Category Archives: Frieden

Uri Avnery: Letzte Artikel. Januar bis August 2018

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Über das Buch
Viele Jahre lang schrieb Uri Avnery wöchentliche Artikel, in denen er meist Ereignisse in Israel beleuchtete. In vielen davon bezog er das aktuelle Geschehen dort auf Ereignisse in der Geschichte oder brachte es mit eigenen Erlebnissen in Zusammenhang. Die Artikel erschienen in mehreren Ländern in der jeweiligen Landessprache, darunter auch in Deutschland. Seit Februar 2012 brachten Websites diese Artikel auch in der Übersetzung von Ingrid von Heiseler. Seit 2013 sind die Artikel in Jahresbänden als Bücher erschienen: drei als Papierbücher und drei als eBücher. Der Band Letzte Artikel schließt die Reihe ab. In den Artikeln zeigt sich der Autor als
engagierter, zugleich immer auch besonnener, genauer Beobachter seiner Umwelt, als einer, der den Mut nicht verloren hat, als – so nennt er sich selbst – „Optimist“. Trotz Optimismus und Humor bleibt die Bedrohlichkeit der Gesamtsituation immer spürbar.
Das Buch ist als eBuch und als Taschenbuch erhältlich und es ist als pdf in der Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

Über den Verfasser
Uri Avnery wurde am 10. September 1923 in Beckum in Westfalen geboren und starb am 20. August 2018 in Tel Aviv in Israel. 1933 wanderten seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern nach Palästina aus. Dort kämpfte er seit früher Jugend für die Befreiung von der britischen Besatzung und gegen arabische Kämpfer. Nach einer schweren Verwundung änderten sich seine Anschauungen grundsätzlich. Mit Büchern und seiner Zeitung HaOlam HaZeh setzte er sich für die Verständigung zwischen Israelis und palästinensischen Arabern und später für die Zweistaatenlösung ein. Das brachte ihm viele Feindschaften, ja sogar Mordanschläge ein. Er nahm in vorderster Front an Demonstrationen teil, in denen es im auf die jeweilige Situation bezogenen Sinn um die Durchsetzung der Menschenrechte ging. Später führte er diese Arbeit mit der Bewegung Gusch Schalom fort. Sein letzter Artikel erschien in Haaretz am 7. August, am selben Tag, an dem er einen Schlaganfall erlitt. Bis zu seinem Tod zwei Wochen danach kam er nicht wieder zu Bewusstsein.

Uri Avnery auf dieser Website: Artikel 2012 bis 2018 & “Texte zur Person”

Die Jahrgänge
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018 Letzte Artikel. Januar bis August 2018 als eBuch und als Taschenbuch
– Zur Person. Texte von und über Uri Avnery

Meine Übersetzungen von Uri Avnerys Artikeln vom 30.07.2013 bis zum 04.08.2018 finden sich in chronologischer Reihenfolge hier. Die Artikel vom 12. Februar 2012 bis zum 23. Juli 2013 sind unter den hier angeführten Jahren als pdf zu finden.
Damit sind alle meine Übersetzungen von Uri Avnerys Artikeln direkt zugänglich.

Uri_Avnery_2013_2018_alle_Ingrid_von_Heiseler_Kritisches_Netzwerk_Apartheid_Judaisierung_Israel_Palaestina_Gusch_Schalom_Gush_Shalom_Antizionismus_zionism_Zionismus_Jerusalem

Rivera Sun, Der Löwenzahnaufstand

Liebe und Revolution. Roman
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
Da die Autorin darauf bestanden hat, es (mit Create Space) in den USA zu veröffentlichen, ist es leider sehr teuer geworden.

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Der Löwenzahnaufstand spielt „in einer Zeit – von heute aus gleich um die Ecke“ in den USA. Die Protagonisten Sadie Byrd Gray und Charlie Rider setzen Leib und Leben für die Wiederherstellung der Demokratie gemäß der Bill of Rights ein: „Der Löwenzahnaufstand“, sagte Charlie, „ist die letzte Hoffnung, die uns bleibt, da unsere Demokratie im Griff der heimlichen Diktatur erwürgt wird. Er ist die Weigerung, sich von Furcht und Gier zu Tode quetschen zu lassen. Stattdessen müssen wir handeln, wenn wir leben wollen!“ (3. Kapitel) Die von der Wirtschaft unterwanderte Regierung hat unter dem Vorwand des „Kampfes gegen den Terrorismus“ im
Innern unter anderem die Rede- und Versammlungsfreiheit
aufgehoben. Die hohen Militärausgaben für den „Kampf gegen den
Terrorismus“ in der übrigen Welt dienen als Vorwand dafür, die
„Armen“ hungern zu lassen, während sich eine schmale
Eliteschicht mästet.
Rivera Sun erzählt die Geschichte einer gewaltfreien Revolution, in der Werkzeuge und Strategien angewandt werden, die im Laufe der Geschichte von vielen Führern, darunter Gandhi, Martin Luther King und Gene Sharp, entwickelt wurden. Damit transportiert sie nicht fiktionale Inhalte in einen fiktionalen Text. Das eröffnet die Möglichkeit, dass weitere Kreise mit den Begriffen und „Techniken“ der Gewaltfreiheit bekannt gemacht werden.
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Durch einige Kernsätze wird die – gelegentlich lehrhafte –
Intention des Romans verdeutlicht:
Willst du etwas wirklich Radikales tun? Sei freundlich, nimm Verbindung zu anderen auf, hab keine Angst!
Sei wie der Löwenzahn, wachse in unfruchtbaren Böden, trau dich, gegen Gewalt und Hass aufzustehen, und blühe in Liebe auf.

