Mahadev Desai, Zwei Diener Gottes

1935 über die beiden Brüder Khan
Mahadev Desai
Zwei Diener GOTTES
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
MIT EINEM VORWORT von Mahatma G A N D H I

Gedruckt & veröffentlicht von Hindustan Times Press, Delhi [1935]
Copyright erlischt 2012 (70 Jahre nach dem Tod des Verfassers. Er lebte von 1892 bis 1942. Vater von Narayan Desai, geb 1924)
Ausgabe per Fernleihe aus : Humboldt-Universität zu Berlin. Zweigbibliothek Asien/Afrika
00000000128991 SA NQ 5765 D 441 Tg
[Die Worttrennungen im fortlaufenden Text wurden automatisch vorgenommen, sind zum Teil falsch und wurden nicht korrigiert.]

„Auch zur Familie Bajaj […] in Wardha entwickelten die Brüder Khan freundschaftliche Nähe. Ebenso zu Gandhis Sekretär Mahadev Desai. Desai fragte die Brüder über ihr Leben aus und stellte bald zum Vorteil der Zeitgenossen und künftiger Forscher ein wertvolles kleines Buch zusammen: Two Servants of God.“
Rajmohan Gandhi, Ghaffar Khan. (Kapitel) DREI: H o f f n u n g s f e u e r, 1919–37
Khan Abdul Ghaffar Khan […] lebte nicht nur für Frieden und Toleranz, sondern er lebte auch für Gerechtigkeit. Das brachte ihm etwa zwölf Jahre politische Haftstrafen unter den Briten und etwa fünfzehn Jahre zusätzlich ein, nachdem Pakistan gegründet worden war, in dem sein Peshawar-Tal und die übrige Nordwestgrenzprovinz aufgegangen waren.
Rajmohan Gandhi, Ghaffar Khan. [vor dem 1. Kapitel] D i e S i t u a t i o n.

Inhalt
1. Die Grenzprovinz
2. Geburt und Herkunft
3. Die frühen Jahre
4. Die Ansichten der Brüder über Religion
5. Khudai Khidmatgar
6. Beschuldigung und Wahrheit
7. Tatsachen, die Engländer wissen müssen
8. Die ganze Familie im Gefängnis
9. Charakterisierungen
10. Wieder richtig zu Hause

Meine Gewaltfreiheit ist für mich fast zur Glaubenssache geworden. Ich hatte schon vorher an Gandhis ahimsa geglaubt. Aber der beispiellose Erfolg des Experiments in meiner Provinz hat mich zum eingeschworenen Verfechter der Gewaltfreiheit gemacht. Wenn Gott es will, werde ich, so hoffe ich, niemals mehr mit ansehen müssen, dass meine Provinz zum Mittel der Gewalt greift. Es kann sein, dass ich keinen Erfolg habe und eine Welle der Gewalt meine Provinz überflutet. In dem Fall werde ich mich damit zufrieden geben, das Urteil des Schicksals über mich anzunehmen. Aber das wird meinen letztgültige Glauben an die Kraft der Gewaltfreiheit, die mein Volk mehr als alle anderen braucht, nicht erschüttern. Khan Abdul Ghaffar Khan

V O R W O R T
ZWAR hatte ich mich immer danach gesehnt, konnte jedoch vor den letzten Monaten des letzten Jahres niemals längere Zeit mit Khansahib Abdul Ghaffar Khan zusammen sein. Das Glück führte mir jedoch nicht nur den jüngeren, sondern auch den älteren Bruder Dr. Khansahib bald nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in Hazaribagh in den Weg. Wie das Glück es wollte, standen sie unter dem Befehl, bis zum 28. Dezember die Grenzprovinz nicht zu betreten. Sie hatten die Auflage, keinen zivilen Ungehorsam zu leisten. Deshalb nahmen sie die Gastfreundschaft von Seth Jamnalal Bajaj in Wardha in Anspruch. Ich genoss den Vorzug, in nahe Berührung mit den beiden Brüdern zu kommen. Je besser ich sie kennenlernte, umso mehr fühlte ich mich zu ihnen hingezogen. Ich war betroffen von ihrer erkennbaren Aufrichtigkeit, Offenheit und äußersten Einfachheit. Ich erkannte auch, dass sie an Wahrheit und Gewaltfreiheit nicht als an einer Politik, sondern als an einem Glauben festhielten. Ich stellte fest, dass der jüngere Bruder von tiefer religiöser Inbrunst erfüllt war. Sein Glaube war nicht eng. Ich stellte fest, dass er universalistisch gesinnt war. Seine Politik, wenn er überhaupt eine hatte, leitete er von seiner Religion ab. Der ältere Bruder, der Doktor, hat keine Politik. Dieser vertrauliche Umgang führte mich zu der Schlussfolgerung, dass die Brüder weitgehend missverstanden werden. Deshalb bat ich Mahadev Desai, alles, was er nur konnte, aus ihrem Leben zu notieren und eine Skizze für die Öffentlichkeit herzustellen, in der sie als Menschen [und nicht als politisch Handelnde] dargestellt werden. Er sollte die ausschließlich politische Perspektive verlassen und eine Kritik an der Regierung vermeiden. Das Ergebnis ist seine Charakterskizze. Der Leser muss selbst entscheiden, ob die folgenden Passagen den Anspruch der Brüder rechtfertigen, als einfache Khudai Khidmatgars (d.h. Diener Gottes) gesehen zu werden. Wir gehen davon aus, dass die Brüder Mahadev Desai die Ereignisse ihres Lebens genau und wahrheitsgemäß dargestellt haben.
M. K. GANDHI DELHI: 14. Januar 1935

Zwei Diener GOTTES
KAPITEL I
DIE GRENZPROVINZ
DEN indischen Freiheitskampf der letzten fünfzehn Jahre kann man in vielerlei Hinsicht mit einem Erdbeben vergleichen. Da er streng gewaltfrei war, fehlen ihm einige Merkmale der Heftigkeit eines Erdbebens. Er hat jedoch unsere nationale Existenz nicht weniger als ein Erdbeben die Erde bis in ihre Grundfesten erschüttert. Gebäude von Macht und Privileg und altersschwacher Vorurteile wurden gründlich erschüttert, wenn nicht gar dem Erdboden gleichgemacht, und die politische Topografie hat sich nicht weniger radikal verändert als die physische durch ein natürliches Erdbeben.
Wer kannte vor zwanzig Jahren Jallianwala-Bagh und Bardoli und Chauri Chaura? Und wer kannte Chirala Perala, Vedaranyam und Borsad? Dandi und Dharasna und Wadala waren niemandem als den wenigen Menschen bekannt, die in der Nähe dieser Orte wohnten. Für künftige Geschichtsschreiber von Indiens Freiheitskampf werden alle von mir genannten Orte und viele andere, die ich noch nennen könnte, eine Bedeutung haben, die ihnen ihre Position auf der Landkarte, wenn tatsächlich alle dort einen Ort hatten, niemals hätten geben können.
Und wenn diese vor zwanzig Jahren noch bedeutungslos waren, hatte dann wohl die gesamte Nordwestgrenzprovinz irgendeine Bedeutung, bevor sie 1930 für uns sichtbar wurde? Seither ist sie wegen der Ereignisse, die wir kennen, und noch mehr wegen der Ereignisse, die wir bisher nicht kannten, schmerzhaft sichtbar geworden. Die wenigen von uns, die die Zeitungen lesen, hatten tatsächlich nur eine verschwommene Vorstellung von der Grenzprovinz als von einem schrecklich roten Fleck am nordwestlichen Horizont, und sobald irgendetwas davon erwähnt wurde, entsannen wir uns des Lieblings-Schreckgespenstes der Briten: die russische Bedrohung. Der Geschichtsstudent richtete mit Mühe seine Augen auf die Realität, wenn er die Berichte der Briten über die Strafexpeditionen gegen die Stämme las. Einige davon endeten damit, dass die Briten den Stämmen „Subventionen“ zahlten, wenn diese zustimmten, in kritischen Situationen britischen Rat zu suchen. Die Entführung von Miss Ellis offenbarte weniger den Charakter eines Stammes oder eines Volkes als vielmehr die Tatsache, dass die Kräfte eines mächtigen Imperiums mobilisiert werden konnten, da die geschädigte Partei zur regierenden Rasse gehörte. Der unwissende und des Lesens und Schreibens unkundige Dorfbewohner wusste, dass es ein Land gab, das Sarhad (Grenze) genannt wurde. Dorther kamen wucherische und peinlich genaue pathanische Geldverleiher, die für die Dorfbewohner, wenn sich die Geldverleiher mit ihren gehorteten Zinsen oder einem ihnen anhängenden Verbrechen zurückzogen, unerreichbar waren.
Aber 1930 und die folgenden Jahre zeigten, dass die Nordwestgrenzprovinz Männer besaß, die wie wir empfanden, die den Freiheitskampf für sich nicht weniger verlangten, als wir es in den anderen Provinzen Indiens taten, und die viel mehr gelitten und größere Opfer gebracht hatten als ihre Brüder in anderen Provinzen. Diejenigen, die das Glück hatten, 1931 an der großen Kongress-Sitzung in Karachi teilzunehmen, konnten zum ersten Mal einen Blick auf Khan Abdul Ghaffar Khansahib und seine Anhänger werfen.
Es war eine vollkommene Offenbarung, dass der einfache, leicht erregbare, riesenhafte Pathane zu einer Organisation gehören konnte, die sich der Gewaltfreiheit verschrieben hatte und der angesichts schwerer Provokationen gewaltfreie Aktionen ausführen konnte. Wir lasen in Büchern über Völker und viele Landstriche Geschichten über die feste Entschlossenheit der Pathanen. Sie erinnerten einen an den Römer, der seinen Arm in eine Flamme hielt und ihn dort ließ, bis er verkohlt war. Ein pathanischer Räuber, so erzählte man uns, wurde dabei erwischt, als er ein Loch in ein Haus bohrte, in das er einbrechen wollte. Der Hausbesitzer wachte auf und fand eine Hand, die durch die Öffnung ragte. Er ergriff sie und rief um Hilfe. Lieber, als sich ertappen zu lassen, trennte der Dieb die Hand am Handgelenk ab und der Hausbesitzer taumelte mit dem abgetrennten Glied zurück. Vom gewaltfreien Kampf, an dem die Pathanen teilgenommen hatten, erzählte man ähnliche Geschichten, die von kühlem Mut und Entschlossenheit erzählten, die allerdings von edlerer Art waren. Der Cousin der Khan-Brüder Haji Shah Nawaz Khan war 1930 im Gefängnis in der Sicherheitsabteilung. Häusliche Umstände zwangen ihn, für seine Freilassung Kaution zu zahlen. Der Umstände ungeachtet, konnte sich keiner seiner Verwandten außerhalb des Gefängnisses damit abfinden, dass er Kaution gezahlt hatte, und sie sagten, er solle etwas tun, womit er gegen die Sicherheitsbestimmungen verstieße, und zurück ins Gefängnis zu gehen. Darüber dachte er eine Weile nach und dann tötete er sich selbst in aller Stille. Er ließ eine Notiz zurück, in der er schrieb, dass er damit, dass er ins Gefängnis zurückginge, die Schande, die er über seine Familie gebracht habe, nicht wiedergutmachen könne. Sein Tod sei die einzig mögliche Wiedergutmachung.
