Mein Abschied von Uri Avnery und von Tel Aviv

Mein Abschied von Uri

Vielleicht haben wir sogar am selben Tisch gesessen. Der Sessel links neben mir ist jetzt leer.
AlsOb500ErNochNebenMirSe

Um halbvier bin ich heute losgegangen – um halbvier habe ich im letzten Jahr Uri abgeholt und wir sind „zum Sonnenuntergang“ über die lange Treppe von der Gordonstraße zum Strand runtergestiegen.
Im Café war Uri natürlich bekannt. Eine schöne junge Schwarze bediente uns und Uri sagte, sie sei vermutlich eine „Illegale“. Der Gedenk-miz-tapusim. In diesem Jahr schmeckt er buchstäblich bitter.

Es klappt nicht immer gleich mit der Verständigung. Offenbar habe ich die Frage, ob der Kellner den Sessel zu meiner Rechten zum anderen Tisch umdrehen dürfe, mit Orangensaft bitte beantwortet.

Vor der noch einige Zentimeter über der Aussichtsplattform stehenden Sonne bewegen sich Scherenschnittleute. SonneLeute
Schließlich wird die Sonne rot und größer. Im letzten Jahr hat mir Uri von seiner Jugend erzählt und wir haben ein Lied gesungen, das er noch von vor 83 Jahren kannte. Ich stehe auf, um an den Scherenschnittleuten vorbei die ganze Sonne zu fotografieren.
SonneAllein

Einer der Kellner steht mit seinem Handy neben mir und fotografiert auch die Sonne. Beautiful! Er will das Foto seiner Mutter schicken. Sie wohnt in Tiberias, im Norden. Ich sehe niemanden, an den ich mich vom letzten Jahr erinnern könnte. Eigentlich würde ich jetzt gerne einer oder einem, der zuhören möchte, von meinem Gedenken erzählen. Weißt du – hebräisch gibt es kein Sie -, der alte Herr, der jeden Tag kam und beim Sonnenuntergang seinen Kaffee trank.

Uri ist nicht mehr da. Das große Fenster, aus dem er so gern zum Meer gesehen hat, ist verrammelt. Von dort hat er im letzten Jahr zu mir runtergeguckt.
RuppinSt10-300

RuppinFassade2000

Dies ist nun der endgültige Abschied.

Uri Avnerys von mir übersetzte Artikel (Februar 1012 bis August 2018): http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=2135

GushShalom600

Zwei Mails nach meiner Reise nach Tel Aviv vom 28.10. bis 4.11.2018:

7. Nov 2018:
Liebe Beate,
erst jetzt nach der Reise ist Uri für mich wirklich tot.
Ich habe immer wieder das Gefühl, ich stehe auf einer Plattform und auf der rechten Seite ist kein Geländer mehr.
Das ist keine Metapher, sondern ein immer wiederkehrendes Gefühl.
Es ist nun alles anders geworden. Ich muss mich wohl erst wieder neu orientieren. Es ist noch offen, wann und wie.
Grüße von Ingrid.

(Original in Deutsch:)
8. Nov 2018:
Liebe Ingrid,
ich habe eben den USB-Stick mit den Photos angesehen und habe deine Übersetzung vom Artikel über Misrachim und
Aschkenasen gelesen. Es war mir, als ob ich seine Stimme hörte. Das heisst, du hast es sehr gut übersetzt. Und ich glaube, das geht nur, wenn man einen Menschen von innen kennt und versteht. Du hast nach so vielen Jahren mit seinem Denken Bekanntschaft gemacht. Das geht viel weiter, als dass du ihn gesehen und gesprochen hast. Er wohnte jeden Donnerstag in deinem Kopf.
Du weisst jetzt, was zu tun ist mit einem freien Donnerstag, aber nachdem du die Leere
erlebt hast, die er hinterlassen hat, fühlst du erst recht, dass es den Menschen, dessen Denken dir so vertraut ist, jetzt einfach nicht mehr gibt.
So verstehe ich das, was du mir schriebst.
Grüße von deiner Beate.