Wenn Furcht eingesetzt wird, um die Menschen zu beherrschen, dann ist Liebe das, womit wir rebellieren.
Worte eines alten Mannes: „Leben, Freiheit und Liebe? Wer wird dafür eintreten?“
Der Löwenzahnaufstand ist so klein wie ein Brot, das im Ofen gebacken wird, und so groß, dass er Diktatoren stürzen kann.
Arbeitsprinzipien: create, copy, improve, and share: schaffen, kopieren, verbessern und
weitergeben

Ein realistisch gefärbtes Märchen

John Dear: Ein Mensch des Friedens und der Gewaltfreiheit werden

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Das Imperium des Todes ließ Jesus von Nazareth nach der dem Imperium eigenen
Ordnung ‚rechtmäßig hinrichten‘ und sein Grab durch Soldaten versiegeln. Jesus aber
missachtete das imperiale Amtssiegel und die Militärwache, verließ das Grab und stiftet seit nunmehr zweitausend Jahren Menschen auf dem ganzen Erdkreis zum Aufstand gegen den Tod an.
Zu diesen Menschen zählt auch der US-amerikanische Priester, Autor und Friedens-aktivist John Dear. Aufgrund seines zivilen Ungehorsams wider das „Imperium“
todbringender Mächte wurde er mehr als 75 Mal inhaftiert. Von seinen über 30 Buchveröffentlichungen liegen Übersetzungen in zehn Sprachen vor. Zum diesjährigen Osterfest (2018) wird dem deutschsprachigen Lesepublikum erstmals eine repräsentative Textauswahl angeboten.

Ausgewählte Aufsätze und Reden.
Übersetzt von Ingrid von Heiseler, ausgewählt & herausgeben von Thomas Nauerth, mit einem Vorwort von Peter Bürger. Norderstedt: BoD 2018. ISBN: 978-3-7460-8898-3
[168 Seiten; Preis 6,99 Euro]
Bestellmöglichkeit finden Sie hier. Hier können Sie auch “einen Blick ins Buch” werfen.

John Dear ist kath. Priester (Ordination 1993) und war Direktor des Versöhnungsbundes (Fellowship of Reconciliation, USA). Nach dem 11. September 2001 gehörte er zu den Rote-Kreuz-Koordinatoren der Geistlichen im Family Assistance Center und beriet Verwandte der Opfer und Rettungskräfte. Er arbeitete in Obdachlosenunterkünften, Suppenküchen und Gemeindezentren; er reiste in Kriegsgebiete in aller Welt, darunter Irak, Palästina, Nicaragua, Afghanistan, Indien und Kolumbien. Er lebte in
El Salvador, Guatemala und Nordirland.
Er saß wegen einer Plowshares-Entwaffnungsaktion acht Monate im Gefängnis.
John Dear hat zwei Master-Abschlüsse in Theologie von der Graduate Theological Union in Kalifornien und lehrte Theologie an der Universität in Fordham, New York City. Er zählt zu den Mitarbeitern von “Pace e Bene”, “peace + all good” in Corvallis in Oregon. Er gehörte bis 2014 dem Jesuitenorden an und wurde dann Priester der Diözese von Monterey in Kalifornien.

Pyarelal: Eine Pilgerreise für den Frieden

Gandhi und Badshah Khan bei den Pathanen der Nordwestgrenzprovinz

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Über das Buch (an die Einführung Pyarelals angelehnt)
Der Sekretär Gandhis, der sich nur mit seinem Vornamen Pyarelal nennt, berichtet über Gandhis vierwöchige Reise in Gesellschaft Khan Saheb Abdul Ghaffar Khans durch die Nordwestgrenz-provinz Im Herbst 1938. Er stellt das gute Einvernehmen und die aufopfernde Fürsorge des Gastgebers für seinen Gast ausführlich dar.
In der Nordwestgrenzprovinz musste Gandhi Menschen die Gewaltfreiheit er-klären, deren gesamte Geschichte der letzten zweitausend Jahre in entgegengesetzte Richtung verlaufen war. Gewaltfreiheit war das genaue Gegenteil von dem, was die Paschtunen traditionell praktizierten.
Gandhis Reise stand unter dem Schatten der Münchener Krise. Das verlieh seinen Äußerungen internationale Brisanz. Gandhi meinte, seine Botschaft könne weltweit umgesetzt werden.
Einige behaupten, dass Gewaltfreiheit als Waffe nur in dem Fall von Nutzen sein könne, wenn die Macht, die es zu bekämpfen gelte, empfänglich für einen moralischen Appell sei. Wenn zum Beispiel die deutschen Juden ihre Zuflucht zu Satyagraha genommen hätten, hätte sie das nicht vor dem Tod retten können.
Die das sagen, scheinen zu vergessen, dass die Wirkung der Gewaltfreiheit nicht von der Duldung des Tyrannen abhängt. Sie ist von seinem Willen unabhängig. Sie wirkt durch sich selbst.
Während ahimsa des Einzelnen nicht von seiner Umgebung abhängt und überall praktiziert werden kann, verlangt eine gewaltfreie Ordnung ein besonderes sozio-ökonomisches Umfeld.
Wie würden Geist und Antlitz einer Gesellschaft aussehen, die sich auf Gewaltfreiheit gründete? Wie Gandhi und Badshah Khan sich darum bemühten, diese den Herzen der Khudai Khidmatgar in der Nordwestgrenzprovinz einzupflanzen, wird hier dargestellt. „Die Leserin möge über die innerliche Bedeutung und Bedeutsamkeit dieses Experiments nachdenken und für sich selbst entscheiden, ob es sich nicht vielleicht lohne, dafür zu leben und zu sterben.“
Auch in der Deutschen Nationalbibliothek als PDF zugänglich.

