „klar“ (Fischer). Wo mehrer Stimmen durcheinander sprechen, weil keine die Führungsrolle bekommen hat, wird es – draußen wie drinnen – keine klare Ausdrucksweise geben.

Ein ebenso wichtiger Aspekt der Selbstwahrnehmung ist die Erkenntnis, dass jedem Menschen zunächst seine eigene Sichtweise als die richtige und/oder (sogar) als die einzig mögliche erscheint. Natürlich weiß heute jede, dass das ein Irrtum ist, und die Formel: „So sehe ich das jedenfalls“ kann wirksam zum Schutz vor Angriffen gebraucht werden. Aber in unserer Wahrnehmung stellt sich unsere eigene Sichtweise – wenn nicht gerade gleichzeitig Zweifel aufkommen – spontan als „richtig“ dar: „So und nicht anders ist es!“ Vielleicht kann uns in dieser Situation die Frage (an uns und/oder andere) weiterhelfen: „Wie kann man das denn noch sehen?“ Jede andere mögliche Sichtweise zerstört ja den Unfehlbarkeitsanspruch, den wir zunächst unmittelbar erheben möchten. Dass uns zunächst nur die eine Sichtweise richtig erscheint, gibt uns die Möglichkeit, einen Standpunkt zu vertreten. Wäre es anders, könnten wir uns nicht eindeutig ausdrücken, sondern würden uns u.U. gleich im selben Augenblick widersprechen. Das wäre als Ausgangspunkt einem Gespräch sicherlich nicht förderlich.
Die Selbstwahrnehmung hat also (wenigstens) zwei Aspekte: Ich nehme wahr, welche verschiedenen – oft einander widersprechenden und/oder einander behindernden – Gedanken und Gefühle in einer gegebenen Situation in mir vorkommen. Und: Ich nehme wahr, dass das, was ich denke und fühle mir (zunächst einmal) als die einzige Möglichkeit des Denkens und Fühlens erscheint.
Erst wenn ich beides wahrgenommen habe, kann ich der Situation angemessene Folgerungen daraus ziehen: Ich kann mich erst dann bewusst entscheiden, welcher Gedanke bzw. welches Gefühl die Oberhand bekommen und den Ausdruck bestimmen soll. (Dass die anderen Mitglieder des inneren Teams sich auf nonverbale Weise ausdrücken, ist zu erwarten und {spätestens} bei Nachfrage zu klären.) Meine Folgerung aus der Erkenntnis meines – gut begründeten – Unfehlbarkeitsanspruches kann sein, dass ich andere dazu einlade, meine Sichtweise zu hinterfragen.
Wenn die Friedenserzieherin sich viel Zeit für die Einübung in diese beiden Aspekte der Selbstwahrnehmung genommen hat, ist sie viel besser für den zweiten Schritt „gerüstet“: die Übung der aufmerksamen Wahrnehmung ihres Gegenübers (Menschen, Dinge, Situationen). Zuerst wähle ich die „Totale“: Ich nehme die Situation als Ganze so weit wie möglich wahr. Dabei scheint es sinnvoll zu sein, dass ich mich frage, wie das Bild, das sich mir darstellt, beschaffen ist: Welche Rolle spielen z.B. meine Erinnerungen, Erfahrungen, Bedürfnisse und Absichten oder Wünsche bei meiner Wahrnehmung der Situation? Dann „zoome“ ich mich an die Person(en) heran, um die es in der Situation geht. Wenn ich die nötigen Informationen besitze, sollte ich mir zunächst den Zusammenhang vorstellen, in dem die Person, mein Gegenüber, steht: Spricht sie z.B. nur für sich selbst oder im Auftrag oder stellvertretend für andere? Wenn ich diese Informationen nicht habe und mir Zeit zur Verfügung steht, kann ich danach fragen. Anschließend versuche ich die Person „aufmerksam wahrzunehmen“. Dabei mache ich mir zunächst einmal die Assoziationen klar, die mir zu ihr einfallen, z. B. Vorurteile (s.o.). Ich sehe genau hin und werde mir bewusst, dass ich das, was ich sehe, zu nicht mehr als zum Aufstellen einer Hypothese über die Person gebrauchen kann.
Respekt für andere bzw. Wertschätzung anderer ist sowohl Voraussetzung als auch Folge des aufmerksamen Wahrnehmens. Voraussetzung ist er insofern, als ich allgemein Wertschätzung für andere Menschen empfinden muss, um einen einzelnen meiner Aufmerksamkeit für wert zu halten. Als Folge ergibt sich die Wertschätzung für diesen einen besonderen Menschen, dem ich meine Aufmerksamkeit gewidmet habe. Dass Wertschätzung, Interesse und selbst  Zuneigung  durch aufmerksame Wahrnehmung sogar zu einem Gegenstand entstehen bzw. wachsen können, kann jede selbst ausprobieren: Sie nehme sich das Blatt eines Baumes, ein Stück Moos, einen Stein oder etwas Ähnliches und versenke sich für fünf ganze (lange?) Minuten in seine Betrachtung. Das Ergebnis wird jede erstaunen, die das zum ersten Mal erprobt. Die Wirkung der aufmerksamen Wahrnehmung eines Menschen steht der Wirkung der aufmerksamen Wahrnehmung eines Gegenstandes in nichts nach, im Gegenteil! Bei aufmerksamer Betrachtung ist „einfühlendes Verständnis“ (Rogers 1974) nicht fern.
Beim nächsten Teilschritt betrete ich gut bearbeiteten Boden, wenn ich mich zuvor ausgiebig im Zuhören und darin geübt habe, das, was ich verstanden habe, der Sprecherin als Feedback anzubieten. Für diesen Teilschritt stellt die humanistische Psychologie (Rogers, Gordon, Gesprächspsychotherapie) umfangreiches Übungsmaterial zur Verfügung. Um es in der „Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte“ (Tausch 1974) zu einiger Fertigkeit zu bringen, bedarf es ebenfalls eines sehr umfangreichen Trainings. Allerdings bin ich nicht nur mit dem Einüben ungewohnter Verhaltensweisen beschäftigt, sondern ich habe auch umzulernen – was bekanntlich schwerer als neu lernen ist. Schließlich habe ich gelernt, dass loben, ermutigen, trösten und Rat geben „positive“ Verhaltensweisen seien. Das soll nun plötzlich nicht mehr gelten, weil sie – nicht anders als tadeln, herabsetzen und das scheinbar neutrale (und so notwendige!) Beurteilen – (angeblich – so Gordon)  Gespräche
blockieren. Und tatsächlich: Lobe ich eine, dann lässt sie sich (leicht) von ihrem eigenen Kurs abbringen, um mir einen Gefallen zu tun und noch einmal gelobt zu werden. Ermutige ich und gebe ich einen Rat, reizt das womöglich zum Widerspruch oder hemmt jedenfalls den sonst eher kreativen Gedankenfluss meines Gegenübers.
Bei allem hier Genannten handelt es sich lediglich um die aufmerksame Wahrnehmung meiner selbst und meines Gegenübers, also nur um eine – allerdings nicht zu überspringende! – Vorstufe zur eigentlichen Arbeit einer Friedenserzieherin: dem Einüben von Konfliktbearbeitungstechniken. Wie so oft ist auch hier der längere beschwerliche Weg durch Täler und über Gebirge schließlich der kürzere: Die Wahrscheinlichkeit, das Ziel zu
erreichen anstatt abzustürzen, ist dabei größer.
Trainingskurse für Friedenserzieher können zur Erkenntnis der Teilnehmer beitragen, welche Verhaltensweisen für einen friedlichen Umgang miteinander förderlich sind, und sie können einen Anfang in der Einübung solcher Verhaltensweisen bilden. Keineswegs sollten die Veranstalter die Illusion nähren, dass Kursteilnehmer, etwa in einem 8-tägigen Kurs, diese Verhaltensweisen „mal eben“ trainieren und dann anwenden könnten. Dazu bedarf es großer Geduld und eines großen Zeitaufwandes der Teilnehmer, weil jede einzelne sich über einen langen Zeitraum in ihrem privaten und beruflichen Alltagsleben nur selbst in die von ihr als förderlich erkannten Verhaltensweisen einüben kann. Das mag manch eine erschrecken, aber es sollte sie keineswegs abschrecken, sondern zur Geduld einladen und ermutigen.
 