…und von Tel Aviv
Drei Israelis, die mir Dienste geleistet haben, und Gespräch mit Beate

Alle drei, mit denen ich reisebedingt zu tun hatte, waren besonders interessant und
angenehm im Umgang. In der Großstadt läuft man an so vielen vorbei – wer weiß, was man da alles verpasst: „vorbei, verweht, nie wieder“!
Der erste war der, der mich vom Flugplatz zum Hotel fuhr. Jossi. Ein großer dicker Mann Mitte dreißig. Er wohnt in Askalon, weil da die Wohnungen erschwinglich sind. Die Bevölkerung ist gemischt: Aschkenasen, Misrachim und Araber. Alle sind gute Nachbarn. Die Misrachim sind weniger gebildet und verrichten dementsprechend niedrigere
Arbeiten. Sie haben viele Kinder und können sich um deren Bildung auch nur wenig
kümmern.
Jossis Frau ist Lehrerin, sie haben drei Kinder. Jossi war 12 Jahre Mechaniker beim Militär. Dann ist er bei der Arbeit 6 m abgestürzt und hat sich die Wirbelsäule so verletzt, dass er trotz Operation seine Arbeit nicht weiter ausführen konnte. Seine Rente ist ausreichend, aber er mag nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen und deshalb fährt er Taxi. Die Taxigesellschaft – Organisation und Kollegen – ist angenehm.
Wir verabschieden uns herzlich und ich sage, ich würde darum bitten, dass er, wenn es passen sollte, mich auch wieder zum Flughafen zurückfährt.
Aber es passt nicht. An seiner Stelle kommt Dawid Schimoni – „wie der Dichter“ (1891-1956). Er ist 77. 1950 sind seine Eltern mit ihren Kindern aus Rumänien gekommen. Er war Diamantenschleifer, aber jetzt kommen die geschliffenen Diamanten aus China. Er muss noch in seinem Alter Geld verdienen. Er ist groß und schwingt den 20-Kilo-Koffer in den Kofferraum. Sie haben jiddisch gesprochen. Eine Nichte oder Großnichte ruft ihn während der Fahrt an und lädt ihn zu ihrer Hochzeit ein. Sie verabschieden sich jiddisch, alles git. Natürlich versteht er auch Deutsch. Aber wir sprechen englisch. Er fragt, was ich von jiddischer Literatru kenne. Scholem Aljechem. Ich lese gerade Tewje der Milchmann auf meinem Lesegerät. Ein Unglück mit einer der sieben Töchter jagt das
andere, Gebete und Auflehnung, ironisch formuliert. Wird in Tel Aviv noch
jiddisch gesprochen? Ja, von den Alten und bei den „Religiösen“ lernen auch die Kinder noch Jiddisch. Dazu fällt mir die Zugfahrt von vor Jahrzehnten ein. Ein orthodoxer Mann mit kleinem Sohn mit Schläfenlocken macht mir freundlich Platz. Das Kind zeigt aus dem
Fenster: „Wos is dos?“, gleich darauf fragt es: „Ma se?“, es ist zweisprachig.
Jiddisch werde in hebräischen Buchstaben geschrieben. Ja, ich suche eine Ausgabe mit 3 Spalten, damit ich nicht nur verstehe, sondern auch richtig ausspreche. Wenn die Buchhandlung auf dem Flugplatz … Sogar schicken könnte er mir – aber alles gebe es ja im Internet. Ich hätte Heike gebeten, mir einen Fahrer zu schicken, mit dem ich reden könne. Gut so! Für ihn auch.
Rollstuhlservice im Flughafen. Die Schlange vorm Sicherheitscheck umgehen, sich setzen, warten. Ein überaus freundlicher dunkelhariger etwas dicklicher Mann kommt und behandelt mich äußerst fürsorglich, aber nicht (direkt) entmündigend. Ungefragt erzählt er mir von seiner wunderbaren Rettung mit 18 Jahren, jetzt ist er 31. Er heißt Elio (?): Gott gibt Leben. Und das kam so: Mit 18 sollte er zur Luftwaffe gehen, da wurde er überfahren und lebensgefährlich am Kopf verletzt. Im Krankenhaus fanden sie heraus, dass er einen Gehirmtumor habe. Er wurde nur zufällig bei einer Untersuchung wegen der Kopfverletzung entdeckt. Sie haben seinen Kopf dann „von Ohr zu Ohr“ aufgeschnitten. Ob er seinen Namen geändert habe? Ja, das hat der Rabbi vorgeschlagen. Gefragt erzählt er, sein Vater sei aus dem Irak und seine Mutter aus Marokko eingewandert. Also Misrachim, er stimmt zu. Von der Mutter kann er Französich, aber Englisch liegt ihm nun doch näher. Er fährt mich durch die Kontrollen, packt sogar mein Laptop aus und sorfgältig wieder ein und liefert mich dann bei einer Buggifahrerin ab. Er will kein Trinkgeld nehmen und es ist
offenbar keine Ziererei, sondern er ist eher ein bisschen gekränkt.