Uri Avnery: Ein Neubeginn

Artikel 2017
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Uri Avnerys Stimme ist eine Stimme des Friedens und der Vernunft.
In seinen wöchentlichen Artikeln stellt er geografische und vor allem historische Zusammenhänge heraus. Seine bei aller Kritik an Entscheidungen seiner Regierung von der Liebe zu seinem Land geprägte Darstellung weckt Verständnis für die aktuellen Ereignisse in der Region, die Mentalität der Israelis und die
politische Stimmung im Land.
Uri Avnerys Artikel erweisen sich auch als hilfreich für das
Verständnis der (eigentlich immer) unübersichtlichen welt-politischen Ereignisse und Situationen: Sein unbestechlicher Blick in die jeweilige GESCHICHTE – oft aus den unterschiedlichen
Perspektiven der Beteiligten – scheint dafür unerlässlich zu sein.
Tiefe der Analyse, Treffsicherheit des Ausdrucks und Humor
erheben die Artikel über die Tagesaktualität ihrer Themen in
Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit.
Der Autor zeigt sich als engagierter, zugleich immer auch besonnener, genauer Beobachter seiner Umwelt, als einer, der den Mut nicht verliert, als – so nennt er sich selbst – „Optimist“.
Uri Avnery ist Weltbürger und schreibt daher immer ebenso für seine Landsleute wie für die Menschen in der übrigen Welt.
Zugänglich ist der Band als eBuch, als PDF in der Deutschen Nationalbibliothek und als Taschenbuch.

Wie der Elefant in die Freiheit flog

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Idee zum Text und Bilder: Burhan Kurkutli

Weihnachten 1980 oder 81 in Dierdorf Westerwald im Hause von Heiseler-Düx
Weihnachtsgäste waren, soweit ich mich erinnere,
außer mir der Maler und Grafiker Burhan Kurkutli
(1932-2003) und der Journalist Claude Schumacher.
Der zehn Jahre ältere Bruder Till hatte offensichtlich andere Pläne und war also nicht dabei. Sascha – er wurde 1972 geboren – konnte schon gut schreiben – für ihn wollten wir das
Bilderbuch machen.
Ich wurde zur Schreiberin gewählt, weil ich die am ehesten lesbare Schrift hätte.
Wir arbeiteten fröhlich und glücklich zusammen und waren dann mit unserem Werk sehr zufrieden. „Eine Fortsetzung des Gesprächs mit anderen Mitteln“, sagte Burhan am Abend.
Burhan oder Wanja sorgten später für die Druckfassung.

Ingrid von Heiseler Weihnachten 2017

Auch in der Deutschen Nationalbibliothek

Stellan Vinthagen: Eine Theorie der gewaltfreien Aktion

Wie ziviler Widerstand funktioniert
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In diesem bahnbrechenden und sehr notwendigen Buch, dem
ersten seiner Art und auf seinem Gebiet grundlegend, stellt Stellan Vinthagen einen großen systematischen Versuch einer Theorie der gewaltfreien Aktion dar. Er behandelt historische und zeit-genössische Beispiele: die Bürgerrechtsbewegung in Amerika, die Anti-Apartheids-Bewegung in Südafrika, die Bewegung Gandhis und seiner Anhänger in Indien, die westdeutsche Friedens-bewegung und die daraus hervorgegangene Anti-Atom-waffenbewegung und die Bewegung der Landlosen in Brasilien. Der Autor spricht auf innovative, tiefgehende Weise die theore-tischen Kernpunkte an. Er tritt für eine Verbindung von Widerstand und Konstruktion ein.
Vinthagen verbindet die Genauigkeit des Soziologen und den Überblick des Historikers mit der praktischen Erfahrung eines
Aktivisten.
Wichtig ist das Buch für jeden, der mit gewaltfreier Aktion zu tun hat und der über das, was er tut, nachdenkt und es theoretisch
untermauern will. Es ist gleichermaßen wichtig für Forscher,
Aktivisten und Verteidiger der Menschenrechte.

Als eBuch, als PDF in der Deutschen Nationalbibliothek und als “Taschenbuch”.

Gandhis Lehre in 67 Thesen

Gandhi+Spruch1563A PILGRIMAGE FOR PEACE/ GANDHI AND FRONTIER GANDHI AMONG N. W. F.‘s PATHANS/ BY PYARELAL (1950). Pilgerreise für den Frieden: http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=1730

ANHANG:
QUINTESSENZ VON SATYAGRAHA

Der Anhang besteht aus einer vom Autor Pyarelal Nayyar zusammengestellten Sammlung aus Gandhis Schriften. Darin wird “die Wissenschaft Satyagraha in Theorie und Praxis in einer vollständigen Skizze zusammenhängend so dargestellt, wie Gandhi sie den kriegerischen Pathanen erklärt hat”.

I
EINLEITUNG

Rechte und Pflichten
1. Von meiner des Lesens unkundigen, aber weisen Mutter habe ich gelernt, dass alle Rechte nur infolge einer wohl erfüllten Pflicht verdient und gewahrt werden können. Folglich erwächst uns die bloße Lebensberechtigung daraus, dass wir unsere Pflicht als Bürger der Welt erfüllen. Von dieser einen grundlegenden Feststellung aus ist es wohl recht einfach, die Pflichten von Mann und Frau zu formulieren und jedes Recht mit einer entsprechenden Pflicht zu verbinden, die zuvor erfüllt werden muss. Jedes andere Recht kann als widerrechtliche Aneignung erwiesen werden, für die zu kämpfen sich kaum lohnt.
2. Jeder Mensch hat ein gleiches Recht auf Erfüllung der Grundbedürfnisse seines Lebens, ebenso wie es Vögel und andere Tiere haben. Und da jedes Recht eine ihm entsprechende Pflicht und ein entsprechendes Mittel zum Widerstand gegen einen Angriff darauf mit sich bringt, geht es nur darum, die entsprechenden Pflichten und Mittel herauszufinden, um die elementare Gleichheit zu verfechten. Die entsprechende Pflicht ist, dass ich mit meinen Gliedmaßen arbeite, und das entsprechende Mittel ist, mit demjenigen, der mich der Früchte meiner Arbeit beraubt, nicht zusammenzuarbeiten.

Ahimsa — die oberste Pflicht
3. Ahimsa ist das Mittel, Wahrheit ist das Ziel. Damit Mittel Mittel sein können, müssen sie immer innerhalb unserer Reichweite liegen und so ist ahimsa unsere oberste Pflicht.