Der bekannte Arbeiter, religiöse Führer und Zamindar Syed Abdul Wadud Badshah, der nicht in den britischen Distrikten der Grenzprovinz, sondern in der Malakand-Agency lebte, war fast drei Jahre in der Sicherheitsabteilung eines Gefängnisses. Nicht einmal während des Waffenstillstandes von 1931 wurde er entlassen. Sein Vater, der altersschwach, alt und an der Schwelle des Todes war, zahlte Kaution, um seinen Sohn vor seinem Tod noch zu sehen. Der Syed war verzweifelt darüber, auf welche Weise seine Entlassung bewirkt worden war. Seine Scham war so groß, dass er sich erschoss, ohne Rücksicht auf den Schmerz, den er damit seinem alten Vater zufügen würde.
Wer wollte nicht gerne mehr über diese unbeugsame Rasse erfahren, die solche Helden hervorbringt? Ich habe das seltene Glück, die Brüder Khan, die gerade aus dem Gefängnis in Hazaribagh entlassen wurden, wo sie als Staatsgefangene eingesperrt waren, nahe kennenzulernen. Die nahe Bekanntschaft hat die Zuneigung und den Respekt, die ich schon vorher für die beiden Brüder empfunden habe, noch weiter vertieft. Sie haben mir gestattet, ihnen alle möglichen Fragen über ihr Leben zu stellen. Die Geschichte, die sie mir erzählt haben, ist so fesselnd, dass ich nur einen Teil davon aufschreiben und der Öffentlichkeit mitteilen kann. Es ist öffentlich bekannt, dass die Brüder zwar aus dem Gefängnis entlassen wurden, dass man ihnen aber verbot, die Grenzprovinz zu betreten. Wenn die Leser die Geschichte der Brüder zu Ende gelesen haben, werden sie ebenso wie ich wissen wollen, warum sie aus ihrer eigenen Provinz ausgeschlossen werden.

KAPITEL II
GEBURT UND HERKUNFT
„Mein Geburtsjahr könnte ich Ihnen sagen“, sagte der jüngeren der beiden Brüder, „aber nicht das genaue Datum. Zwar weiß ich das Datum nach dem Monat Jeth des Mondjahres, aber nicht das christliche Datum.“
„Jeth!“, rief ich ziemlich erstaunt. „Wir haben auch einen Monat Jeth.“
„Oh ja. Ihr und wir haben mehr gemeinsam, als wir wissen. Unsere Traditionen sind dieselben, viele unserer Bräuche sind dieselben und schließlich sollten wir nicht vergessen, dass jahrhundertelang die Religion der Menschen unserer Gegend der Buddhismus war. Unser Distrikt ist voller Überbleibsel aus buddhistischer Zeit und einige Städtenamen sind buddhistisch oder hinduistisch und ziemlich viele Wörter in Paschtu sind von Sanskrit abgeleitet“, sagte Khan Abdul Ghaffar Khan.
Der ältere Bruder Dr. Khansahib wurde 1883 und der jüngere Bruder Abdul Ghaffar Khan wurde 1890 geboren. Sie kommen aus einer Familie von Khans, die zum Mohmadzai-Stamm gehören. “Zai” bedeutet wörtlich: geboren von und bezeichnet die Herkunft und Khan bedeutet Führer. Alle Stämme in der Grenzprovinz leiten ihre Namen von ihren ältesten Vorfahren her. Der Vater der Brüder Khansahib Bahram Khan war der Khan des Dorfes Utmanzai im Charsadda-tehsil des Distrikts Peshawar. Charsadda ist dreißig Kilometer von Peshawar entfernt und Utmanzai ist ein schön gelegenes Dorf am Swat, etwa drei Kilometer von Charsadda entfernt. Etwa dreißig Kilometer westlich liegt das Gebiet des Mohmand-Stammes, durch das man nach Afghanistan kommt. Die Brüder wurden in dieser Umgebung geboren und aufgezogen und sind Naturkinder. In unseren modernen Stätten der Zivilisation fühlen sie sich nicht sehr wohl. Der ältere Bruder hat jedoch die längste Zeit seiner Ausbildung in England verbracht; er war etwa elf Jahre im Ausland. Recht oft gehen während des Gesprächs ihre Gedanken zurück zu den Hügeln, dem Fluss und der kleinen Insel im Fluss, auf der sie sich einen Rückzugsort gebaut hatten, an dem sie gerne einmal Gandhi zu Gast hätten. „Du kannst dort deinen Ashram haben, Mahatmaji“, sagen sie, „und wir könnten uns keine friedlichere und schönere Umgebung denken. Das ganze Peshawar-Tal ist voller Früchte aller möglichen Sorten und wir versichern dir, dass du dort ein paar Pfunde zulegen wirst.“ Sie sprechen von ihren Zuckerrohr-Feldern und der reichen sahnigen Milch ihrer Kühe, die sie ausschließlich zu Butter verarbeiten, und von ihren Büffeln, mit denen sie ackern. „Aber wo diese Felder sind und was heute mit ihnen geschieht, wissen wir nicht“, sagen sie mit einem Seufzer, der weder das Gefühl der Niederlage noch Verzweiflung ausdrückt, sondern nur das natürliche Heimweh der Menschen im Exil.
Wir kommen auf ihren guten Vater zurück. Als mir die Brüder die Geschichte ihres Vaters erzählten, fiel mir die Geschichte des Vaters der Brüder Patel ein. Beide Geschichten weisen viele interessante Parallelen auf. Sowohl der Vater Patel als auch der Vater Khan waren tief religiös, beide wurden über neunzig Jahre alt und beide hatten etwa denselben Anteil an der Erziehung ihrer Söhne. Aber hier endet die Parallele. Während man von den Brüdern Patel sagen kann, sie seien durch eigene Kraft emporgekommen, kann man das von den Brüdern Kahn nur in einem gewissen Sinne sagen. Vater Khan war der Führer eines Dorfes, etwas wie ein zamindar [Gutsbesitzer], und er hatte jedenfalls das nötige Geld, um seinen Sohn nach England zu schicken. Der Vater der Brüder Patel hatte ein viel bescheideneres Einkommen und seine Söhne mussten ihre Ausbildung selbst finanzieren. Vater Patel war eher ein Einsiedler als ein Mann von Welt, während Vater Khan so großen Einfluss ausübte, dass er noch 1919 mit über achtzig – bald nach seinem jüngeren Sohn – ins Gefängnis gesperrt wurde.
„Unser Vater und unsere Mutter leben als hervorragende Vorbilder für ein wahrhaft religiöses Leben in unserem Gedächtnis“, sagte Abdul Ghaffar Khan. „Beide waren Analphabeten, aber sie lebten mehr in der Welt des Geistes als in der des Fleisches. Meine Mutter setzte sich oft nach ihrem namaz (Gebet) hin, um in Schweigen und Stille zu meditieren. Ich habe niemals zwei Seelen kennengelernt, die gottesfürchtiger waren.
Mein Vater erwarb sich sein ganzes Leben hindurch viele Freunde und machte sich keine Feinde. Ich nenne hier nicht die Namen einiger der nahesten und liebsten Verwandten, kann dagegen sagen, dass mein Vater zwar viele Feinde hatte, die jedoch am Ende ihrer Tage bereuten, was sie ihm angetan hatten, und als ergebene Freunde starben. Er kannte keine Rachegedanken und er hatte etwas in sich, das ihm sagte, es bringe keine Unehre, wenn man hintergangen werde, sondern die Unehre habe der, der hinterging. Er war ein Mann von Wort und er war so offensichtlich wahrheitsliebend, dass nicht einmal seine Feinde wagten, ihm nicht zu glauben oder ihm zu widersprechen. Viele Menschen kamen und deponierten ihre Ersparnisse bei ihm, ohne dass sie sich jemals eine Quittung geben ließen, und sie wussten, dass seine ‚Bank‘ niemals bankrott machen werden. Er schmeichelte niemals denen, die Autorität hatten, und die Mächtigsten im Land hatten Ehrfurcht vor ihm. Die mächtigsten britischen Beamten nannten ihn ‚Onkel‘ und überlegten es sich zweimal, ehe sie sich entschlossen, sein Missfallen zu erregen.“
„Wie lange hat er gelebt?“, fragte ich. „Hat er sich für unseren Freiheitskampf interessiert?“
„Er starb 1926 im Alter von etwa 95 Jahren. Ich denke nicht, dass er die Konsequenzen des Kampfes verstand. Aber er befürwortete Reformen auf allen Gebieten. Zu unserer Zeit blickten die Mullahs missbilligend auf Männer, die ihre Jungen in moderne Schulen schickten. Aber er billigte dieses Vorurteil nicht. Als die Aufregung um das Rowlatt-Gesetz aufkam, warf ich mich in den Kampf. Ich wurde sofort verhaftet. Am 6. April trafen sich in Utmanzai mehr als hunderttausend Menschen. Mein Vater nahm an der Versammlung teil. Nach meiner Verhaftung befragten die Briten einige Dorfbewohner. Vierzehn Tage lang sagte keiner von ihnen, wo ich war. Der Polizeichef kam mit einer dschirga (Abordnung) zu meinem alten Vater und versuchte, ihn einzuschüchtern. Er sagte ihm: „Sie werden den Badsha erschießen.“
„Badshah?” fragte ich überrascht.
„Ja“, sagte Khan Abdul Ghaffar Khan lachend. Ich hieß damals Badshah! Sie nannten mich damals so.“
„Das erinnert mich an den ‚König der Juden‘“, sagte ich.
„Das ist lieb von dir. Alles, was sie wollten, war, meinen Vater erschrecken, indem sie ihm drohten, mich zu einer harten Strafe zu verurteilen.“
„Was kam dabei heraus?“
„Das Ergebnis war, dass auch mein Vater und einige Familienmitglieder verhaftet wurden.“
„Die Verhaftung war sicherlich zu viel für den alten Mann?“
„Im Gegenteil, er war sehr froh, dass er ins selbe Gefängnis gebracht wurde. ‚Wie glücklich ich bin, dass ich verhaftet worden bin!‘, rief er. ‚Sonst hätte ich dich tage- oder jahrelang – wer weiß? – nicht sehen können.“
„Und wie lange musste er die Gefangenschaft ertragen?“
„Etwas länger als drei Monate. Der Grund war, dass Sir George Roos Keppel eine Politik der Besänftigung der Pathanen betrieb, nicht einmal ich wurde länger als sechs Monate im Gefängnis festgehalten.”
Der alte Herr starb 1926. Er hatte niemals sein Geburtsdatum erfahren, aber seine Söhne meinten, er hätte ein Jahrhundert erreicht, wenn nicht überschritten. Zwar konnte er keine Auskunft über sein genaues Alter geben, hatte jedoch die lebhaftesten Erinnerungen an den Aufstand von 1857, als er im besten Mannesalter gewesen war. Er war niemals stolz auf das Verhalten der Pathanen während der kritischen Zeit und die Brüder erinnern sich – nicht ohne eine gewisse Scham – daran, wie ihr alter Vater ihnen von ihrem älteren Onkel erzählte, der den Briten so großmütig gedient habe, indem der die Militärgarde der Schatzkammer in Charsadda befehligte.
