Category Archives: Fiktion

M. Zarin Anzor: Erinnerungen aus einem afghanischen Dorf. Paschtunische Kurzgeschichten.

Anzor erzählt von Erfahrungen: den Frustrationen durch politische Unruhen, häufigen Regimewechsel und Korruption der Regierung. Wir lernen eine verborgene Welt kennen: Die Kurzgeschichte wird zum Fenster in eine Kultur. Anzors paschtunisches Dorf und städtisches Umfeld spiegeln stereotype Ehrenmorde und die Notlage von Frauen und Mädchen der paschtunischen Gesellschaft wider und wir blicken in das Innere eines Paschtunen, der mit seinem Gewissen und seiner Heuchelei kämpft. Die Geschichten zeigen die Widersprüchlichkeiten zwischen Leben und Religion, die Forderungen, die sich aus den Erwartungen des Stammes ergeben, und die typischen Entbehrungen und Nöte gewöhnlicher Afghanen.
Juwelen und die drei letzten Texte sind der Gattung Groteske zuzuordnen: sie gehören zu den „literarischen Werken von grausig-monströsem, dabei aber auch derb-komischem Charakter“.
„Nirgendwo in der Welt würde so etwas passieren, der Ausgang der Geschichte ist un-realistisch, völlig fiktiv. Ein solcher Schrecken und solche Gewalt sind nicht realistisch.“ So urteilen Nicht-Afghanen in einer der Kurzgeschichten, aber die übrigen Geschichten belehren uns eines Schlimmeren! Wir lernen eine Kultur kennen, in der die irrtümliche Berührung der Hand einer Frau zu zwei Morden führen kann.
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Das Buch ist als eBuch erschienen. Als pdf ist es in der Deutschen Nationalbibliothek zugänglich.

Die Stunde nach Mitternacht

von Salma

salma-01-coverDer Roman wurde von Lakshmi Holmström aus Tamil ins Englische übersetzt. Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler. Heidelberg: Draupadi Verlag 2011.
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Über das Buch: Die zwölfjährige Rabia lebt mit ihrer Familie in einer dörflichen muslimischen Gemeinde in der Nähe von Madurai in Südindien. Sie genießt als Kind  viele Freiheiten und wird dann mit Einsetzen der Menstruation ihrer
Freundin aus der Schule genommen und wie die erwachsenen Frauen aufs Haus beschränkt. Ihre sehr früh und gegen ihren Willen ins Nachbardorf verheiratete Cousine Wahida löst unbesonnen eine Tragödie aus. Auf zwei unterschiedlichen Gesellschaftsebenen führen die Liebesbeziehungen zwischen muslimischer Frau und hinduistischem Mann zu Ausgrenzung, Leid und Tod beider Frauen. Das Schicksal Rabias bleibt offen: Sie und ihr früherer Spielgefährte Ahmad lieben einander, aber die Drohung ihres Vaters, er werde Ahmad – aus moralischen Gründen – nicht als Schwiegersohn akzeptieren, schwebt über ihnen: Ahmads Mutter lebte jahrelang in einer vom Ehemann – und darum auch von der Gemeinde – geduldeten Liebesbeziehung mit einem armen Moslem.

Über die Autorin: Der Verlag Kalachuvadu Publications veröffentlichte zunächst eine Sammlung von Gedichten der 1968 geborenen Rajathi Samsudeen aka Rokkaiah Malik. Ihre Familie zwang sie, die Schule zu verlassen, und verheiratete sie sehr jung. Der Verleger ermutigte sie dazu, einen Roman zu schreiben, der dann vom Verlag sprachlich redigiert wurde und 2004 in Tamil erschien.

Kommentar: Als deutschen Titel hatte ich Biegen oder Brechen vorgeschlagen, denn eben vor dieser Wahl stehen oder standen alle Frauen, von denen der Roman handelt. Rabia ist die Protagonistin des ersten und Wahida die des zweiten Teils. Die Erzählweise ist sehr komplex: Ein umfangreiches Personal, einige als Erinnerungen eingefügte Ereignisse – manchmal ganze Schicksale –  und viele beim ersten Lesen nicht erkennbare Vorausdeutungen erschweren zunächst das Verständnis; die sehr anschauliche, da genaue Erzählweise hält die Leserin jedoch bei der Lektüre fest.
Der ganze Reichtum des Romans erschließt sich wohl erst beim zweiten Lesen.

Die Reise zur Stadt mit den sechs Toren

von Graeme MacQueen

26.3.Cover6Gates Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler.
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Prinzessin Matis Leben hat sich verändert: Feinde haben das Gold-Land erobert und das Königspaar entführt. Mati und ihr Bruder Satya (Wahrheit) wollen mit Hilfe ihres besten Kriegers ihre Eltern befreien. Auf der Reise treffen sie einen geheimnisvollen Sadhu, der ihnen ungewöhnliche Fähigkeiten beibringt. Die drei Protagonisten wollen mit dem Bösen fertig werden, ohne dass sie gewalttätig wie ihre Verfolger handeln. In kontemplativen poetischen Beschwörungsformeln und starker, gut lesbarer Prosa kommen im Roman unaufdringlich die Themen Stellung der Frau und Verantwortung für die Umwelt und die Frage nach dem gut regierten Staat zur Sprache: Beim Durchqueren von drei schlecht regierten Königreichen bewirken die Protagonisten, dass die Einwohner die eigene Kraft erkennen und die Herrscher vertreiben, um selbst gut zu regieren. Über den Autor: Graeme MacQueen ist Buddhismus-Experte und er ist von der Kunst des indischen Geschichtenerzählens begeistert. Er war Universitätsprofessor und ist Friedensaktivist und arbeitet daran, Frieden und Gerechtigkeit in acht Ländern auf drei Kontinenten zu fördern. Er beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit der Übersetzung und dem Studium asiatischer Geschichten. Seit 2003 ist er ausschließlich freier Schriftsteller. Er lebt in Ontario.