II
AHIMSA – IHR WESEN

Ahimsa (Gewaltfreiheit) – eine positive Eigenschaft
4. In ihrer positiven Form bedeutet ahimsa die größte Liebe, die größte Nächstenliebe. Wenn ich ein Anhänger von ahimsa bin, muss ich meinen Feind lieben. Ich muss bei dem Übeltäter, der mein Feind oder mir fremd ist, dieselben Regeln anwenden, die ich meinem Unrecht tuenden Vater oder Sohn gegenüber anwenden würde. Zur aktiven ahimsa gehört notwendig Wahrheit und Furchtlosigkeit. Da der Mensch den, den er liebt, nicht betrügen kann, fürchtet er ihn weder noch macht er ihm Angst. Das Geschenk des Lebens ist das größte aller Geschenke. Ein Mensch, der es in Wirklichkeit hingibt, entwaffnet alle Feindseligkeit. Er ebnet den Weg für eine ehrenhafte Verständigung. Und niemand, der selbst der Furcht unterworfen ist, kann dieses Geschenk gaben. Deshalb muss er selbst furchtlos sein. Ein Mensch kann also nicht gleichzeitig ahimsa praktizieren und ein Feigling sein. Das Praktizieren von ahimsa bringt den größten Mut hervor.

Die Macht der Gewaltfreiheit
5. Wenn satya mit ahimsa verbunden wird, liegt einem die Welt zu Füßen.
6. Richtig verstandene ahimsa ist das Allheilmittel für alle weltlichen und außerweltlichen Übel.
7. Gewaltfreiheit in ihrer dynamischen Verfassung ist keine demütige Unterwerfung unter den Willen des Übeltäters, sondern sie bedeutet: Man nimmt den Kampf mit dem Tyrannen auf. Wenn ein Einzelner unter dem Gesetz unseres Seins wirkt, ist es ihm möglich, der gesamten Macht eines ungerechten Reiches zu trotzen, um seine Ehre, seine Religion und seine Seele zu retten und die Grundlage für den Fall oder die Erneuerung dieses Reiches zu legen.
8. Es ist ein schwerer Irrtum anzunehmen, dass das Gesetz, das für Einzelne gut ist, nicht auch gut für die Massen der Menschheit wäre.
9. Es ist die Feuerprobe für Gewaltfreiheit, dass in einem gewaltfrei ausgetragenen Konflikt kein Groll bestehen bleibt und die Feinde am Ende in Freunde verwandelt werden.

Gewaltfreiheit im Leben des Einzelnen und des Kollektivs
10. Ich halte daran fest, dass Gewaltfreiheit nicht nur eine Eigenschaft des Einzelnen ist. Sie ist auch eine soziale Eigenschaft, die wie andere Eigenschaften gepflegt werden muss. Im täglichen Umgang miteinander wird die Gesellschaft durch den Ausdruck von Gewaltfreiheit geregelt. Was ich verlange, ist die Ausdehnung davon in größerem, nationalen und internationalen Maßstab.

Gewaltfreiheit – das Gesetz der menschlichen Rasse
11. Gewaltfreiheit ist das Gesetz der menschlichen Rasse und sie ist unendlich viel größer als brutale Kraft und ihr weit überlegen.
12. Die einzige Bedingung für einen erfolgreichen Einsatz dieser Kraft ist eine Anerkennung der Existenz der Seele als etwas, das vom Körper getrennt ist, und ihrem dauerhaften Wesen. Und diese Anerkennung muss einem lebendigen Glauben gleichkommen und darf nicht nur ein intellektuelles Verständnis sein.
13. Letzten Endes nützt Gewaltfreiheit dem nichts, der nicht einen lebendigen Glauben an den Gott der Liebe hat.
14. Gewaltfreiheit gewährt der Selbstachtung und dem Ehrgefühl vollkommenen Schutz, jedoch nicht immer dem Besitz von Land oder beweglicher Habe. Allerdings erweist sich ihre gewohnheitsmäßige Ausübung als ein besseres Bollwerk als der Besitz bewaffneter Männer, um diese zu verteidigen.
Gewaltfreiheit ist ihrem Wesen nach keine Hilfe bei der Verteidigung unrechtmäßig erworbenen Besitzes und unmoralischen Handelns.
15. Einzelne und Nationen, die Gewaltfreiheit praktizieren, müssen bereit sein, alles außer ihrer Ehre zu opfern (Nationen bis zum letzten Mann). Daher ist sie mit dem Besitz von Ländern, die anderen gehören nicht zu vereinbaren, d. h. mit modernem Imperialismus, der sich zu seiner Verteidigung offen auf Gewalt stützt.
16. Gewaltfreiheit ist eine Macht, die von allen gleichermaßen ausgeübt werden kann, von Kindern, jungen Männern und Frauen und Erwachsenen, vorausgesetzt sie haben einen lebendigen Glauben an den Gott der Liebe und lieben deshalb die ganze Menschheit in gleicher Weise. Wenn Gewaltfreiheit als Gesetz des Lebens angenommen wird, muss sie das ganze Wesen durchdringen und darf nicht nur auf einzelne Handlungen angewendet werden.

Gewaltfreiheit und Politik – Grundprinzip
17. Ich könnte kein religiöses Leben führen, wenn ich mich nicht mit der gesamten Menschheit identifizieren würde. Das wiederum könnte ich nicht tun, ohne an der Politik teilzunehmen. Das gesamte Spektrum der menschlichen Aktivitäten heute bildet ein untrennbares Ganzes. Man kann nicht sozial-ökonomisch-politische und rein religiöse Arbeit in wasserdicht von einander getrennte Abteilungen teilen. Ich kenne keine von menschlicher Aktivität abgesonderte Religion.
18. Niemand kann aktiv gewaltfrei sein, ohne dass er sich gegen soziale Ungerechtigkeit erhebt, ganz gleich, wo sie auftritt.
19. Gewaltfreiheit auf weltliche Weise ausüben heißt, ihren wahren Wert kennen. Er besteht darin, den Himmel auf die Erde zu bringen. In der anderen Welt gibt es so etwas nicht. Alle Welten sind eines. Ich halte es daher für falsch, den Einsatz von Gewaltfreiheit auf Höhlenbewohner zu beschränken und Verdienst für eine bevorzugte Stellung in der anderen Welt zu erwerben. Keine Eigenschaft ist von Nutzen, wenn sie nicht einen Zweck in jedem Leben erfüllt.