„Wieso müsst ihr euch dafür schämen?“, fragte ich. „Ich erinnere mich, dass mir Pandit Motilalji erzählte, dass sein Vater und sein Onkel während des Aufstandes den Briten dienten.“
„Kann sein“, sagte der ältere Khan. „Aber irgendwie denke ich, dass es nicht angenehm ist, sich daran zu erinnern, welche Rolle die Sikhs und die Pathanen während des Aufstandes gespielt haben.“
„Es waren andere Zeiten. Genügt es nicht, dass zwei großartige Familien mit derartigen historischen Traditionen sich verpflichtet gefühlt haben, Besitz und Leben im Freiheitskampf zu opfern?“
„Das tut es tatsächlich.“
Ich kann dieses Kapitel nicht abschließen, ohne darauf hinzuweisen, mit welch tiefem Gefühl die Brüder immer von ihrem Vater sprachen, besonders von seiner grenzenlosen Nächstenliebe. Zu dieser gehörten seine Güte und seine Langmut. Von ihrem Vater haben die Söhne ihr angeborenes Festhalten an Gewaltfreiheit geerbt.

KAPITEL III
DIE FRÜHEN JAHRE
DAS führt uns zur Geschichte der frühen Jahre der Brüder. Ich wollte unbedingt wissen, wie es den Brüdern in dieser dunklen Provinz gelungen war, die Bildung zu erwerben, die sie erworben haben, und wie sie dazu kamen, sich der Freiheitsbewegung anzuschließen.
„Ich habe dir erzählt“, sagte der jüngere Khan, „dass alle Bildung in unseren Schulen tabu war. Es gab maktabs [muslimische Elementarschulen] in den Moscheen, in denen maulvis den Heiligen Koran und ein paar Brocken von säkularen Fächern lehrten. Aber mit der Ankunft der Briten gingen sogar die maktabs unter und nur sehr wenige Schulen ersetzten sie. Es gab starke Vorurteile gegen diese Schulen, aber mein Vater besiegte diese Vorurteile und schickte uns in eine Missionsschule in Peshawar. Mein Bruder bestand die Immatrikulation an der Punjab-Universität, absolvierte ein Jahr im Grant Medical College in Bombay und ging dann nach England, um sein Medizinstudium abzuschließen. Die Familie fürchtete, er werde sich zum Christentum bekehren. Ebenso fürchtete sie, er werde sich dort niederlassen und nicht nach Hause zurückkommen, und er werde eine Engländerin heiraten – was sich dann als richtig herausstellte. Aber mein Vater hatte eine großzügige Auffassung und sagte, er werde der Ausbildung seines Sohnes nicht im Wege stehen. Ich bestand die Immatrikulation leider nicht. Die Frage, mich nach England zu schicken, wurde auch besprochen und ich wäre tatsächlich nach England gegangen, wenn nicht zwei oder drei Familienmitglieder gestorben wären, was als ungünstiges Omen für eine höhere Bildung aufgefasst wurde. Diese häuslichen Ereignisse und der damit verbundene Aberglaube kostete mich zwei kostbare Jahre. Schließlich besiegelte die Tatsache, dass mein Bruder tatsächlich eine Engländerin geheiratet hatte, das Schicksal meiner Englandreise und auch meine Studien kamen zu einem Stillstand.“
Aber selbst der kurze Besuch der Missionsschule erteilte dem jungen Khan eine wichtige Lektion. Beide Brüder halten das Gedächtnis an den Schuldirektor Rev. Wigram in Ehren. Durch seinen Charakter und seine Selbstaufopferung gewann er die Zuneigung seiner Schüler. Der jüngere Khan entschloss sich, seinerseits seiner Gemeinschaft zu dienen, wie sein Schuldirektor seinem Glauben in missionarischem Geist gedient hatte. Zuvor wurde jedoch alles Reden über eine Auslandsreise aufgegeben und bevor er seine Mission des Dienstes an seiner Gemeinschaft aufnahm, nährte er eine Weile den Ehrgeiz, in der Armee zu dienen und sich als Soldat auszuzeichnen. Der Pathane ist der geborene Soldat und Ghaffar Khans Bewerbung um einen Posten in der Armee empfahl sich dadurch, dass er aus einer reichen aristokratischen Familie kam. Er wurde also angenommen. „Ein militärischer Rang“, sagte Khansahib, „war nicht ohne Glanz. Einige meiner Bekannten nahmen hohe Posten ein und ich schmeichelte mir, dass ich wie ein Engländer aussähe und von Gleich zu Gleich mit ihnen stehen würde. Aber Allah wollte es anders. Ich besuchte einen Freund in der Armee und sah mit eigenen Augen das unerfreulichen Schauspiel an, wie er von einem britischen Offizier niedrigen Ranges grob beleidigt wurde. Das bestimmte mich und rettete mich vor einer Militärlaufbahn. Danach verbrachte ich etwa ein Jahr in Aligarh. Das regte meinen Appetit nach Urdu-Studien an und ich wurde ein eifriger Student Maulana Zafar Ali Khans Zamindar und Maulana Abul Kalam Azads berühmtem wöchentlichen Urdu-Al-Hilal, das während des Krieges leider ausfiel. Aber man kann sagen, dass meine politische Bildung und mein Interesse mit diesen Studien anfing. Mein Interesse an nationaler Bildung reicht bis ins Jahr 1911 zurück, als ich mich aktiv an der Einrichtung einiger nationaler Schulen in der Provinz beteiligte. Als nach dem Krieg als Dank für unsere Dienste die Rowlatt-Gesetze präsentiert wurden, zögerte ich nicht, mich in die von Mahatma Gandhi in Gang gesetzte Agitation zu stürzen. Es gab noch nie da gewesene hartals [eine Form von Streik] in unserer Provinz wie überall. Ich habe dir schon erzählt, dass mein alter Vater an der Versammlung am 6. April in Utmanzai teilnahm. Dort waren ein paar mehr oder weniger als hunderttausend Menschen versammelt. Es gab keine offene Satyagraha-Aktion. Die Tatsache, dass wir dort versammelt waren, genügte den Behörden. Zwar wurde ich verhaftet, aber es gab keinerlei Gerichtsverfahren. Ich wurde gefragt, ob ich ein „Badshah der Pathanen“ sei. Ich sagte, das wisse ich nicht, aber ich wisse, dass ich ein Diener der Gemeinschaft sei und dass wir diese Gesetze nicht hinnehmen würden. Die dschirga, die versammelt auf mich wartete, benutzte alle möglichen Drohungen und alle möglichen fadenscheinigen Argumente. Ich will nur eines wiedergeben: Die Frontier Crimes Regulation, die in der Provinz schon in Kraft sei, sei auf alle Fälle schlimmer als die Rowlatt-Gesetze. Wenn die Pathanen sich also nicht über die Regulation beklagten, sei es kaum fair, dass sie sich der Agitation gegen die Rowlatt-Gesetze angeschlossen hätten. Wenn außerdem Britisch Indien bisher kaum das geringste Mitgefühl mit den Pathanen gezeigt habe, warum sollten die Pathanen darauf bedacht sein, für die undankbaren Leute in Britisch Indien irgendwelche Risiken auf sich zu nehmen? Aber dieses Argument wie schon die vorangegangenen kam bei mir nicht an. Ich blieb hartnäckig und so blieb ihnen nichts weiter übrig, als mich mit einer Anzahl anderer zu verhaften.“
„Ich wüsste gerne, wie ihr in der Zeit eurer ersten Einkerkerung behandelt wurdet“, fragte ich.
„Nun ja, ich war nicht nur ein gewöhnlicher Gefangener, sondern ich war ein ganz besonders gefährlicher Gefangener. Ich wurde in Handschellen ins Gefängnis gebracht und ich musste meine ganze Gefangenschaft über Fußfesseln tragen. Damals wog ich doppelt so viel wie heute, 100 kg, und es gab keine Fußfesseln, die an meine Beine passten. Ich weiß nicht, ob sie ein Paar besondere Fesseln machten oder nicht. Aber sie hatten es schwer, ein Paar zu finden, und als sie mir welche anlegten, blutete die Stelle über dem Knöchel heftig. Das machte den Behörden offensichtlich nichts aus und sie sagten, ich würde mich bald daran gewöhnen. Als ob das nicht genug gewesen wäre, unternahmen sie einen besonders bösartigen Versuch, mir eine besonders schwere Straftat anzuhängen. Ein Pathane aus meinem Dorf wurde angeklagt und verurteilt, weil er Telegrafendrähte manipuliert hatte. Er wurde gefragt, ob er mich kenne. Er bestätigte das. Er sagte, er sei wegen meines Aufrufs in die Bewegung eingetreten. Also fragte man ihn: ‚Gut also, hat er dich nicht angestiftet, die Drähte zu durchschneiden?‘ Darauf antwortete er mit einem entschiedenen ‚Nein‘.“
„Und was geschah während dieser Zeit mit deinem älteren Bruder?“, wollte ich wissen. Man hatte mir erzählt, dass er im St. Thomas-Hospital in London den Grad M.R.C.S. (Lond.) [Titel eines Absolventen des Royal College of Surgeons of England] erworben und an die Front gegangen war. Nach dem Krieg diente er in Frankreich, als hier die Agitation ausbrach. Kein einziger Brief aus Indien erreichte ihn. Er versuchte, nach Hause zu kommen, aber er musste sechs Monate in London warten, ehe er 1920 den Befehl, sich einzuschiffen, bekam. So diente er also in Britannien und Frankreich, während sein Vater, sein Bruder und andere Verwandte im Gefängnis waren, und er wurde absichtlich in Unkenntnis über die Ereignisse zu Hause gelassen. Als er hierher zurückkam, konnte er nur mit den größtmöglichen Schwierigkeiten die Erlaubnis erhalten, aus der Armee auszutreten.
Während der ältere Bruder eine Praxis eröffnete, interessierte sich der jüngere zunehmend für den Kongress und Kongressangelegenheiten. Als er einmal mit Gandhi sprach, sagte er: „Man lernt viel, Mahatmaji, in der Schule des Leidens. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es mir ergangen wäre, wenn ich ein leichtes Leben gehabt und nicht das Privileg gehabt hätte, die Freuden des Gefängnisses und von allem, was das bedeutet, zu kosten. Die späteren Einkerkerungen waren durchaus nicht die Tortur, die die erste und zweite waren, aber ich bin zutiefst dankbar, dass mir Gott dieses schwere Lehrfach gleich am Anfang meiner Karriere auferlegt hat.“
Khansahib nahm am Kongress 1920 in Nagpur teil und übernahm die Führung bei der Khilafat-Agitation. Später trat er vom Amt des Präsidenten der Provinzorganisation zurück und führte die zahlreichen Beteiligten, die Muhajarins (Pilger-Exilanten). Diese machten unvorstellbare Leiden auf ihrem Marsch nach Afghanistan und zurück durch. „Mein alter Vater – er war damals fast neunzig Jahre alt – wollte unbedingt daran teilnehmen“, sagte der ältere Bruder, „aber ich trat dazwischen und bat ihn inständig, davon Abstand zu nehmen, wenn schon nicht im Interesse seiner Gesundheit, so doch wenigstens im Interesse seines Grundbesitzes. Er verfügte über eine bessere Gesundheit als wir alle und konnte noch in diesem Alter lange Strecken zu Fuß gehen. Er ließ es sich nur schwer ausreden.“ Ich brauche mich nicht lange mit der Erzählung der Einzelheiten dieses unglückseligen Abenteuers, das nur darum Erwähnung verdient, weil der alte Vater es so heroisch auflöste, und wegen des Leidens, das der jüngere Khan und seine Pilgerbrüder durchmachten.