Summe Tel Aviv 2018
Notwendige Abschiede nach sechseinhalb Jahren Uris Artikel übersetzen und ihn zweimal sehen. Abschied auch von Beate am Schabbatabende – die Busse fahren also wieder. Im vegetarischen Restaurant bei Süßkartoffel-Ingwer-Suppe sehr persönliche Geschichten. Die Eltern ihres sieben Jahre älteren Mannes waren 1945, also als er 10 war, „nicht zurückgekommen“, wie sie damals sagten. Er wollte kein Mitleid und war sehr selbstständig und tüchtig. Ohne je in einer Schule gewesen zu sein, kam er bald in der seiner
Altersgruppe entsprechenden Klasse mit und konnte zwei Jahre später ins Gymnasium gehen. Er wurde Ingenieur. Sie bekam mit 22 ihr erstes Kind – sie wollte ihm eine neue Familie schaffen -, dann noch zwei und dann studierte sie weiter. Sie war Dozentin in einer Sozialfachhochschule. Als sie nach Israel aufbrach, war ihr Sohn, das jüngste Kind, 19 Jahre alt. Ihr Mann Adam war schon in Tel Aviv geboren. Bis zu seinem 10. Lebensjahr
konnte er sehr schlecht sehen, ehe es bemerkt wurde, “dann gleich minus 7 Glasstärke”. Wie seine Mutter studierte auch er Geschichte.

Ingrid von Heiseler – Autorin

Früheste Veröffentlichung http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=598

Bücher
Meine Bücher 2018 http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=816
Einer tanzt aus der Reihe http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=537
Ingo lebt anders http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=156
Lost in Goa http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=125
Dieser Eingang ist nur für dich bestimmt http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=140
Leben10Anfänge http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=128
Familienerinnerungen http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=966

Essays
„Gewaltfreie“ Schule http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=7
Aufsätze und andere Texte http://ingridvonheiseler.formatlabor.net/?p=1018

Kreuzheide1968

Die Fotos

Wolfsburg 1968
Autorin90-300

Autorin 1990
TillUndIch300
AntonIngrid
FotoGoabuch01 002Unbenannt-Graustufen-01

Beziehung auf (zugestandener) Augenhöhe

Großmutter und Enkel konsummieren Eis am Stiel – oder sind es womöglich Zuckerstangen?

Autorin 2001

Nun ja, wer unter uns wird schließlich mit den Jahren immer schöner? Aber der Ausweis läuft demnächst ab. (Im Ausweis dann in Farbe) 25.09.2018

Uri Avnery: Letzte Artikel. Januar bis August 2018

AbzGSCovSchrift300In memoriam

Über das Buch
Viele Jahre lang schrieb Uri Avnery wöchentliche Artikel, in denen er meist Ereignisse in Israel beleuchtete. In vielen davon bezog er das aktuelle Geschehen dort auf Ereignisse in der Geschichte oder brachte es mit eigenen Erlebnissen in Zusammenhang. Die Artikel erschienen in mehreren Ländern in der jeweiligen Landessprache, darunter auch in Deutschland. Seit Februar 2012 brachten Websites diese Artikel auch in der Übersetzung von Ingrid von Heiseler. Seit 2013 sind die Artikel in Jahresbänden als Bücher erschienen: drei als Papierbücher und drei als eBücher. Der Band Letzte Artikel schließt die Reihe ab. In den Artikeln zeigt sich der Autor als
engagierter, zugleich immer auch besonnener, genauer Beobachter seiner Umwelt, als einer, der den Mut nicht verloren hat, als – so nennt er sich selbst – „Optimist“. Trotz Optimismus und Humor bleibt die Bedrohlichkeit der Gesamtsituation immer spürbar.
Das Buch ist als eBuch und als Taschenbuch erhältlich und es ist als pdf in der Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