Gewaltfreiheit—Eigenschaft der Starken
20. Ich glaube, dass in einem Fall, in dem man nur zwischen Feigheit und Gewaltanwendung wählen kann, ich zur Gewaltanwendung raten würde.
21. Mein Glaube an Gewaltfreiheit ist eine äußerst aktive Kraft. Sie hat keinen Platz für Feigheit oder auch nur für Schwäche. Es besteht Hoffnung für einen gewalttätigen Menschen, dass er eines Tages gewaltfrei wird, aber keine für einen Feigling.
22. Gewaltfreiheit setzt die Fähigkeit voraus zuzuschlagen. Sie ist eine bewusste, wohlüberlegte Einschränkung des Wunsches nach Rache. Aber Rache ist immer passiver weibischer und hilfloser Unterwerfung überlegen. Vergebung ist noch darüber.
23. Vergebung ist männlicher als Bestrafung. Vergebung ziert den Soldaten. Aber Enthaltung ist nur Vergebung, wenn die Macht zur Bestrafung vorhanden ist. Sie ist bedeutungslos, wenn sie vorgibt, von einem hilflosen Geschöpf auszugehen.
24. Gewaltfreiheit ist ausnahmslos Gewalt überlegen, d. h. die die Macht, die einer gewaltfreien Person zur Verfügung steht, ist immer größer als die, die er hätte, wenn er gewalttätig wäre.
25. Mann für Mann entspricht die Stärke der Gewaltfreiheit genau der Fähigkeit der gewaltfreien Person, nicht ihrem Willen, Gewalt anzuwenden.

III
SEELENKRAFT IM EINSATZ

Satyagraha oder Seelenkraft – Das Gesetz der Wahrheit
26. Den Ausdruck Satyagraha habe ich in Südafrika geprägt, um die Kraft auszudrücken, die die Inder dort volle acht Jahre eingesetzt haben. Seine Grundbedeutung ist: sich an die Wahrheit halten. Ich habe dasselbe auch Liebeskraft und Seelenkraft genannt.
27. Bei der Anwendung von Satyagraha entdeckte ich gleich in den frühesten Stadien, dass das Streben nach Wahrheit nicht erlaubte, gegen einen Gegner Gewalt anzuwenden.
28. Denn das, was dem einen als Wahrheit erscheint, kann dem anderen als Irrtum erscheinen. Und Geduld bedeutet Selbstleiden. Die Doktrin lief also darauf hinaus, dass sie eine Verteidigung der Wahrheit bedeutet, nicht, indem man dem Gegner Leid zufügt, sondern sich selbst.
29. Außer im politischem Bereich besteht der Kampf seitens des Volkes meist darin, sich dem Fehler in Gestalt von ungerechten Gesetzen zu widersetzen. Wenn es einem nicht gelungen ist, dem Gesetzgeber seinen Fehler auf dem Weg von Petitionen und dergleichen klarzumachen, ist, wenn man sich nicht dem Fehler unterwerfen will, das einzige Mittel, das einem offensteht, IHN MIT PHYSISCHER Kraft zu zwingen, einem nachzugeben, oder durch Leiden in eigener Person, nachdem man für den Gesetzesbruch eine Strafe heraufbeschworen hat. In dem Fall erscheint Satyagraha der Öffentlichkeit als ziviler Ungehorsam oder ziviler Widerstand. Er ist zivil in dem Sinn, dass er nicht kriminell ist.

Satyagraha als direkte Aktion – wie das funktioniert
30. Es ist eine Kraft, die schweigend und scheinbar langsam wirkt. Tatsächlich gibt es keine Kraft in der Welt, die so direkt und so rasch wirkt.
31. Das härteste Herzu und die gröbste Unwissenheit muss vor der aufgehenden Sonne von Leiden ohne Wut und Boshaftigkeit verschwinden.
32. Und wenn es erst einmal in Gang gesetzt ist, kann seine Wirkung, wenn es intensiv genug ist, das ganze Universum überraschen. Es ist die größte Kraft, weil es der höchste Ausdruck der Seele ist.
33. Da Satyagraha eine der machtvollsten Methoden der direkten Aktion ist, erschöpft ein satyagrahi zuerst alle anderen Mittel, ehe er zu Satyagraha greift. Deshalb wird er ständig und ausdauernd die organisierten Autoritäten angehen, er wird an die öffentliche Meinung appellieren, die öffentliche Meinung belehren, seinen Fall ruhig und kühl jedem vortragen, der ihm zuhören will, und erst wenn er alle diese Vorgehensweisen erschöpft hat, wird er zu Satyagraha greifen. Wenn er jedoch den ihn vorantreibenden Ruf seiner inneren Stimme in seinem Inneren gehört und wenn er Satyagraha begonnen hat, hat er die Boote hinter sich verbrannt und es gibt für ihn kein Zurück.