1921 war Khan Abdul Ghaffar Khan wieder im Gefängnis, und zwar gemäß des allmächtigen Sicherheitsabschnitts 40 der Frontier Crimes Regulation. Es lohnt sich, die Umstände zu nennen. Bald nach der Rückkehr vom Kongress in Nagpur hatte er das Fundament für konstruktive Aktivitäten gelegt, indem er in seinem Dorf Utmanzai eine nationale Schule gründete. Er versuchte Zweig-Schulen in der gesamten Provinz zu errichten. Es ging nicht um zivilen Ungehorsam, sondern dieser Teil des konstruktiven Programmes sprach ihn stark an und er verwandte seine Energien auf die Durchführung. Aber sogar das alarmierte die Behörden. Sie erhoben Einwände gegen seine Reisen durch den Distrikt und eine Kaution wurde von ihm gefordert, die zu zahlen er sich weigerte.
Der Chief Commissioner Sir John Maffey versuchte den Vater dazu zu überreden, von seinem Sohn zu fordern, er soll die Schule schließen. Er sagte zu Vater Khan, sie sei antibritisch. „Warum sollte es Ihr Sohn auf sich nehmen, diese Schule zu errichten, wenn doch sonst niemand daran interessiert ist?“, fragte er den Vater. Vater Khan sprach deswegen mit seinem Sohn. Der Sohn antwortet auf eine Weise, die für sich selbst sprach: „Vater, wenn wir einmal annehmen, dass alle anderen aufhörten, Interesse an namaz [Gebet] zu haben, würdest du von mir verlangen, es aufzugeben und meine Pflicht zu verletzen, oder würdest du mich auffordern, den Konsequenzen zum Trotz die religiöse Pflicht fortzusetzen?“
„Ganz bestimmt nicht“, sagte der Vater. „Ich würde dich niemals dazu bringen wollen, deine religiösen Pflichten aufzugeben, ganz gleich, was andere tun mögen.“
„Gut, Vater, mit der Arbeit der nationalen Bildung ist es ebenso. Wenn ich die Schule aufgäbe, gäbe ich damit mein namaz auf.“
„Ich sehe es ein“, sagte der Vater, „du hast recht.“ So wurde Sir Johns Plan vereitelt. Das Ergebnis war, dass Khan Abdul Ghaffar Khan wegen des Vergehens, pathanischen Jungen auf seine Weise Unterricht erteilen zu lassen, zu drei Jahren strengen Gewahrsams verurteilt wurde.
Die Leiden, die er während dieser Einkerkerung ertragen musste, vervollkommneten die Taufe, die 1919 begonnen hatte. Es ist eine besonders bewegende Geschichte. Einzelhaft, monatelang Fußfesseln, Mehl mahlen für den Gefängnisbedarf und was noch alles. Die Unerbittlichkeiten schwächten ihn physisch. Er verlor 25 kg an Gewicht und bekam Skorbut und Hexenschuss und langwierige Krankheiten. Aber sein Geist leuchtete umso heller, je mehr die Prüfungen zunahmen. Verfolgung und Überredungsversuche, die seinen Willen brechen sollten, wechselten vergebens einander ab. Sir John Maffey schickte ihm einmal Khan Bahadur Abdur Rahim Khan mit der Nachricht, Sir John würde sich der Schule in Utmanzai nicht länger widersetzen, wenn er nur die Reisen durch die Dörfer aufgeben würde. Wenn er das verspräche, würde er sofort entlassen. Überflüssig zu sagen: Er wies das Angebot zurück.
Ich möchte die moralische und spirituelle Seite seiner Gefangenschaft ausführlicher darstellen. Ich habe einige Geschichten von seinen Erfahrungen mit der Bewunderung nicht nur für seinen tapferen Geist, sondern auch für seine vorbildliche Lebensweise im Gefängnis gehört. Er war ein Mustergefangener. Er ertrug keinen Verstoß gegen die Gefängnisdisziplin: Weder akzeptierte er irgendwelche Vorrechte noch schloss er hinsichtlich seiner Prinzipien irgendwelche Kompromisse. Es gab Beamte, die ihm einen Gefallen erweisen und gegen die Regeln verstoßen wollten, um ihm die Unerbittlichkeiten, die sie ihm den Regeln nach auferlegen mussten, zu erleichtern. Er beschwor sie, so etwas nicht zu tun. Es gab arme Gefangenenwärter, die gerne eine Aufgabe für ihn übernommen hätten oder die von ihrer Aufgabe gerne auf andere Weise abgewichen wären. „Ich will euch offen bekennen“, warnte er sie dann freundlich, „ich kann unmöglich lügen“. Damals wie heute gab es viele geringfügige Korruptionen in den Gefängnissen. Dispens von den Aufgaben und Entlastungen konnte man leicht kaufen. Er verabscheute diese Praktiken und ermahnte die Gefangenen, er habe herausgefunden, dass es besser sei, sie zu vermeiden. Er riet den armen Polizisten sogar, sich nicht die Hände mit Korruption zu beschmutzen. In einem Fall sagte ein Mann kläglich zu ihm: „Ich finde es sonst unmöglich, über die Runden zu kommen“. Der Mann gab die Arbeit auf. Das war mehr, als die Behörden ertragen konnten. Sein Verhalten sollte durchaus keine politische Bedeutung haben, aber die interessierten Parteien nahmen das an. Selbst wenn es nur sein moralischer Einfluss war, im Gefängnis, so dachten sie, gehöre sich das nicht. Er wurde aus seiner Provinz in ein Gefängnis im Punjab transferiert. Dort hatte er das Glück, mit anderen politischen Gefangenen zusammen zu sein. Auch hierhin brachte der vorbildliche Gefangene seine strenge disziplinierte Lebensweise mit. Was in den Grenzprovinz-Gefängnissen die Gefängnisbehörden schwer erträglich gefunden hatten, war im Gefängnis im Punjab für seine Mitgefangenen schwer zu ertragen. Aber das war für ihn kein Grund, seine Haltung zu ändern. „Wenn man erst einmal einen Kompromiss bei einem Prinzip eingeht, geht man nicht nur einen Kompromiss bei der Wahrheit, sondern einen Kompromiss bei der Selbstachtung ein“, sagte er, „und ich weiß, dass die, die es für keine ernste Angelegenheit hielten, sich von dienstwilligen Beamten Artikel einschmuggeln zu lassen, schließlich ihrer Selbstachtung den Abschied gaben.“ Diese Gefangenschaft in einem Gefängnis im Punjab erwies sich für ihn als eine an spiritueller Erfahrung reiche Zeit.
Er ging lebenslange Kontakte mit Hindu- und Sikh-Freunden ein und begann ihren Glauben und ihre Kultur zu studieren. „Hier habe ich die Gita zum ersten Mal gelesen“, sagte er, „und ich las auch Granth Sahib und die Bibel. Ich dachte, das sei das Mindeste, was ich meinen Freunden und ihrem Glauben schuldete. Ich könnte sie nur angemessen verstehen und ihre Freundschaft wertschätzen, wenn ich ihre Bücher kennen würde. Allerdings muss ich sagen, dass die Gita damals über meinen Horizont ging. Ich las sie immer wieder. Damals hatte ich vielleicht nicht die richtige geistige Ausrüstung oder vielleicht war ich nicht empfänglich dafür. Erst 1930 lehrte mich Pandit Jagatram von den Andamans die Gita richtig lesen. Er hatte eine Leidenschaft für sie und er ermöglichte mir, ihren Geist zu erfassen.“ Der Name „Grenzprovinz-Gandhi“, den seine Bewunderer zärtlich und seine „Feinde“ verächtlich benutzten, stammt anscheinend aus dieser Zeit. Er hatte Gandhis Leben aufmerksam studiert und hatte immer Bereitschaft gezeigt, sich an ihm ein Beispiel zu nehmen. Während dieser Einkerkerung hielt er nicht nur einen Fastentag in der Woche, sondern bewahrte auch Stillschwiegen an einem Tag in der Woche. Das genügte, um ihm zu diesem Titel zu verhelfen. Die Bigotten seiner eigenen Religionsgemeinschaft gingen allerdings so weit, ihn einen „Hindu“ zu nennen. Ebenso wenig haben orthodoxe Hindus Gandhi mit auserlesenen Bezeichnungen verschont.
In unseren dunkelsten Tagen – die Jahre 1924-1929 waren eine Zeit heftiger Spannungen zwischen Hindus und Muslimen – war er von der rasenden Leidenschaft der Stunde völlig unberührt. Er hielt sich strikt von allen Aktivitäten eines engstirnigen Islamismus fern. Zwar hat er nie darüber gesprochen, aber man kann sicherlich sagen, dass es in seinem Leben Gelegenheiten gab, bei denen er sich weigerte, sich in die wogende Flut ziehen zu lassen. „Ich will dir etwas sagen“, sagte Khan Abdul Ghaffar Khan einmal sichtlich bewegt: „Ich messe die Stärke einer Religion nicht dadurch, dass ich Köpfe zähle. Denn was ist Glauben, wenn er sich nicht im Leben eines Menschen zeigt? Es ist meine innerste Überzeugung, dass Islam amal, yakeen muhabbat (richtiges Verhalten, Glaube, Liebe) ist und wenn sich einer, der diese drei nicht hat, Muslim nennt, ist er ein tönend Erz und eine klingende Schelle [1.Korither 13,1]. Der Quran Sharif macht vollkommen deutlich, dass der Glaube an einen Gott und gute Werke genügen, um einem Menschen das Heil zu sichern.“
Und doch ist er nicht weniger Muslim als irgendein orthodoxer Muslim. Ich glaube nicht, dass er jemals auch nur ein einziges namaz versäumt hat und dass er den Geist der Brüderlichkeit mehr in sich trägt als viele sogenannte orthodoxe Muslime. Der ältere Bruder, der ja viele Jahre im Ausland verbracht hat und der den Anspruch erhebt, Freunde verschiedener Nationalitäten und Glaubensrichtungen zu besitzen, ist so etwas wie ein Eklektiker, aber er hat doch nicht weniger als sein jüngerer Bruder den religiösen Geist ihres Vaters geerbt. Oft sagt er im Scherz: „Mein Bruder betet das namaz für mich mit“, aber er ist tief verletzt, wenn irgendetwas gesagt wird, das den freien Geist jeder wahren Religion beleidigt.