Über den Verfasser
Uri Avnery wurde am 10. September 1923 in Beckum in Westfalen geboren und starb am 20. August 2018 in Tel Aviv in Israel. 1933 wanderten seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern nach Palästina aus. Dort kämpfte er seit früher Jugend für die Befreiung von der britischen Besatzung und gegen arabische Kämpfer. Nach einer schweren Verwundung änderten sich seine Anschauungen grundsätzlich. Mit Büchern und seiner Zeitung HaOlam HaZeh setzte er sich für die Verständigung zwischen Israelis und palästinensischen Arabern und später für die Zweistaatenlösung ein. Das brachte ihm viele Feindschaften, ja sogar Mordanschläge ein. Er nahm in vorderster Front an Demonstrationen teil, in denen es im auf die jeweilige Situation bezogenen Sinn um die Durchsetzung der Menschenrechte ging. Später führte er diese Arbeit mit der Bewegung Gusch Schalom fort. Sein letzter Artikel erschien in Haaretz am 7. August, am selben Tag, an dem er einen Schlaganfall erlitt. Bis zu seinem Tod zwei Wochen danach kam er nicht wieder zu Bewusstsein.

Uri Avnery auf dieser Website: Artikel 2012 bis 2018 & “Texte zur Person”

Die Jahrgänge
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018 Letzte Artikel. Januar bis August 2018 als eBuch und als Taschenbuch
– Zur Person. Texte von und über Uri Avnery

Meine Übersetzungen von Uri Avnerys Artikeln vom 30.07.2013 bis zum 04.08.2018 finden sich in chronologischer Reihenfolge hier. Die Artikel vom 12. Februar 2012 bis zum 23. Juli 2013 sind unter den hier angeführten Jahren als pdf zu finden.
Damit sind alle meine Übersetzungen von Uri Avnerys Artikeln direkt zugänglich.

Uri_Avnery_2013_2018_alle_Ingrid_von_Heiseler_Kritisches_Netzwerk_Apartheid_Judaisierung_Israel_Palaestina_Gusch_Schalom_Gush_Shalom_Antizionismus_zionism_Zionismus_Jerusalem

VERSÖHNUNG. Die Vergangenheit aufarbeiten – eine Zukunft aufbauen

Joanna Santa Barbara, Johan Galtung u. Diane Perlman
VERSÖHNUNG
Die Vergangenheit aufarbeiten – eine Zukunft aufbauen
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Wir sind im Großen und Ganzen auf Versöhnung nicht vorbereitet, ja nicht einmal bereit, uns dieser Aufgabe zu stellen. Es gibt weder systematische Erziehung noch systematisches Training in auch nur so einfachen Dingen wie Sichentschuldigen.

[…] Es ist viel zu tun. Unsere Hoffnung ist, dass dieses Buch als Führer dienen kann. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Komplexitäten und der häufige Mangel an Erfolg unsere Vision von dem, was getan werden muss, um die Vergangenheit für eine friedlichere Zukunft aufzuarbeiten, verdunkeln. Es ist zu schaffen, es ist machbar. Wir können hinzufügen: mit ein wenig gutem Willen.

„Nach einigem Anfangswiderstand wird der Pfad der Versöhnung durch gemeinsame Arbeit dahin führen, dass Kulturen und Strukturen sich verändern.“

Rivera Sun, Der Löwenzahnaufstand

Liebe und Revolution. Roman
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
Da die Autorin darauf bestanden hat, es (mit Create Space) in den USA zu veröffentlichen, ist es leider sehr teuer geworden.