Die zehn Gebote Satyagrahas
34. Satyagraha ist äußerste Selbstauslöschung, größte Demut, größte Geduld und strahlendster Glaube. Es ist seine eigene Belohnung.
35. Als satyagrahi muss ich mir immer und immer wieder in die Karten schauen lassen und muss, wenn irgendein Fehler entdeckt wurde, diesen korrigieren.
36. Satyagraha ist sanft, es verwundet nie. Es darf nicht das Ergebnis von Wut oder Boshaftigkeit sein. Es ist niemals kleinlich, nie ungeduldig, nie lautstark. Es ist das genaue Gegenteil von Zwang.
37. Ein satyagrahi will nicht auf Satans Schwingen in den Himmel fliegen.
38. Er muss an Wahrheit und Gewaltfreiheit als seinem Glaubensbekenntnis festhalten und darum an die dem menschlichen Wesen innewohnende Güte glauben, die er durch seine Wahrheit und Liebe, die sich durch sein Leiden ausdrücken, hervorzurufen erwartet.
39. Ein satyagrahi versäumt nie eine Gelegenheit zum Kompromiss zu ehrbaren Bedingungen – und kann diese auch nie versäumen. Im Fall eines Kompromisses geht man immer davon aus, dass, falls er sich als Fehler herausstellt, der satyagrahi immer bereit ist, eine Schlacht zu bieten. Er braucht keine Vorbereitung; seine Karten liegen immer offen auf dem Tisch.
40. Ein satyagrahi sagt der Furcht Lebewohl. Deshalb fürchtet er sie niemals davor, seinem Gegner zu vertrauen. Selbst wenn sein Gegner ihn zwanzigmal getäuscht hat, vertraut er ihm zum einundzwanzigsten Mal, denn bedingungsloses Vertrauen ist das Wesen seines Glaubens.
41. Ein satyagrahi hat niemals die Absicht, den Übeltäter zu beschämen. Er appelliert niemals an seine Angst, sondern immer – so ist es und muss es sein – an sein Herz. Das Ziel des satyagrahi ist es, den Übeltäter zu bekehren, nicht, ihn zu zwingen. In allem, was er tut, sollte er Künstlichkeit vermeiden. Er handelt natürlich und aus innerer Überzeugung.
42. Das Wesen der Wissenschaft Satyagraha hindert den satyagrahi daran, mehr als den unmittelbar vor ihm liegenden Schritt zu sehen.
43. Ein satyagrahi darf niemals den Unterschied zwischen Übel und Übeltäter außer Acht lassen. Gegen diesen darf er keine Feindschaft oder Bitterkeit hegen. Er soll einem bösen Menschen gegenüber nicht einmal unnötig kränkende Worte verwenden, wie unerträglich sein Übel auch sein mag. Denn es ist ein Glaubensartikel eines jeden satyagrahi, dass in dieser Welt niemand so verworfen ist, dass er nicht mit Liebe bekehrt werden könnte. Ein satyagrahi wird immer versuchen, Böses mit Gutem, Wut mit Liebe, Unwahrheit mit Wahrheit und himsa durch ahimsa zu überwinden. Es gibt keine andere Möglichkeit, die Welt vom Bösen zu reinigen.

Die Waffe Nichtzusammenarbeit
44. Nichtzusammenarbeit mit dem Bösen ist ebenso eine Pflicht wie die Zusammenarbeit mit dem Guten.
45. Wenn wir fest der Meinung sind, dass uns schweres Unrecht angetan wurde und wenn wir nach einem Appell an die höchste Autorität keine Abhilfe erreichen, muss uns eine Macht zur Verfügung stehen, das Unrecht zu beseitigen.
46. Wir dürfen nicht so lange warten, dass das Unrecht gebessert wird, bis im Übeltäter ein Gefühl seiner Schuld erwacht ist. Sondern wir müssen das Unrecht dadurch bekämpfen, dass wir aufhören, den Übeltäter direkt oder indirekt zu unterstützen.
47. Die Aufgabe eines jeden gottesfürchtigen Menschen ist es, sich ganz und gar ohne Rücksicht auf die Folgen von dem Unrecht zu distanzieren.
48. Nichtzusammenarbeit bedeutet vor allem, einem Staat die Zusammenarbeit zu verweigern, der nach der Ansicht dessen, der nicht zusammenarbeitet, korrumpiert worden ist. Gleichzeitig schließt ziviler Ungehorsam seine heftige Variante aus. Nichtzusammenarbeit steht ihrem Wesen nach auch verständigen Kindern offen und kann von Massen auf sichere Weise angewendet werden. Auch
Nichtzusammenarbeit ist ebenso wie ziviler Ungehorsam ein Zweig von Satyagraha, das allen gewaltfreien Widerstand für die Verteidigung der Wahrheit umfasst. Nichtzusammenarbeit als solche ist ungefährlicher als Ziviler Ungehorsam, seine Wirkung ist jedoch weit gefährlicher für die Regierung als ziviler Ungehorsam. Nichtzusammenarbeit hat die Absicht, die Regierung lahmzulegen und Gerechtigkeit von ihr zu erzwingen. Wenn sie auf den äußersten Punkt gebracht wird, kann sie die Regierung zum Stillstand bringen.
49. Nichtzusammenarbeit ist kein passiver Zustand, sie ist ein äußerst aktiver Zustand. Passiver Widerstand ist eine falsche Bezeichnung.
50. Meine Nichtzusammenarbeit gilt Methoden und Systemen, niemals Menschen.
51. Hinter meiner Nichtzusammenarbeit steht immer der heftige Wunsch, selbst mit dem schlimmsten Gegner auf seinen kleinsten Wink hin zusammenzuarbeiten. Da ich ein sehr unvollkommener Sterblicher bin, der ewig auf die Gnade Gottes angewiesen ist, steht niemand außerhalb der Erlösung.