Ich zeigte den Brüdern einmal einen Ausschnitt aus einem ultra-orthodoxen muslimischen Wochenblatt. Darin wurde Gandhis Fastenpraxis kritisiert und ich fragte sie, ob es stimmt, wie der Verfasser behauptet, dass im Islam nur die heute gültige orthodox islamische Fastenpraxis und keine andere geduldet werde. „Wir wüssten gerne, was da mit orthodoxer Fastenpraxis gemeint ist“, sagten sie. Ich erklärte, dass nach Meinung des Wochenblattschreibers dem Islam gemäß richtige Fastenpraxis darin bestehe, sich tagsüber aller Nahrung und Getränke zu enthalten und zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang das Fasten zu brechen. „Absurd“, sagte der jüngere Bruder unwillig. „Der Prophet hielt vollkommenes Fasten, Tag und Nacht. Ich denke, er erlaubte das Essen nach Sonnenuntergang nur in Anbetracht der menschlichen Schwäche. Der Prophet brauchte keine Nahrung, weil, wie er sagte, Allah ihm geistliche Nahrung sandte, die gewöhnliche Sterbliche darum nicht bekommen können, weil sie nicht den dafür notwendigen Glauben haben. Die Kritik dieses Blattes ist auf demselben Niveau wie die, die versuchte, mich zu einem Hindu zu machen, weil ich wöchentlich einmal Stillschweigen bewahrte oder weil ich die Gita las.“

KAPITEL IV
DIE ANSICHTEN DER BRÜDER ÜBER RELIGION
DAMIT KOMME ICH auf ihre Glaubensartikel. Sowohl Hindus als auch Muslime müssen unbedingt erfahren, was die Kraft der Brüder Khan begründet und was sie zu wahren Verfechtern der Einheit von Hindus und Muslimen macht. Gelegentlich erkundigte sich Gandhi nach Dr. Khansahibs englischer Frau und fragte, ob sie zum Islam konvertiert sei. „Es wird dich überraschen“, sagte der jüngere Khan, „dass ich nicht sagen kann, ob sie Muslima oder Christin ist. Sie ist niemals konvertiert – soviel ich weiß – und es steht ihr völlig frei, ihrem eigenen Glauben zu folgen, welcher es auch sein mag. Ich habe sie nie viel danach gefragt. Warum sollte ich auch? Warum sollten nicht ein Mann und eine Frau jedes seinem eigenen Glauben anhängen? Warum sollte eine Heirat den Glauben verändern? Es wird dich amüsieren zu hören, dass uns der Sohn meines Bruders, der gerade in Londoner das Abitur bestanden hat und nun nach Oxford gehen soll, in einem seiner Briefe schreibt, dass einige seiner Kameraden ihn für einen Christen halten und dass er nicht wisse, was er ihnen sagen solle!“
„Na so etwas“, sagte Gandhi, ziemlich überrascht. „Was du über die Frau deines Bruders sagst, überrascht mich angenehm. Was hätten wohl andere Muslime gesagt? Viele denken in dieser Hinsicht wohl nicht so wie ihr?“
„NEIN, ich weiß, dass sie nicht so denken. Aber in dieser Hinsicht kennt nicht einer von Hunderttausend den wahren Geist des Islam. Das ist der Hintergrund der meisten unserer Streitigkeiten. Parteien auf beiden Seiten haben in ihrem jeweiligen Eigeninteresse die Flammen von Leidenschaft und Vorurteil angefacht. In welche Tiefen der Entwürdigung sind wir gefallen! Als ich 1930 im Gefängnis in Gujarat war, beschloss ich, meine Zeit dort der intensiven Bekanntschaft mit meinen Hindubrüdern zu widmen. Um einander besser zu verstehen, beschlossen wir, Gita- und Koranunterricht abzuhalten, den Männer erteilen sollten, die mit Kenntnis und Autorität lehren konnten. Der Unterricht lief einige Zeit, aber schließlich mussten wir – ich habe jetzt den Namen dieses Freundes vergessen – das Unternehmen abbrechen, weil ich der einzige Schüler im Gita-Unterricht war und weil es gar keinen Schüler im Koranunterricht mehr gab. Wir beide zogen uns eine Menge Abneigung zu: Ich wurde als Hindu beschimpft und der andere Freund als Muslim.
Aber ich las weiter in der Gita; dreimal habe ich sie gelesen. Ich denke, der Hintergrund unserer Streitigkeiten ist, dass es nicht gelingt zu erkennen, dass jeder Glauben genug Inspiration für seine Anhänger enthält. Der Heilige Koran sagt immer wieder, dass Gott Boten und Warner für alle Nationen und alle Völker schickt; sie sind die jeweiligen Propheten. Sie alle sind Ahle Kitab, Menschen des Buches. Die Hindus sind nicht weniger Ahle Kitab als Juden und Christen.”
„Das ist aber doch nicht die orthodoxe muslimische Meinung?“
„Ich weiß. Aber es gelingt ihnen nicht zu erkennen, dass die Hindus und ihre Bücher im Quran-e-Shareef nicht erwähnt werden, weil die Liste dort nicht erschöpfend, sondern nur illustrativ ist. Der Quran Sharif legt nur das Prinzip fest, nämlich dass diejenigen, die inspirierte Bücher haben, zur Kategorie Ahle Kitab gehören. Ich bin mir ganz und gar sicher, dass die Bedeutung des Textes ist, dass alle Menschen, die inspirierte Bücher haben, die ihren Glauben und ihr Verhalten beherrschen, dazugehören. Und ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass die grundlegenden Prinzipien aller Religionen dieselben sind, auch wenn sie sich unterscheiden, weil der Glauben Farbe und Geschmack des Bodens annimmt, auf dem er gewachsen ist.
Um ein einfaches Beispiel zu nehmen. Sowohl Islam als auch Hinduismus legen den größten Wert auf Sauberkeit. Es gibt hinsichtlich der Sauberkeit als solcher keinen Unterschied, es kann keinen geben. Aber die Praktiken sind unterschiedlich. Der Islam legt den Gebrauch trockener Zahnbürsten, der Hinduismus den frischer grüner Zahnbürsten fest. Im Hinduismus besteht man auf einer oder mehr Waschungen am Tag, während der Islam auf eine Ganzkörperwaschung wenigstens einmal in der Woche besteht. Was zeigt das? Es zeigt nur, dass der Hinduismus auf dem Boden in der Nähe des Ganges entstanden ist, wo es keinen Wassermangel gab, und dass der Islam in der Wüste entstanden ist, wo es manchmal tagelang unmöglich ist, auch nur einen Tropfen Wasser zu bekommen. Aber das heißt nicht, dass der Islam etwas dagegen einzuwenden hätte, dass Muslime täglich baden oder frische Zahnbürsten benutzten. Ich wünsche mir keine Zeit herbei, in der es eine einzige Religion für die ganze Welt geben wird. Jede Gemeinschaft muss aus ihrem Glauben schöpfen und es hat keinen Sinn, wenn eine Gemeinschaft versucht, den Glauben einer anderen zu stören.“
Das heißt jedoch nicht, dass es nach Ansicht der Brüder eine „wasserdichte“ Trennung zwischen den Gemeinschaften geben sollte. Es könnte kein größeres Missverständnis geben, als das zu denken. „Die Rufe auf jedem Bahnhof ‚Hindu-Wasser‘, ‚islamisches Wasser‘, ‚Hindu-Tee‘ und ‚islamischer Tee‘ nehmen uns den Atem.“ Die Brüder wiederholen überall: „Warum sollten ein Hindu und ein Muslim etwas dagegen haben, Trinkwasser aus den Gefäßen des jeweils anderen zu trinken?“
Es kann in dieser Sache jedoch keine Rede von Zwang sein, ebenso wenig wie in irgendeiner anderen, und niemand weiß das besser und besteht mehr darauf als Khan Abdul Ghaffar Khan. Im Jahre 1922, als er im Dera Gazi Khan Gefängnis war, gab es einen Vorfall, den ich hier erwähnen möchte, um Einfühlsamkeit in die Empfindlichkeiten anderer zu zeigen. Sechs Monate lang hatte er kein Fleisch gegessen, nur aus Rücksicht auf die Gefühle seiner Gefängnisbrüder, die Vegetarier waren. Aber seine Gesundheit litt und der Arzt riet ihm streng, gemischte Nahrung zu sich zu nehmen, wenn er nicht alle Zähne verlieren wolle. Widerstrebend willigte er ein, aber dann war die Frage, wie das Fleisch zubereitet werden sollte. Der Gefängnisaufseher sagte, es solle in der allgemeinen Küche zubereitet werden. Khansahib sagte, er wolle lieber darauf verzichten, als es in der allgemeinen Küche zubereiten zu lassen. Er wolle nicht die Empfindlichkeiten seiner Brüder, der Vegetarier, verletzen. Das Ergebnis war, dass der Aufseher so freundlich war, es in einer separaten Küche zubereiten zu lassen. Die zarte Rücksichtnahme Khansahibs auf seine Freunde ging so weit, dass er anordnete, dass in seinem Haus die ganze Zeit über, in der Devdas Gandhi 1931 bei seinem Bruder zu Gast war, kein Fleisch zubereitet wurde. Aber er besteht zu Recht darauf, dass allerdings die Hindus ihrerseits Rücksicht auf die Praktiken der Muslime nehmen sollten. Es ist beschämend, daran zu denken, dass einige Sikh- und Hindu-Freunde, als er 1922 auf ärztlichen Rat Fleisch zu sich nehmen sollte, das nicht tolerieren konnten. Diese Intoleranz ist unser Fluch. „Ohne Rücksicht auf die Gefühle des jeweils anderen werden wir niemals eine Einheit zwischen Hindus und Muslimen schaffen“, sagt er immer wieder.
Aber wie auch die gegenwärtigen Bedingungen und wie finster zurzeit auch die Aussichten sein mögen, der Glaube der beiden Brüder an die Einheit von Hindus und Muslimen ist ungetrübt. Sie zweifeln nicht daran, dass sie zu einer Tatsache wird und dass die Führer beider Gemeinschaften dem Bemühen darum, diese Einheit zu erreichen, alles, was sie haben, hingeben müssen.
„Als wir nach … fuhren“, sagte der jüngere Bruder, „begegnete ich einem maulvi, der für eine Moschee verantwortlich war. Er stellte mich ernsthaft dafür zur Rede, dass ich die Einheit zwischen Hindus und Muslimen propagierte. ‚Was für vergebliche Bemühungen!’, sagte er. ‚Sie sind alle Götzenanbeter. Wie können wir uns mit ihnen einlassen? Sie verstoßen offensichtlich gegen die Lehren des Islam.‘ Ich ging darauf ein und sagte: ‚Wenn sie Götzenanbeter sind, was sind wir dann? Wie ist es mit dieser Verehrung von Gräbern? Wie könnten sie weniger gottesfürchtig sein als wir, da ich doch weiß, dass sie an einen Gott glauben? Und warum verzweifeln Sie an der Einheit von Hindus und Muslimen? Keine wirkliche Bemühung ist umsonst. Sehen Sie die Felder dort drüben. Das Korn, das dort gesät worden ist, muss eine bestimmte Zeit im Boden bleiben, dann sprosst es und zu seiner Zeit bringt es Hunderte seiner Art. Ebenso ist es mit jeder Bemühung um eine gute Sache.‘“
An einem anderen Ort kam ein muslimischer Redakteur mit demselben Anliegen zu ihnen, nur nannte er andere Gründe. „Warum wollen Sie Sand pflügen? Diesen Hindus kann man niemals trauen. Kennen Sie Schiwa nicht?“, fragte er.
Der ältere Bruder fertigte ihn ohne Schwierigkeiten kurz ab: „Sie denken also, Sie kennen Schiwa! Was würden Sie sagen, wenn ein Hindu käme und Aurangzeb beschimpfen und sagen würde, dass Hindus seinetwegen keinem Muslim trauen? Schon gut, mein Freund, Schiwa und Aurangzeb sind tot, wir wollen uns nicht weiter um sie kümmern. Was sagen Sie zu Mahatma Gandhi? Solange Sie denken, dass man ihm vertrauen kann, ist alles gut. Solange wir muslimischen Brüder vertrauenswürdig sind, können wir von Hindus erwarten, dass sie uns trauen. Man sollte eine Gemeinschaft nicht nach ihren schlimmsten, sondern nach ihren besten Vertretern beurteilen.“
„Wir haben gehört, dass es auch Zweifel an deiner Harijan-Bewegung gibt, Mahatmaji“, sagte der jüngere Bruder einmal. „Sogar der Yerwada Pact und das 21tägige Fasten wurden missverstanden und man hat uns gesagt, du seist communalist geworden. Wir haben uns standhaft geweigert, dergleichen Kritik zu dulden. Deine Bewegung ist rein humanitär und diejenigen, die zu einer Glaubensrichtung gehören, haben durchaus kein Recht, ihre Glaubensbrüder als Unberührbare zu behandeln. Wir schickten dir aus dem Gefängnis ein Telegramm, um dir zu gratulieren, du wirst dich erinnern. Natürlich dauerte es Tage, bis uns endlich deine Antwort ausgeliefert wurde!“ Und beide lachten von Herzen.