CoverLöw300

Der Löwenzahnaufstand spielt „in einer Zeit – von heute aus gleich um die Ecke“ in den USA. Die Protagonisten Sadie Byrd Gray und Charlie Rider setzen Leib und Leben für die Wiederherstellung der Demokratie gemäß der Bill of Rights ein: „Der Löwenzahnaufstand“, sagte Charlie, „ist die letzte Hoffnung, die uns bleibt, da unsere Demokratie im Griff der heimlichen Diktatur erwürgt wird. Er ist die Weigerung, sich von Furcht und Gier zu Tode quetschen zu lassen. Stattdessen müssen wir handeln, wenn wir leben wollen!“ (3. Kapitel) Die von der Wirtschaft unterwanderte Regierung hat unter dem Vorwand des „Kampfes gegen den Terrorismus“ im
Innern unter anderem die Rede- und Versammlungsfreiheit
aufgehoben. Die hohen Militärausgaben für den „Kampf gegen den
Terrorismus“ in der übrigen Welt dienen als Vorwand dafür, die
„Armen“ hungern zu lassen, während sich eine schmale
Eliteschicht mästet.
Rivera Sun erzählt die Geschichte einer gewaltfreien Revolution, in der Werkzeuge und Strategien angewandt werden, die im Laufe der Geschichte von vielen Führern, darunter Gandhi, Martin Luther King und Gene Sharp, entwickelt wurden. Damit transportiert sie nicht fiktionale Inhalte in einen fiktionalen Text. Das eröffnet die Möglichkeit, dass weitere Kreise mit den Begriffen und „Techniken“ der Gewaltfreiheit bekannt gemacht werden.
LöwBack300
Durch einige Kernsätze wird die – gelegentlich lehrhafte –
Intention des Romans verdeutlicht:
Willst du etwas wirklich Radikales tun? Sei freundlich, nimm Verbindung zu anderen auf, hab keine Angst!
Sei wie der Löwenzahn, wachse in unfruchtbaren Böden, trau dich, gegen Gewalt und Hass aufzustehen, und blühe in Liebe auf.

Wenn Furcht eingesetzt wird, um die Menschen zu beherrschen, dann ist Liebe das, womit wir rebellieren.
Worte eines alten Mannes: „Leben, Freiheit und Liebe? Wer wird dafür eintreten?“
Der Löwenzahnaufstand ist so klein wie ein Brot, das im Ofen gebacken wird, und so groß, dass er Diktatoren stürzen kann.
Arbeitsprinzipien: create, copy, improve, and share: schaffen, kopieren, verbessern und
weitergeben

Ein realistisch gefärbtes Märchen

John Dear: Ein Mensch des Friedens und der Gewaltfreiheit werden

umschlag300 JOHN DEAR
Das Imperium des Todes ließ Jesus von Nazareth nach der dem Imperium eigenen
Ordnung ‚rechtmäßig hinrichten‘ und sein Grab durch Soldaten versiegeln. Jesus aber
missachtete das imperiale Amtssiegel und die Militärwache, verließ das Grab und stiftet seit nunmehr zweitausend Jahren Menschen auf dem ganzen Erdkreis zum Aufstand gegen den Tod an.
Zu diesen Menschen zählt auch der US-amerikanische Priester, Autor und Friedens-aktivist John Dear. Aufgrund seines zivilen Ungehorsams wider das „Imperium“
todbringender Mächte wurde er mehr als 75 Mal inhaftiert. Von seinen über 30 Buchveröffentlichungen liegen Übersetzungen in zehn Sprachen vor. Zum diesjährigen Osterfest (2018) wird dem deutschsprachigen Lesepublikum erstmals eine repräsentative Textauswahl angeboten.

Ausgewählte Aufsätze und Reden.
Übersetzt von Ingrid von Heiseler, ausgewählt & herausgeben von Thomas Nauerth, mit einem Vorwort von Peter Bürger. Norderstedt: BoD 2018. ISBN: 978-3-7460-8898-3
[168 Seiten; Preis 6,99 Euro]
Bestellmöglichkeit finden Sie hier. Hier können Sie auch “einen Blick ins Buch” werfen.