Ingo lebt anders

von Ingrid von Heiseler

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Anfang der 1970er Jahre. Eine Zeitminiatur: Ingo ist ein Kind, dessen Eltern der damaligen Zeit entsprechend „alternativ“ leben: 1) Sie huldigen nicht der bis dahin üblichen Verteilung der Geschlechterrollen, sondern die Frau verdient das Geld und der Mann kümmert sich ums Kind. 2) Die Eltern gehen „sozial-integrativ“ mit dem Kind um und sie gestehen dem Kind im Umgang „Symmetrie“ zu. 3) Die kleine Familie hat sich aus dem technisierten Leben in eine „in der Natur“ gelegene alte Mühle zurückgezogen.

Mein Gedanke war, dass dieses Kinderbuch Aspekte der psychischen Realität darstellt und dass das lesende Kind/der/die lesende Erwachsene etwas von den psychischen Mechanismen, die in ihm wirken, erfährt, ohne dass es/er/sie mit Theorie belästigt wird.

Judith Rozsas – damals Schülerin, heute Malerin – fertigte die wunderschönen
Tuschzeichnungen zu den einzelnen Kapiteln an.

 

Dieser Eingang ist nur für dich bestimmt

Kürzere Texte

von Ingrid von Heiseler

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Über das Buch: Einigen der in ein paar Jahrzehnten entstandenen Texte liegen reale Erlebnisse der Erzählerin zugrunde. Die Themen sind: “Generationen”, “Reisen”, “Fast autobiografisch”, “Alter”und “Figuren”. Den Rahmen bilden die Texte “Schriftstellerei” und “Nachlass”. In die Sammlung aufgenommen wurde auch New Chapter to Richard Bach’s Illusions und die Antwort Bachs auf die Zusendung.

Kommentar: „Zur Supernova fliege ich davon, sehe von dort aus zu mit einem Supernova-Fernrohr, wie ich hier spiele und spazieren hinke.“ Spannend erzählt Ingrid von Heiseler, wie Menschen Wege gehen, wie Menschen spielen. Mit dem Fernrohr kommt sie ganz nah heran – bis zu Innenansichten. Unaufdringlich lebt ihr reger Geist mit den Personen und dem Geschehen.
Die thematisch und formal sehr unterschiedlichen kürzeren Texte, darunter die nur „fast autobiographische“ „Lebensreise“, bieten Einblicke und Einsichten. Die Geschichten sind dort nicht fertig, wo der Text endet. Sie enthalten mehr, als die Worte sagen, und schwingen weiter in Verstand und Gefühl.” (Dr. Martin Arnold)
Man könnte die Texte auch unter dem Titel zusammenfassen: „Kommt dir das nicht bekannt vor? Kennst du nicht auch solche Leute?“ Manche Geschichten können als Satiren durchgehen.

Lost in Goa

Fakten und Fiktion

von Ingrid von Heiseler

AmazonAugust13
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GoaHaus3.5._1563Über das Buch: In Goas Hauptstadt Panjim treffen sich drei Deutsche: Arno, der in Indien seinen ihm unbekannten indischen Vater sucht, Manuela, die sich dort umbringen will, und die Pensionärin Angela, die sich aus Langeweile nützlich machen möchte, der  Brasilianer Ramon, der sich auf dem Rückweg vom Ganges befindet, in den er die Asche seines indischen Großvaters gestreut hat, und der sich in Goa verliebt, dazu die Goaner: der Architekt Bernardo, bei dem Arno wohnt, die Hausbesitzerin in Calangute Vilma, der Reporter Rajashree,  die junge Rohini, der ihre muslimische Familie die Liebe zu Ramon verbietet, und schließlich die Vierjährige, die den Namen Rosa bekommt.

Zur Komposition: Bei den Personen Angela, Bernardo und Vilma handelt es sich um Porträts realer Personen, ebenso wie bei dem Schriftsteller und den beiden Ärzten.
Am Rande der Haupthandlung steht ein zum Hinduismus übergetretenes amerikanisches Paar, das seine Existenz einem in einer Zeitung abgedruckten Brief verdankt, in dem gemeldet wurde, der Mann sei bei einem rituellen Bad im Ganges ertrunken.
Das Buch stellt Lebens- und Denkweisen im heutigen Goa in Beschreibungen und Gesprächen dar, die in die Haupthandlung eingefügt sind.

Die Autorin kennt Goa und besonders Panjim aus eigener Anschauung. Während ihrer ausgedehnten Aufenthalte dort, schöpfte sie aus mündlichen und schriftlichen Quellen – vor allem aus Zeitungen – und verarbeitete ihre eigenen Erfahrungen im Land.

Rezension in NRhZ

 
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“Papierbuch” Lotos Verlag: Berlin 2001.