Sie hatten nicht nur das Fasten hochgeschätzt, sondern sie waren zu dem heldenhaften Entschluss gekommen, den Fleischkonsum aufzugeben und haben seit damals im Gefängnis niemals mehr Fleisch angerührt. Auch außerhalb des Gefängnisses setzen sie diese Praxis fort, außer wenn sie in Häuser eingeladen werden, in denen Fleisch zubereitet wird und in denen sie sich zum Essen setzen mussten, ohne vorher Bescheid gesagt zu haben. Der jüngere Bruder fastete nicht nur während des letzten Fastens mit Gandhi, sondern er fügte seiner selbstverleugnenden Lebensgewohnheit noch etwas hinzu. Er gab das Teetrinken auf, das ihm sehr lieb war. „Ich bekam immer Kopfweh, wenn mir mein Tee fehlte, und ich trank immer sehr viel Tee. Erstaunlich ist, dass er mir, wenn ich faste, überhaupt nicht fehlt und deshalb zögerte ich nicht, ihn aufzugeben“, sagte er eines Tages zu mir. Aber der ältere Bruder sorgt sich um die Gesundheit des jüngeren und protestiert oft gegen seine Selbstverleugnungsakte. Und das ist recht verständlich. Er wog 1919 100 Kilo und wiegt jetzt etwa 77 Kilo. Das ist der Preis, den das Gefängnis tatsächlich gefordert hat.
Aber ich schweife ab. Für die Brüder ist der Islam kein engstirniger Glaube und sie denken, dass man, gerade weil man ein frommer Muslim ist, an der Sache der Einheit und des Indischen Nationalkongresses mitarbeiten sollte. „Ich bin überrascht“, sagte er 1931 bei einer Massenversammlung, „dass der bloße Name Kongress einige meiner muslimischen Brüder abschreckt. Sie denken, dass der Kongress eine Hindu-Organisation wäre und dass sie deshalb wohl nichts damit zu tun hätten. Es gab nie eine weniger zutreffende Beschreibung der Körperschaft, denn sie ist ihrem Wesen nach national. Ich appelliere an meine Brüder, die Ziele und Zwecke und Regeln und die Verfassung des Kongresses genau zu prüfen. Kurz gesagt: Der Kongress hat die Befreiung der Menschen von Sklaverei und Ausbeutung zum Ziel oder in anderen Worten: Der Kongress hat zum Ziel, Indiens Millionen hungriger Menschen zu ernähren und Indiens Millionen Nackter zu kleiden. Ich möchte, dass ihr die Geschichte des Islam lest und ich fordere euch auf, euch zu überlegen, was der Auftrag des Propheten war. Es war: die Unterdrückten zu befreien, die Armen zu speisen und die Nackten zu bekleiden. Deshalb ist die Arbeit des Kongresses nichts anderes als die Arbeit des Propheten und ist durchaus nicht unvereinbar mit dem Islam.
Das ist mir so deutlich wie das Tageslicht und deshalb verstehe ich nicht, wie Muslime sich vom Kongress fernhalten können. Dann kommen wir zum Glauben an Gewaltfreiheit. Bei einem Moslem oder einem Pathanen wie mir ist der Glaube an Gewaltfreiheit nichts Überraschendes. Es ist kein neuer Glaube. Vor vierzehnhundert Jahren hat der Prophet ihn die ganze Zeit über, in der er in Mekka war, befolgt. Seitdem wird er von allen denen befolgt, die das Joch eines Unterdrückers abwerfen wollen. Aber wir hatten diesen Glauben vergessen, sodass wir, als Mahatma Gandhi ihn uns vor Augen führte, dachten, er würde einen neuen Glauben und eine neue Waffe befürworten. Ihm gebührt das Verdienst, der Erste von uns gewesen zu sein, der einen vergessenen Glauben zu neuem Leben erweckt hat und ihn einer Nation zur Überwindung ihrer Missstände vor Augen geführt hat. Zu Hindus und Muslimen möchte ich sagen, dass es im Freiheitskampf um die Befreiung beider geht. Die Hindus vergeben sich nichts, wenn sie sich am Kampf beteiligen, und die Muslime vergeben sich nichts, wenn sie sich den Hindus anschließen. Es gibt viele Einflüsse, die uns trennen. Ihr in Indien habt den Schrei des afghanischen Schreckgespenstes kennengelernt. Wir haben kürzlich den Schrei der Hindu-Herrschaft, einer Herrschaft der reichen Hindus, der gebildeten Hindus, der nationalistischen Hindus kennengelernt. Denen, die mich vor einer Herrschaft der Hindus warnen, sage ich, vielleicht ist es ja besser, der Sklave eines Nachbarn als eines vollkommen Fremden zu sein.“

KAPITEL V
KHUDAI KHIDAMATGARS
NACH seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1924 ließ sich Khan Abdul Ghaffar Khan zu der ruhigen Arbeit der Sozialreform nieder. Allerdings besuchte er verschiedene Sitzungen des Kongresses. Da er bemerkenswert einfach in seinen Gewohnheiten und übermäßig bescheiden war, ist es kein Wunder, dass er nicht viel Aufmerksamkeit erregte und dem Scheinwerferlicht entging. Aber wie wir schon wissen: In seiner Provinz konnte er ihm nicht entgehen. Wir haben schon gehört, dass er 1921 eine nationale Schule in Utmanzai errichtet hat. Diese Schule hat zahlreiche Arbeiter hervorgebracht und 1932 erlitt sie dasselbe Schicksal wie Gujarat Vidyapith in Ahmedabad. Diese Arbeiter waren wohl der Kern der großen Organisation, die einige Jahre später als die Khudai Khidmatgars bekannt wurden. Da Khansahib seinem Wesen nach ein Mann Gottes war, konnte er sich keinen anderen Namen für seinen Trupp Freiwilliger vorstellen als Khudai Khidmatgars — Diener Gottes. Einen passenderen Name hätte er nicht wählen können. Diese freiwilligen Arbeiter sollten zuerst ausschließlich an der Sozialreform mitarbeiten, d.h. den Pathanen Gesetzlosigkeit und Raub abgewöhnen, sie bilden, Hochzeiten und andere Feste weniger kostspielig gestalten und so weiter. 1929 beschloss Khansahib, die kleine Körperschaft von Arbeitern in eine ausgewachsene politische Organisation umzuwandeln, die das Programm des Kongresses ausführen sollte. Der Name „Rothemden“ sollte dazu dienen, sie zu verleumden und dann fertigzumachen. Möglich ist, dass der landessprachliche Name für einige Beamte, die die Landessprache nicht beherrschten, ein Zungenbrecher war. Da sie bereit waren, etwas Rotes in allem, was eine Kommune organisieren sollte, zu sehen, sahen sie etwas „Rotes“ in den Rothemden. Die Brüder erzählen mir, dass die Uniform ursprünglich rein weißer Khaddar, handgewebte Baumwolle, war. Als sich herausstellte, dass der Khaddar im Handumdrehen schmutzig aussah, beschlossen sie, die Uniform ziegelrot zu färben. Diese Farbe kann man ja kaum rot nennen. Jedenfalls hat das Ziegelrot keine irgendwie geartete Verbindung mit dem Rot der Sowjetunion.
Das Kongress-Programm, das die Khudai Khidmatgars ausführten, bestand aus dem Aufstellen von Streikposten vor Geschäften mit ausländischen Kleidern, Spirituosenläden usw. Sie wurden regelmäßig trainiert und ihnen wurde beigebracht, auf militärische Weise lange Märsche zurückzulegen. Aber alle Waffen wurden gemieden, darunter auch lathis. Sie standen unter strengster Disziplin und der geringste Ungehorsam oder die geringste Insubordination bedeutete die Entlassung. Die Mitglieder mussten bei der Einschreibung einen feierlichen Eid ablegen:
1. Gott, der Gemeinschaft und dem Vaterland gegenüber loyal sein,
2. immer gewaltfrei sein,
3. keine Entlohnung für den Dienst erwarten,
4. Furcht meiden und auf jedes Opfer gefasst sein,
5. ein reines Leben führen.
Im April 1930 gab es nicht mehr als 500 Khudai Khidmatgars, aber die Verhaftung Khansahib gab der Bewegung einen Aufschwung. Es gab Schießereien und zahlreiche Anlässe, bei denen lathis eingesetzt wurden. Weit davon entfernt, die Bewegung zu unterdrücken, machte sie das nur umso populärer. Ich kann diese Schießereien und Einsätze von lathis nicht im Einzelnen schildern. Selbst wenn ich alles Beweismaterial vor mir und die Muße hätte, es zu prüfen, würde ich es doch nicht vor der Öffentlichkeit ausbreiten, solange die ganze Bewegung des Zivilen Ungehorsams unter Verdacht steht und solange ihr Urheber versucht, gewaltfreie Mittel zu erdenken, um eine Wiederholung der Schießereien und Lathi-Einsätze zu verhindern, wenn es irgend möglich ist. Es genügt zu sagen, dass die Brüder die Richtigkeit der Behauptungen, die in der unterdrückten Literatur zur Rechtfertigung der Brüder und des Trupps der Freiwilligen veröffentlicht worden sind, nachweisen können. Der ältere Bruder war Augenzeuge vieler schrecklicher Geschehnisse – er hat sie mir beschrieben -, aber mit Zustimmung beider Brüder ziehe ich es vor, über alle diese tragischen Ereignisse Stillschweigen zu bewahren, , da die Bewegung des Zivilen Ungehorsams außer Kraft gesetzt ist.
Aber eines will ich nicht übergehen. Offiziell wurde wegen Gewaltsamkeiten der Freiwilligen Anklage erhoben. Während der ganzen Zeit zwischen 1930 und 33 wurde kein einziger konkreter Fall von Gewalt von Seiten der Rothemden beigebracht. Die Vorgänge im April 1930 in Peshawar wurden von offizieller und von nicht offizieller Seite untersucht. Sowohl der Bericht des Suleiman-Komitees als auch der des Patel-Komitees berichten von Blutvergießen. In den Berichten werden Berichte einer schrecklichen Tragödie, die dort aufgeführt wurde, wiedergegeben. Weder in einem der beiden Berichte noch in der Beweisaufnahme anderer Beamter wurde ein Khudai Khidmatgars oder Rothemd im Zusammenhang mit Gewalttaten erwähnt. Das Schlimmste, was die Regierung über sie sagen konnte, war das, was in einer Bekanntmachung, die der Chief Commissioner der Provinz im Mai 1930 verbreitete, stand: „Ihr müsst Kongress-Freiwillige, die rote Jacken tragen, daran hindern, eure Dörfer zu betreten. Zwar nennen sie sich Khudai Khidmatgars (Diener Gottes), aber in Wirklichkeit sind sie Diener Gandhis. Sie tragen die rote Kleidung der Bolschewiken. Sie werden dieselbe Atmosphäre schaffen, die, wie ihr gehört habt, im bolschewikischen Reich herrscht.“ Was genau die Behauptung, sie seien „nichts als Bolschewiken“ wirklich bedeutete, ist schwer zu sagen, aber keine der zahlreichen offiziellen Verlautbarungen, die nach der Tragödie vom 23. April erlassen wurden, versucht irgendeinen von ihnen dazuzuzählen. Vater Elwin traf sich während seines kurzen Besuchs 1932 mit einigen Beamten und alles, was diese gegen die Khudai Khidmatgars anführen konnten, war das Folgende: (1) einige Polizisten des Distrikts wurden beleidigt und beschimpft, (2) Steine und Mist wurden in ihre Wagen geworfen, (3) Steine und Ziegelbrocken hatten die Schießerei in Kohat zur Folge. In einer Bewegung, deren ganze Stärke in ihrer Gewaltfreiheit liegt, genügt es nicht, selbst solche Verstöße herunterzuspielen, wenn sie wirklich begangen worden wären. Aber man darf nicht vergessen, dass die einzige Absicherung gegen derartige Verstöße von der Regierung selbst beseitigt worden war, indem sie alle verantwortlichen Führer verhaften ließ, und dass man diese Verstöße, falls sie sich denn tatsächlich ereignet haben sollten, vernachlässigen kann, wenn man an die furchtbaren Beleidigungen und Demütigungen denkt, die diesen tapferen Menschen zugemutet wurden.