Ziviler Ungehorsam – eine rechtsstaatliche Waffe
52. Ziviler Ungehorsam ist der zivile Bruch einer ungesetzlichen Verfügung. Soweit mir bewusst ist, wurde der Ausdruck von Thoreau geprägt. Ziviler Ungehorsam ist kein Zustand der Gesetzlosigkeit und ein Freibrief, sondern er setzt einen das Gesetz einhaltenden Geist und Selbstbeherrschung voraus. Satyagraha besteht zu einer Zeit in zivilem Ungehorsam und zu einer andren in zivilem Gehorsam.
53. Es ist für freiwilligen Gehorsam auch nicht notwendig, dass die einzuhaltenden Gesetze gut seien. Es gibt viele ungerechte Gesetze, die ein guter Bürger befolgt, solange sie weder seine Selbstachtung noch das moralische Wesen verletzen.
54. Eine Regierung, die schlecht ist, hat keinen anderen Platz für gute Männer und Frauen als in ihren Gefängnissen. Da keine Regierung der Welt eine ganze Nation ins Gefängnis sperren kann, muss sie ihrer Forderung nachgeben oder zugunsten einer Regierung abdanken, die für diese Nation geeignet ist.
55. Ungehorsam gegen das Gesetz des Staates wird zu einer unabweisbaren Pflicht, wenn es in Konflikt mit dem Gesetz Gottes gerät.
56. Ein satyagrahi ist nichts, wenn er nicht instinktiv gesetzestreu ist und es ist gerade sein gesetzestreues Wesen, das von ihm bedingungslosen Gehorsam gegen das höchste Gesetz verlangt. Dieses höchste Gesetz ist die Stimme des Gewissens, das alle anderen Gesetze aufhebt.
57. Ein satyagrahi scheint momentan Gesetzen und der organisierten Autorität ungehorsam zu sein, jedoch nur um am Ende seine Achtung für beide zu beweisen.
58. Ziviler Ungehorsam ist die reinste Form rechtsstaatlicher Agitation. Natürlich wird er menschenunwürdig und verachtenswert, wenn sein ziviler, d. h. gewaltfreier Charakter eine bloße Irreführung ist.

Ziviler Ungehorsam – ein bürgerliches Recht
59. Ziviler Ungehorsam ist ein dem Bürger zustehendes Recht. Er darf nicht wagen, es aufzugeben, wenn er nicht aufhören will, ein Mensch zu sein. Auf zivilen Ungehorsam folgt niemals Anarchie. Krimineller Ungehorsam kann dazu führen. Jeder Staat schlägt kriminellen Ungehorsam mit Gewalt nieder. Der Staat geht unter, wenn er es nicht tut. Wenn er jedoch zivilen Ungehorsam niederschlägt, versucht er, das Gewissen ins Gefängnis zu sperren.
60. Vollkommener ziviler Ungehorsam ist eine Rebellion, die nicht das Element Gewalt enthält. Einer, der durch und durch ein Widerständler ist, ignoriert einfach die Autorität des Staates. Er wird zu einem Ausgestoßenen, der den Anspruch erhebt, jedes unmoralische Staatsgesetz missachten zu dürfen. … Unterwerfung unter das Staatsgesetz ist der Preis, den ein Bürger für seine persönliche Freiheit zahlt. Unterwerfung unter ein Staatsgesetz, das ganz und gar oder weitgehend ungerecht ist, ist deshalb ein unmoralisches Tauschgeschäft von Unterwerfung gegen Freiheit. Ein Bürger, dem das üble Wesen eines Staates klar ist, begnügt sich nicht damit, damit zu leben, dass er ihn duldet, … deshalb nimmt er Einkerkerung und andere Gewaltanwendungen gegen sich in Kauf. Das tut er, weil und wenn er die körperliche Freiheit, die er scheinbar genießt, als unerträgliche Bürde empfindet … So betrachtet, ist ziviler Widerstand ein äußerst mächtiger Ausdruck einer Seelenqual und ein beredter Protest gegen die Fortdauer eines üblen Staates.

Voraussetzungen für zivilen Ungehorsam: Disziplin, Gewaltfreiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Reinheit
61. Ein geborener Demokrat ist einer, der dafür geboren ist, auf eiserne Disziplin Wert zu legen. Demokratie ist demjenigen natürlich, der gewohnt ist, normalerweise willig allen – menschlichen und göttlichen – Gesetzen zu gehorchen. Ich erhebe den Anspruch sowohl durch Anlage als auch durch Übung Demokrat zu sein. Diejenigen, die den Ehrgeiz haben, der Demokratie zu dienen, soll sich zuerst einmal dadurch qualifizieren, dass sie diesen Härtetest der Demokratie bestehen. Ein Demokrat muss äußerst selbstlos sein. Er darf nicht an sich oder seine Partei denken und von sich und ihr träumen, sondern nur an und von Demokratie. Nur damit erwirbt er das Recht auf zivilen Ungehorsam.
62. Damit Ungehorsam zivil sei, muss er aufrichtig, respektvoll und beherrscht und darf niemals aufsässig sein. Er muss sich auf einige wohlverstandene Prinzipien gründen, darf nicht wechselhaft sein und dahinter darf weder Feindseligkeit noch Hass stecken.
63. Für meine Bewegung brauche ich keine Leute, die an die Theorie der vollkommenen oder unvollkommenen Gewaltfreiheit glauben. Es genügt, wenn sie die Regeln der gewaltfreien Aktion befolgen.
64. Die erste unverzichtbare Vorbedingung für jeden zivilen Widerstand ist, dass Sicherheit vor jedem Ausbruch von Gewalt herrschen sollte, sowohl auf Seiten derer, die zivilen Widerstand leisten, als auch auf Seiten der allgemeinen Öffentlichkeit. Im Fall eines Ausbruchs von Gewalt wäre es keine Rechtfertigung, dass dieser vom Staat oder anderen den zivilen Widerständlern feindlich gesinnten Instanzen angestiftet worden sei. Es sollte offensichtlich sein, dass ziviler Widerstand in einer Atmosphäre der Gewalt nicht gedeihen kann. Das bedeutet nicht, dass die Ressourcen eines
satyagrahi erschöpft wären. Ander Möglichkeiten als ziviler Ungehorsam sollten herausgefunden werden.
65. Die Schönheit von Satyagraha, von dem Nichtzusammenarbeit nur ein Kapitel ist, ist, dass es beiden Seiten in einem Kampf zur Verfügung steht, dass es Überprüfungen hat, die in hohem Maße automatisch für die Verteidigung der Wahrheit und Gerechtigkeit wirken. Es ist eine mächtige und treue Waffe ebenso in der Hand des Kapitalisten wie in der Hand des Arbeiters. Es ist ebenso mächtig in der Hand der Regierung wie in der des Volkes und wird der Regierung den Sieg eintragen, wenn das Volk irregeleitet oder ungerecht ist, und es wird die Schlacht für das Volk gewinnen, wenn die Regierung im Unrecht ist.
66. Bei Satyagraha sind es niemals die Zahlen, die eine Rolle spielen. Es ist immer die Qualität, umso mehr, wenn die Kräfte der Gewalt obenauf sind.
67. Tatsächlich genügt ein einziger VOLLKOMMENER ziviler Widerständler dafür, dass die Schlacht des Richtigen gegen das Falsche gewonnen wird.