John Dear ist kath. Priester (Ordination 1993) und war Direktor des Versöhnungsbundes (Fellowship of Reconciliation, USA). Nach dem 11. September 2001 gehörte er zu den Rote-Kreuz-Koordinatoren der Geistlichen im Family Assistance Center und beriet Verwandte der Opfer und Rettungskräfte. Er arbeitete in Obdachlosenunterkünften, Suppenküchen und Gemeindezentren; er reiste in Kriegsgebiete in aller Welt, darunter Irak, Palästina, Nicaragua, Afghanistan, Indien und Kolumbien. Er lebte in
El Salvador, Guatemala und Nordirland.
Er saß wegen einer Plowshares-Entwaffnungsaktion acht Monate im Gefängnis.
John Dear hat zwei Master-Abschlüsse in Theologie von der Graduate Theological Union in Kalifornien und lehrte Theologie an der Universität in Fordham, New York City. Er zählt zu den Mitarbeitern von “Pace e Bene”, “peace + all good” in Corvallis in Oregon. Er gehörte bis 2014 dem Jesuitenorden an und wurde dann Priester der Diözese von Monterey in Kalifornien.

Meine Übersetzungen zur Region Südasien – Entwurf und Realisierung des “Essays”

Essay in Südasien I/2018, S.12f. Entwurf und Realisierung

Vielleicht hatte ich gleich das 42. Kapitel aufgeschlagen und gelesen:
The Beginning of Autumn:
She floats in her autumn,
Yellowed like a leaf
And free.

Noch ein bisschen blättern und der Gedanke kam mir – damals zum ersten Mal: Das möchte ich übersetzen! Nach meiner Pensionierung hätte ich nun Zeit für solche
Arbeiten.
SüdasienEssay1
Kamala Das wohnte in Kochi in Kerala, nur etwa 1000 km südlich von meinem damaligen Winteraufenthalt 1998/99 in Goa. Ich rief sie an und sie lud mich für eine Woche zu sich ein. Ich hatte eine Reihe Fragen zum Buch. Erst nach meinem Verzweif-lungsanfall darüber, dass ich sie nie allein sprechen konnte am vorletzten Tag, kam sie in mein Gästeappartement (gleich neben ihrer Wohnung): Nun werde uns niemand stören!
Deutsch hieß das Buch inzwischen Herbstbeginn (My Story): Es erzählt davon, wie die Autorin/Erzählerin ihr Älterwerden erlebt. In Indien hatte es 11 Jahre zuvor Stürme erregt – in Deutschland fehlten mir die Kontakte zu „traditionellen Verlagen“. Lotos in Berlin schien eine Möglichkeit zu bieten. Die erwies sich als (be)trügerisch. Für den Verlag sollte ich 2 Romane übersetzen. Auch das war eine Täuschung: Meine Übersetzungen verschwanden im Abgrund des Verlags-Computers. Als Pay-Verlag übernahm Lotos die erste Ausgabe meines Textes Lost in Goa. [als eBuch Untertitel: Fakten und Fiktion]. Darin berichte ich am roten Faden einer fiktiven, fast kriminellen Handlung über das, was ich über Land und Leute dort in Erfahrung bringen konnte.
SüdasienEssay2
Zu den Themen Gewaltfreiheit und Indien gibt es das wunderschöne Jugendbuch Journey to the City of Six Gates. Graeme MacQueen, der über Spiritualität und Frieden geschrieben hat, hat es in Zusammenarbeit mit indischen Freunden 2006 im Tulika-Verlag in Chennai herausgebracht. Mit einem von meinem Enkel Anton in Indien aufgenommenen Foto als Cover ist es in meiner eBuch-Reihe erschienen: Graeme MacQueen, Die Reise zur Stadt mit den sechs Toren.
Später stieß ich auf einen Roman, der im Jahr 1930 spielt und in dem es um Anhänger Gandhis in einem Dorf geht: Angad Kumar, Die wahre Geschichte eines treuen Gefolgsmannes Gandhis und seines Dorfes. Die Übersetzung findet sich hier.
Schließlich nahm ich Herbstbeginn in meine eBuch-Reihe auf. Im Nachwort erzähle ich ausführlich von meinem Aufenthalt bei Kamala.
Immerhin bekam ich dann von Lotos den „Auftrag“, den Briefwechsel Mein lieber Meister (1920-1938) zwischen Rabindranath Tagore und seiner Übersetzerin ins Deutsche zu übersetzen. Jahre später veröffentlichte der Draupadi Verlag, Heidelberg, „anlässlich der Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag Rabindranath Tagores“ meine Übersetzung. Nach diesem guten Anfang bei dem Verlag wurde ich mit der Übersetzung (aus Englisch aus Tamil) des in Tamil Nadu spielenden Romans Salma, Die Stunde nach Mitternacht betraut.
2011 kam der Kontakt mit Dr. Yahya Wardak, Afghanic, zustande. Ich übersetzte Mein Leben. Autobiographie des Abdul Ghaffar Khan, das dann 2012 bei Afghanic erschien. Schon damals fanden wir wichtig, dass der historische Hintergrund deutlicher würde. Diese Aufgabe erfüllte offenbar Rajmohan Gandhis Buch Ghaffar Khan. Gewaltfreier Badshah der Paschtunen. Der Autor übertrug uns die Rechte für die Veröffentlichung einer deutschen Ausgabe und sechseinhalb Jahre nach dem Abschluss meiner Übersetzung liegt das Buch nun als eBuch (in meiner Reihe) und als TASCHENBUCH vor.