Muss ich hier die Geschichte der zahlreichen Entschuldigungen diskutieren, die die gefangenen Rothemden abgegeben haben sollen, um ihre Entlassung zu erreichen? Die Diskussion würde mich in ziemlich detaillierte Behauptungen der anderen Seite führen, die über den Zweck dieses Buches hinausgingen. Es genügt zu sagen, dass die Geschichte widersprüchlich und unglaubhaft ist, wenn wir wissen, dass zwei Männer, von deren Fall ich schon im ersten Kapiteln erzählt habe, sich das Leben nahmen, um der Schande, Kaution zu zahlen – einer Schande, die sicherlich geringer ist als die, sich zu entschuldigen – zu entgehen. Wenn eines Tages die vollständige und genaue Geschichte der Leiden, die diese tapferen Pathanen in Gefängnissen und außerhalb davon erduldet haben, die Verluste an beweglichem und unbeweglichem Eigentum, die sie ertragen mussten, und das wunderbare Durchhaltevermögen, das sie angesichts ernster Provokationen gezeigt haben, ans Licht kommt, wie es denn ja nicht anders sein kann, wird das einen Sachverhalt offenbaren, auf den jede Nation stolz sein könnte.

KAPITEL VI
BESCHULDIGUNG UND WAHRHEIT

WORIN besteht nun also das Vergehen der Brüder? Es gibt keine offiziellen Äußerungen über den älteren Bruder Dr. Khansahib. Sein Vergehen scheint darin zu bestehen, dass er der Bruder von einem ist, der bei der Regierung in Verruf ist. Im Folgenden nenne ich einige der Anklagen gegen den jüngeren Bruder:
1. „Nachdem Gandhi zur Konferenz des Runden Tisches abgereist war, machte er eine ausgedehnte Reise durch die Distrikte und führte auf Wunsch des Arbeitskomitees des Kongresses die Kongress-Bewegung.“
2. Er gehorche den Verboten nicht, sondern fahre durch die Dörfer. Dort halte er unter dem Vorwand, es wären Predigten, Ansprachen in den Moscheen.
3. Er predige, dass die Zuhörer keine Steuern und Gebühren für Wasser zahlen sollten, und überrede die Menschen dazu, sich zu weigern, das Wasser aus den Kanälen der Regierung zu nutzen.
4. Die Rothemden seien „eine revolutionäre Organisation, deren Ziel es ist, die Briten mit Gewalt aus Indien zu vertreiben”, und Khansahib betreibe mit ihrer Hilfe Propaganda in den Stammesgebieten.
5. Die Menschen im Gebiet der Mohmand seien durch die Kongress-Propaganda in Peshawar beeinflusst worden.
6. Das Provinz-Kongress-Komitee wies die Erklärung des Ministerpräsidenten vom 1. Dezember 1931 zurück und wiederholte die Forderung nach Indiens Unabhängigkeit. Die Brüder wiesen die Einladung zum Besuch des Durbar des Chief Commissioners zurück.
7. Zwar werde die Beobachtung von Gewaltfreiheit betont, die Menschen würden jedoch ermutigt, ein großes Ereignis zu erwarten, sich im Vorgriff darauf zu vereinigen und bereit zu sein, den Kampf aufzunehmen, der Krieg genannt werde.
8. Khansahib habe den Waffenstillstand immer als vorübergehend bezeichnet.
9. In einer Konferenz in Meerut habe er gesagt, dass er dem Kongress beigetreten sei, weil der Kongress und er das gleiche Ziel hätten, nämlich „die Briten aus Indien zu vertreiben“.
10. Die Khudai Khidmatgars seien mit dem Gesetz in Konflikt geraten, indem sie das Verfolgen von Fällen erschwert, Gerichtsbarkeit ausgeübt und Beweise zurückgehalten hätten.
Die Berechtigung der Beschuldigungen 1, 6, 8 und 9 gab Khansahib sofort zu und es wurde kein ernsthafter Versuch unternommen, diese Vergehen im Besonderen ihm zuzurechnen. Viele der Führer, auf die diese Beschuldigungen zutreffen, sind heute frei und es gibt keine auf Unterlassung gerichteten Verbote gegen sie. Dass er gepredigt habe, die Menschen sollten keine Steuern zahlen usw. treffe in manchen Fällen zu. Aber das habe er nicht getan, weil es eine Kampagne gegen Steuern gegeben habe – er selbst zahlte Steuern auf sein eigenes Land –, sondern weil die Parteien in diesen Fällen nicht zahlen konnten. Die Beschuldigungen 2, 4 und 5 sind grundlos und es stand der Regierung frei, Khansahib im Rahmen des gewöhnlichen Rechts deswegen zu verfolgen. Die Anklage, er habe Gewalt gepredigt oder gutgeheißen, weist er entschieden zurück und erklärt, dass, wenn er das getan hätte, die Bewegung leicht eine Wendung ins Gewalttätige hätte nehmen können, was sie aber niemals getan hat. Die letzte Beschuldigung ist ein Kompliment für die Rothemden und keine Verunglimpfung. Sie zeigt, wie gut die Bewegung sei und wie die Rothemden das Prinzip der Nichtzusammenarbeit mit den Gerichten wirksam ausgeführt hätten. Das werde in den anderen Provinzen zwar auch so gesehen, aber sie seien niemals in der Lage gewesen, es wirksam auszuführen.
Die 9. Beschuldigung ist einer genaueren Darstellung wert, weil der Innenminister aus der Meerut-Rede gegen Khan Abdul Ghaffar Khan zitierte, als er ihn gelegentlich des Falls Gandhi sah. Es folgen einige der schlimmsten Passagen der offiziellen Übersetzung seiner Reden:
„Wenn ich nicht sterbe, werde ich die Engländer daran hindern, das Land zu regieren, und mit Gottes Hilfe werde ich damit Erfolg haben.“
„Die Leute beklagen sich, dass ich mich dem Kongress angeschlossen und damit meine Nation verraten hätte. Der Kongress ist eine Körperschaft, die gegen die Briten arbeitet. Die britische Nation ist der Feind des Kongresses und der Pathanen. Deshalb habe ich mich ihm angeschlossen und gemeinsame Sache mit dem Kongress gemacht, um die Briten loszuwerden. Wir sollten uns nicht von den Taktiken der Firangi* täuschen lassen.”
*Von arabisch al-faranji, der Bezeichnung für einen Westeuropäer („Franke“). Weil Frankreich jahrhundertelang Westeuropa beherrschte, bezeichnen werden damit von vielen in Osteuropa, dem Nahen Osten und darüber hinaus Christen bezeichnet. Nach: https://en.wikipedia.org/wiki/Firangi_%28sword%29 12.05.2017.
„Wir (die Rothemden und der Kongress) haben zwei Ziele: erstens, das Land zu befreien, und zweitens, die Hungrigen zu speisen und die Nackten zu bekleiden.“
„Ruht nicht, bevor die Freiheit gewonnen ist. Es spielt keine Rolle, ob ihr mit Gewehren, Bomben und dergleichen auseinandergesprengt werdet. Wenn ihr tapfer seid, komm heraus auf das Schlachtfeld und bekämpft die Engländer, die der Grund unserer Schwierigkeiten sind. Der Kongress ist eine Gesellschaft gegen die Engländer. Die Engländer sind der gemeinsame Feind des Kongresses und der Pathanen. Aus diesem Grund habe ich mich dem Kongress angeschlossen.“
Man möge diese Auszüge mit den Auszügen vergleichen, die ich im vorigen Kapitel aus einer seiner Bardoli-Reden wiedergegeben habe. Die Auszüge hier sind aus der Meerut- und der Grenzprovinz-Rede. Spricht nicht in beiden dieselbe tapere, wahrhaftige und ernste Seele ihr Glaubensbekenntnis? Und stellt er sich in diesen Auszügen nicht eher als das Opfer eines groben und hölzernen Übersetzers denn als Feuerspucker dar? In der Tat spricht er die Sprache des „Krieges“, aber wer hätte das in jenen Tagen nicht getan, wer tut es nicht sogar noch jetzt? Aber es geht nicht um die Entfernung der Briten mit Gewalt, wie die Regierung ganz haltlos unterstellt, sondern darum, dass die Gegner der Briten „mit Gewehren und Bomben auseinandergesprengt werden“, wie sogar der offizielle Übersetzer einräumt.
Tatsache ist, dass der Waffenstillstand, den zwei ernste Seelen mit viel Mühe erschaffen hatten, den Behörden, besonders denen in der Grenzprovinz, ein Dorn im Auge war. Das Problem mit ihnen war damals und ist heute nicht, dass die Rothemden Gewalt gebrauchten oder dass Khansahib Gewalt gepredigt hätte, sondern dass die bewährte offizielle Gewalt sie nicht zu Gewalttaten provozieren konnte, weil sie so vollkommen „Diener Gandhis“ (wie es in einer offiziellen Broschüre naiverweise hieß) geworden waren und weil sie so bedingungslos dem „Grenzprovinz-Gandhi“ gehorchten.