Herkunft der zitierten Texte
Brecht, Bertolt, Gesammelte Werke 12. Prosa 2. Werkausgabe edition suhrkamp Frankfurt am Main 1967.
Fischer, Dietrich, Nonmilitary Aspects of Security: A Systems Approach. Unidir. United Nations Institute for Disarmament Research. Dartmouth Aldershot, BrookfieldUSA, Hong Kong, Singapore, Sydney 1993, Kapitel 7.1.1. Deutsche Übersetzung von Ingrid von Heiseler bei SozioPublishing.
Gordon, Thomas, Lehrer-Schüler-Konferenz. Wie man Konflikte in der Schule löst. Hoffmann und Campe (Hamburg 1977, engl. zuerst 1974).
von Heiseler, Ingrid, Ich kann mich in die Lage des andern versetzen. In: Betrifft Erziehung, 17. Jg. Mai 1984, S. 30 – 36.
McConnell, John, Achtsame Mediation. Buddhistische Wege der Konfliktbearbeitung. Deutsche Übersetzung von Ingrid von Heiseler. Internationaler Versöhnungsbund (Minden 2002).
Rogers, Carl, Lernen in Freiheit. Zur Bildungsreform in Schule und Universität. Kösel-Verlag München (1974). Teil II Eine Atmosphäre der Freiheit schaffen. Zwischenmenschliche Beziehung und Förderung des Lernens. S. 104 – 117.
Schulz von Thun, Friedemann, Miteinander reden 3. Das ‚innere Team’ und situationsgerechte Kommunikation. Rororo  Reinbek bei Hamburg 1998, S. 13.
Tausch, Reinhard, Gesprächspsychotherapie, Hogrefe Göttingen 6. Auflage 1974 (zuerst 1960).
Thomann, Christoph, Schulz von Thun, Friedemann, Klärungshilfe. Handbuch für Therapeuten, Gesprächshelfer und Moderatoren in schwierigen Gesprächen. Sachbuch rororo, Reinbek bei Hamburg, 42.-45. Tausend September 1996 (1988).
 
Kleiner Reader zum Themenkreis „förderliche Kommunikation und ihre Voraussetzungen“ (unvollständig)
Originalität
‚Heute’, beklagte sich Herr K., ‚gibt es Unzählige, die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können, und dies wird allgemein gebilligt. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi verfaßte noch im Mannesalter ein Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt. Infolgedessen werden Gedanken nur in eigner Werkstatt hergestellt, indem sich der faul vorkommt, der nicht genug davon fertigbringt. Freilich gibt es dann auch keinen Gedanken, der übernommen werden, und auch keine Formulierung eines Gedankens, die zitiert werden könnte. Wie wenig brauchen diese alle zu ihrer Tätigkeit! Ein Federhalter und etwas Papier ist das einzige, was sie vorzeigen können! Und ohne jede Hilfe, nur mit dem kümmerlichen Material, das ein einzelner auf seinen Armen herbeischaffen kann, errichten sie ihre Hütten! Größere Gebäude kennen sie nicht als solche, die ein einziger zu bauen imstande ist!’
(Brecht 1967, S. 379f)