(Inhaltlich war „Gewaltfreiheit“ das Bindeglied zu meiner übrigen Arbeit. Diese umfasst Bücher über Mediation, Konfliktbearbeitung, Frieden und verwandte Themen. Seit 2012 besteht ein wöchentlicher, seit zwei Jahren auch persönlicher Kontakt mit dem in Tel Aviv lebenden Autor Uri Avnery. Seine Wochen-Artikel werden auf den beiden deutschen Websites: lebenshaus-alb.de und nrhz.de veröffentlicht. Alle Jahrgänge seitdem sind als Papier- oder eBücher erschienen.)
Als nächste „Anregung“ schickte mir Dr. Wardak die kleine Schrift The Pathan vom Sohn Ghaffar Khans: Ghani Khan. Schrift und Autor sprachen mich so sehr an, dass ich weitere Texte von und über Ghani zusammenstellte. Daraus entstand Ghani Khan, Schriften. Von ihm und über ihn, das 2016 bei Afghanic erschien.
Im Laufe der Jahre ergaben sich aus dieser Beziehung einige weitere Übersetzungen. Schließlich wurde mir klar, dass ich die Veröffentlichung selbst in die Hand nehmen musste. Größeres Interesse erwartete ich für moderne Kurzgeschichten aus Afghanistan: M. ZARIN ANZOR, Erinnerungen aus einem afghanischen Dorf . Deshalb machte ich nicht nur ein eBuch, sondern auch ein „Taschenbuch“ daraus (das mit dem Titelbild der 1. und den Illustrationen der 2. Auflage der englischsprachigen Ausgabe recht ansprechend geworden ist).
Dann fand ich schließlich die Möglichkeit heraus, auf meiner Webseite ganze Bücher (als PDFs und auch als docDateien) zugänglich zu machen. Daraus ergaben sich die folgenden Veröffentlichungen von Übersetzungen von Büchern, die mir Dr. Wardak im Laufe der Jahre angeboten hatte:
RAHMAN BABA, Der Diwan
S.W.A.SHAH: Ethnizität, Islam und Nationalismus (1937-1947)
(Den Autor hatte ich auf einer Afghanistan-Tagung kennengelernt. Er war damals Gastprofessor in Heidelberg.)
Spiegel der NationMELI HINDARA. Volkserzählungen. 3 Bände (Zu jeder Geschichte gibt es ein ganzseitiges farbiges, sehr romantisches Bild.)
PYARELAL: Eine Pilgerreise für den Frieden. Gandhi und Badshah Khan bei den Pathanen in der Nordwestgrenzprovinz.
Sechs der sieben auf Anregung von Dr. Yahya Wardak von der Organisation Afghanic e.V. angefertigten Übersetzung werden jetzt auf deren Webseite vorgestellt.
Auch die kleine Schrift von Mahadev Desai (1892-1942), Zwei Diener Gottes (die Brüder Khan) ist jetzt auf meiner Webseite in Deutsch zu finden.
Ein Schritt weiter und ich war bei Mahadevs Sohn Narayan (1924-2015). Zunächst stieß ich auf Gandhi mit den Augen eines Kindes und dann – im Internet – auf die umfangreichere Darstellung BLISS WAS IT TO BE YOUNG WITH GANDHI/ CHILDHOOD REMINISCENCES OF NARAYAN DESAI. Die zu übersetzen war wegen der dargestellten Ereignisse und wegen der ansprechenden Darstellungsweise eine große Freude. Meine deutsche Übersetzung der kleinen Schrift trägt jetzt den Titel: Gandhi aus nächster Nähe und ist in vollem Umfang als PDF auf meiner Webseite veröffentlicht.
Dann war es nur noch ein Schritt zu Narayan Desais großem Buch über seinen Vater: The Fire and the Rose. Die 700 großen Seiten werden mich wohl einige Zeit beschäftigen. Über den augenblicklichen Stand (1.3.2018) informiert ein “Posten” auf dieser Webseite. Nach einer Anfrage verwies mich der Verlag auf die Erben, die bisher noch nicht auf meine Anfrage reagiert haben. Der englischen Übersetzung (aus Gujarati 1993) 1995 konnten ja noch keine Dateien zugrunde liegen, sodass ich aus dem Buch werde übersetzen müssen. Die Gestalt dieses außergewöhlichen Menschen und persönlichen Sekretärs Gandhis besitzt Eigeninteresse, also Interesse über seine Beziehung zu Gandhi hinaus. Alles Weitere hinsichtlich dieses Projekts deckt noch der Schleier der Zukunft.
Ein Freund kommentierte: „Ah, du bereitest ein Fragment für deinen Nachlass vor!“