QUELLENANGABEN

1. Brief an to Dr. Julian Huxley.
2. Young India, 263331, p. 49.
3. Aus Yeravda Mandir, P. 13.
4. G. A. Natesan & Co., Speeches and Writings of Mahatma Gandhi, p. 346.
5. Young India, 103-3-‘20, p. 3.
6. G. A. Natesan & Co., Speeches and Writings of Mahatma Gandhi, pp. 346f.
7. Young India, 11-8-’20, p. 3.
8. Harijan, 5-9-’36, p. 237.
9. Harijan, 11-12-’38, p. 327.
10. Harijan, 7-1-’39, p. 417.
11: Harijan: 5-9-‘36: p. 236.
12. Ansprache an Europäer in Germiston (Transvaal) 1908.
13. Harijan: 5-9-‘36: p. 236.
14. Ibid.
15. Ibid.
16. Ibid
17: Harijan, 24-12-‘38, p. 393.
18. Harijan, 20-4-’40, p. 97.
19. Harijan, 26-7-‘42, p. 248.
20. Young India, 11-8-’20, p. 3.
21. Young India, 16-6-’27, p. 196.
22. Young India, 12-8-’26, p.285.
23: Young India, 11-3-’20, p. 13. ‘
24. Harijan, 12-10-’35, p. 276.
25. Ibid.
26. Young India, 14-1-’20, p. 5.
27. Ibid.
28. Ibid.
29: Ibid.
30. Young India, 4-6-’25, p. 189.
31. Young India, 10-2-‘25, p. 61.
32. Young India, 23-9-’26, p. 332.
33. Young India, 20-10-‘27, p. 353.
34. Young India, 26-2-‘25, p. 73.
35, Harijan, 15-4-‘33, p. 8.
36. Ibid.
37. Harijan, 15-4-‘39. P. 86.
38. Harijan, 25-3-’39, p. 64.
39. Young India, 16-4-’31, p. 77.
40. M. K. Gandhi: Satyagraha in South Africa, p. 246.
41. Harijan, 25-3-’39, p. 64.
42. Cited by Roy Walker: The Wisdom of Gandhi, p. 20.
43. Young India, 8-8-’29, p. 263.
44. Young India, 23-3-’22, p. 168.
45. Young India, 9-6-’20, p. 3.
46. Young India. 16-6-’20, p.4.
47. Cited by Walker, op. cit, p. 40.
48. Young India, 21-3-’21, p. 90 and 28-7-’20, p. 2.
49. Yong India, 25-8—’20, p. 2.
50. Young India, 12-9-’29, p. 300.
51. Young India, 4-6-‘25, p. 193.
52. Young India, 23-3-‘21, p. 90 and Walker, op. cit., p. 44.
53. Zitiert von Walker, op. cit., p. 44. .
54. Young India, 22-9-‘21, p. 303 and 1-9-’20, p. 575.
55. Ethical Religion: p. 45.
56. Zitiert von Walker, op. cit., p. 44.
57. Natesan’s collection, p. 302.
58. Young India, 15-12-’21, p. 419.
59. Young India, 5-1-’22, p. 5.
60. Young India, 10-11-‘21, pp. 361-62.
61. Harijan, 27-5-‘39, p. 136.
62. Young India, 24-3-‘20, p. 4.
63. Gandhiji’s Corespondence with Government, p. 169.
64. Harjian, 18-3-’39, p. 53.
65. Young India, 23-6-’20. p. 5.
66. Harijan, 25-3-’39, p. 64.
67. Young India, 10-11-’21. p. 362.

Anmerkung zu 65: Zwar wird Gandhiji in einigen Sammlungen seiner Schriften dieser Text zugeschrieben, aber er wurde wohl von einem anderen mit seiner Erlaubnis und Zustimmung in Young India veröffentlicht.

Uri Avnery: Ja, es ist möglich. Artikel 2016

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Im von Uri Avnery selbst – aus den Titeln seiner Artikel – ausgewählten Titel dieser Sammlung JA, ES IST MÖGLICH nennt der Autor die grundlegende Bedingung für den Frieden zwischen
Israelis und Palästinensern: den Glauben daran, dass eine Lösung möglich ist.
An immer neuen – aktuellen – Beispielen erweisen sich Uri Avnerys Artikel als hilfreich für das Verständnis der (eigentlich immer) unübersichtlichen weltpolitischen Ereignisse und Situationen: Sein unbestechlicher Blick in die jeweilige GESCHICHTE – meist aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten – scheint dafür unerlässlich zu sein.
Tiefe der Analyse, Treffsicherheit des Ausdrucks und Humor erheben die Artikel über die Tagesaktualität ihrer Themen in
Allgemeingültigkeit und Zeitlosigkeit.
Uri Avnery erweist sich auch hier wieder als engagierter, zugleich immer auch besonnener, genauer Beobachter seiner Umwelt, als einer, der den Mut nicht verliert, als „Optimist“ (im Titel seiner – bisher nur hebräisch erschienen – Autobiografie) und als ein Weiser, den man gerne um Rat fragen möchte.

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