Pyarelal: Eine Pilgerreise für den Frieden

Gandhi und Badshah Khan bei den Pathanen der Nordwestgrenzprovinz

Pyarelal1.12.17PyrCov400Nov17Text-300x476
Über das Buch (an die Einführung Pyarelals angelehnt)
Der Sekretär Gandhis, der sich nur mit seinem Vornamen Pyarelal nennt, berichtet über Gandhis vierwöchige Reise in Gesellschaft Khan Saheb Abdul Ghaffar Khans durch die Nordwestgrenz-provinz Im Herbst 1938. Er stellt das gute Einvernehmen und die aufopfernde Fürsorge des Gastgebers für seinen Gast ausführlich dar.
In der Nordwestgrenzprovinz musste Gandhi Menschen die Gewaltfreiheit er-klären, deren gesamte Geschichte der letzten zweitausend Jahre in entgegengesetzte Richtung verlaufen war. Gewaltfreiheit war das genaue Gegenteil von dem, was die Paschtunen traditionell praktizierten.
Gandhis Reise stand unter dem Schatten der Münchener Krise. Das verlieh seinen Äußerungen internationale Brisanz. Gandhi meinte, seine Botschaft könne weltweit umgesetzt werden.
Einige behaupten, dass Gewaltfreiheit als Waffe nur in dem Fall von Nutzen sein könne, wenn die Macht, die es zu bekämpfen gelte, empfänglich für einen moralischen Appell sei. Wenn zum Beispiel die deutschen Juden ihre Zuflucht zu Satyagraha genommen hätten, hätte sie das nicht vor dem Tod retten können.
Die das sagen, scheinen zu vergessen, dass die Wirkung der Gewaltfreiheit nicht von der Duldung des Tyrannen abhängt. Sie ist von seinem Willen unabhängig. Sie wirkt durch sich selbst.
Während ahimsa des Einzelnen nicht von seiner Umgebung abhängt und überall praktiziert werden kann, verlangt eine gewaltfreie Ordnung ein besonderes sozio-ökonomisches Umfeld.
Wie würden Geist und Antlitz einer Gesellschaft aussehen, die sich auf Gewaltfreiheit gründete? Wie Gandhi und Badshah Khan sich darum bemühten, diese den Herzen der Khudai Khidmatgar in der Nordwestgrenzprovinz einzupflanzen, wird hier dargestellt. „Die Leserin möge über die innerliche Bedeutung und Bedeutsamkeit dieses Experiments nachdenken und für sich selbst entscheiden, ob es sich nicht vielleicht lohne, dafür zu leben und zu sterben.“
Auch in der Deutschen Nationalbibliothek als PDF zugänglich.