KAPITEL VII
TATSACHEN, DIE ENGLÄNDER WISSEN MÜSSEN
ABER die Anklagen sind jetzt drei Jahre alt. Als ob drei Jahre Gefangenschaft ohne Gerichtsverfahren für unbegründete Anklagen nicht genug wären, hat der neueste Verleumder Khansahibs Sir Michael O’Dwyer in einem Artikel in der Morning Post noch ein paar weitere genannt und die Regierung dafür getadelt, dass sie den Rebellen auch nur eingeschränkte Freiheit zugestanden habe. Der ehemalige Satrap, der seine frühen Jahre in der Nordwestgrenzprovinz verbracht hat und behauptet, die Provinz und ihren Führer besser als die Regierung ihn kennt zu kennen, versucht, mehr „Licht“ in die Sache zu bringen, indem er die Brüder mit Terrorismus und Kommunismus in Zusammenhang bringt. Er beschreibt den jüngeren Khan als „den wagehalsigen afghanischen Revolutionär Abdul Gaffar (sic) Khan, der als Grenzprovinz-Gandhi bekannt ist, obwohl er öffentlich über Gandhis „Gewaltfreiheits“-Heuchelei spottet und kein Geheimnis aus seiner Absicht macht, die Briten zu vertreiben und in der Nordwestprovinz eine kommunistische Republik nach sowjetischen Richtlinien zu errichten.“ Das ist natürlich eine überarbeitete Neuauflage der Originalanklage der Regierung, deren Geschmacklosigkeit vor dem konzentrierten Gift, das ausschließlicher Besitz von Sir Michael ist, verblasst. Aber sehen wir uns das Fundament an, auf dem das Gebäude dieser boshaften Anklage errichtet worden ist. „Abdul Ghaffar“, schreibt er, „hat engen Kontakt zu den feindlichen Grenzprovinz-Stämmen und ist der Schwiegersohn eines der hartnäckigsten Feinde, des Hadschis von Turangzai. Dieser hat sehr oft in den letzten Jahren die Mohmand, Afridi und andere Stämme dazu angestachelt, sogar Peshawar anzugreifen.“
Ich nenne ein paar Tatsachen. Zuerst einmal: Es gibt zwischen Kahnsahib und dem Hadschi von Turangzai ebenso viel Verwandtschaft wie zwischen ihm und seinem Verleumder Sir Michael O’Dwyer. Khansahibs Schwiegervater war Sultan Muhammad Khan von Rajjar, der bis zu seinem Tod ein J.P. war, über dessen Dienste vielleicht die Regierungsbeamten mehr sagen können als die Khans. Wie war es also möglich, dass Sir Michael den Hadschi von Turangzai mit dem Schwiegervater Ghaffar Khans verwechselt hat? Ich muss versuchen, das zu erklären. Der Hadschi gehört nach Turangzai, einem Dorf in der Nähe von Utmanzai, dem Dorf der Khans. Er wurde 1911 bekannt, als er seine eigene Schule eröffnete, um soziale Reformen durchzuführen. Khan Abdul Ghaffar Khan verband sich gerne mit dem Hadschi, der als Pionier der nationalen Bildung in der Provinz betrachtet werden kann. Das war vielleicht die Zeit, als Sir Michael ein junger Zivilbeamter in der Provinz war. Da der Hadschi später sehr berüchtigt wurde, findet Sir Michael es passend, seine Kenntnis der alten Verbindung auszubeuten und, da er es nicht für eine Sünde hält, die Wahrheit der Bildhaftigkeit zu opfern, macht er den Hadschi kurzerhand zu Khansahibs Schwiegervater.* Hier ist nicht der Ort, von des Hadschis Schicksal zu erzählen, aber wir müssen doch die Tatsache vermerken, dass die Schulen des Hadschi 1915 zerstört wurden, dass er aus seinem Dorf geflohen und bisher noch nie dorthin zurückgekehrt ist. Es war bekannt, dass er 1919 den Afghanen gegen die Briten beigestanden hatte und Khan Abdul Ghaffar Khan begegnete ihm auf seinem Weg nach Afghanistan und zurück, als er 1921 die Khilafat Muhajarins (Pilger-Verbannten) führte. Seitdem hatte er ihn weder gesehen noch von ihm gehört.
* „Desai wies darauf hin, dass Ghaffar Khans Schwiegervater nicht der Haji von Turangzai, sondern Sultan Mohammad Khan von Rajjar war. Dieser war Friedensrichter (Justice of the Peace) und eng mit britischen Offizieren befreundet.“ Rajmohan Gandhi in seiner Biografie über Badshah Khan.
So viel über den Hadschi. Jetzt zu dem Vorwurf, dass Khansahib sich mit den Stammesangehörigen verbündet habe. Es ist notwendig, ein paar Tatsachen über die Stammesgebiete anzumerken. Das sind die Bergregionen jenseits der fünf britischen Distrikte bis hinauf zur Grenze zwischen Belutschistan und dem Hindukusch. Sie werden „unabhängige Gebiete“ genannt und umfassen fast doppelt so viel Land wie die britischen Distrikte. Sie haben fast dieselbe Art der Bevölkerung und alle Pathanen sprechen mit geringen Unterschieden denselben Paschtu-Dialekt. Dass diese Gebiete „unabhängig“ genannt werden, ist irreführend. Gouverneur der britischen Distrikte ist der Agent des Generalgouverneurs, der über diese Gebiete herrscht, und die Stammesangehörigen sind oft nicht besser daran als Bauern auf dem strategischen Schachbrett der Nordwestgrenzprovinz. Sie sind wild und ungezähmt und doch sind sie nicht so unvernünftig, dass sie nicht das Erwachen bemerken würden, das in ihrer Nachbarschaft vor sich geht. Dass ein Paschtune lächelnd lathi-Schläge und Schlimmeres hinnimmt, ohne sich dadurch in Wut bringen zu lassen, war nicht weniger als ein Wunder für diese Stammesangehörigen. Das, und dass es in ihrer Nachbarschaft geschah, genügte, um ihr Interesse zu wecken, und zwar so sehr, dass sie der Bewegung beitraten. Es überrascht nicht, dass die Angehörigen derselben Rasse und desselben Glaubens dort Freunde finden wollten und dass sie das doppelte Joch eines Stammesführers und der Briten, deren Vasall er gewissermaßen war, abzuschütteln. Es ist der Gipfel an Torheit zu denken, dass es im gegenwärtigen Zeitalter möglich wäre, mit der Unwissenheit einer Volksmasse zu rechnen. Der Khansahib erzählte mir, dass die Stammesangehörigen aus den benachbarten Gebieten Malakand, Bajor und Swat ihre Kinder in die Azad-Schule schickten, die er 1921 gegründet hatte, und dass diese Stämme ihr Schicksal in gewissem Maße mit dem ihrer Brüder in den britischen Distrikten verbunden hätten. Einige von ihnen traten den Khudai Khidmatgars bei und gingen während der letzten Kampagne ins Gefängnis. Aber die Stammesangehörigen jenseits dieser Gebiete waren von alledem unberührt. Khan Abdul Ghaffar Khan macht kein Geheimnis aus seiner Absicht, alle Stammesangehörigen zu friedliebenden Menschen zu erziehen und die ganze Grenzprovinz zu einem harmonischen Ganzen zusammenzuschweißen. Aber das ist nur ein Traum. Ihm wurde niemals gestattet, die Grenze zu überqueren. Das ging so weit, dass, als Devdas Gandhi 1931 die Provinz besuchte und die Chakdhara-Brücke sehen wollte, von der aus man die malerischste Szenerie der Welt erblickt, der Khansahib seinen Gästen nicht den Luxus bieten konnte, ihnen diese bescheidene Unterhaltung zu gewähren. Die Brücke ist nur ein kleines Stück von der Straße entfernt, die durch die Malakand-Agency führt und Devdas Gandhi machte den Offizieren vom Dienst klar, dass der Khansahib und er nur dorthin fahren wollten, um die Aussicht zu genießen. Das konnte ohne vorherige Erlaubnis nicht geschehen. Alles, was wir zurzeit über die Stammesangehörigen hören, ist, dass die britischen Distrikte oft Opfer ihrer Plünderungen sind. Sir Michael O’Dwyer soll erfahren, dass der Glaube Khansahibs an Gewaltfreiheit so groß und seine Loyalität Gandhi gegenüber so vollkommen ist, dass der Khansahib es einmal für angebracht hielt nachzufragen, ob Gandhi im Falle eines Angriffs durch Banditen oder Straßenräubern den Khudai Khidmatgar gestatten würde, zur Selbstverteidigung Gewalt zu benutzen.
Wie grob die Verleumdung war, die Sir Michaels Bemerkung enthielt, dass der Khansahib „in aller Offenheit die Heuchelei von Gandhis Gewaltfreiheit verspottet“, erweist sich aus einer Bemerkung, die Khansahib 1931 machte. Er leugnet nicht, dass seine Provinz „mörderischer“ sei als andere Provinzen, wie ein Regierungsbericht neulich erklärte. Aber er erklärt der Welt auch, dass er Gewaltfreiheit zu seinem Glaubensbekenntnis gemacht habe, um seine Provinz weniger mörderisch zu machen und, wenn möglich, von aller Gewalt zu befreien. Einzig und allein Gewaltfreiheit kann Frieden in diese verwirrte Provinz bringen. Der Khansahib sagt, er sei schon auf dieses überlegene Heilmittel gestoßen, lange, bevor Satyagraha zur gängigen Münze in Indien geworden sei.
Kein Gutwilliger kann die Leidenschaft und die Aufrichtigkeit von Khansahibs eigenen Worten übersehen, die er in diesem Zusammenhang schon 1931 geäußert hat und die in Young India vom 1. Juni 1931 veröffentlicht wurden:
Meine Gewaltfreiheit ist für mich fast zur Glaubenssache geworden. Schon vorher glaubte ich an Gandhis ahimsa. Aber der beispiellose Erfolg des Experiments in meiner Provinz hat mich zu einem eingeschworenen Verfechter der Gewaltfreiheit werden lassen. Wenn Gott will, werde ich hoffentlich nicht erleben, dass meine Provinz zur Gewalt zurückkehrt. Wir kennen die bitteren Ergebnisse von Gewalt nur allzu gut von den Blutfehden, die unseren guten Namen beschmutzt haben. In unserem Wesen liegt ein Übermaß an Gewalt. In unserem eigenen Interesse ist es gut, wenn wir uns in Gewaltfreiheit üben. Außerdem: Ist der Pathane nicht ausschließlich der Liebe und Vernunft zugänglich? Wenn jemand sein Herz gewinnen kann, geht er mit ihm bis in die Hölle, aber man kann ihn nicht einmal dazu zwingen, in den Himmel zu gehen. Eine derartige Macht hat die Liebe über den Pathanen. Ich möchte, dass der Pathane anderen das tut, von dem er möchte, dass ihm getan wird. Vielleicht irre ich mich und eine Welle der Gewalt kann meine Provinz überschwemmen. Ich werde mich dem Urteil des Schicksals über mich bereitwillig unterwerfen. Das wird aber letztendlich meinen Glauben daran, dass mein Volk mehr als alles andere Gewaltfreiheit braucht, nicht erschüttern.
Und nun ein paar Tatsachen über Khans Familie, die die Briten von allen Befürchtungen, sie wären oder handelten antibritisch, abbringen müssen. Ich will dem Leser einige Hauptmitglieder von Khans Familie vorstellen. Der Leser weiß natürlich, dass die Frau des älteren Khan Engländerin ist. Vielleicht weiß er nicht, dass ihr Haus (das jetzt wegen einer Geringfügigkeit von der Regierung beschlagnahmt wurde), seit sie in Indien ist, vor der Einkerkerung ihres Mannes allen unterschiedlichen Freunden offenstand, darunter auch zahlreichen Beamten. Die Frau des gegenwärtigen Gouverneurs Colonel Sir Ralph Griffith war eine ihrer engen Freundinnen und der Colonel selbst war oft beim Doktor zu Gast.
Einer von Dr. Khansahibs Söhnen hat in London gerade erfolgreich die Schule abgeschlossen und will in Oxford studieren. Seine Tochter und die Tochter Khan Abdul Ghaffars, die bis vor einem Monat in der Obhut von Khansahibs Frau war, besuchen beide eine englische Schule. Der älteste Sohn Dr. Khans Sadullah* Khan ist 1930 aus England zurückgekehrt, nachdem er sein Studium in Bauwesen am Loughborough Engineering College abgeschlossen hat. Der zweite Sohn Ubeidullah Khan, der in ganz Indien wegen seines Hungerstreikt von 78 Tagen bekannt geworden ist, studierte am Madras College und hatte einen Pass für England bekommen, um dort weiterzustudieren, als er verhaftet wurde, weil er eine Miete nicht gezahlt hatte. Khan Abdul Ghaffar Khans ältester Sohn [Ghani] verbrachte zwei Jahre in England und einige Jahre in Amerika und lernte Zuckerraffination, um sich auf seinem väterlichen Gut nützlich zu machen. Dieses Gut ist nun unter der Herrschaft der Rechtsverordnung zugrunde gegangen. Er war bis vor Kurzem im Shantiniketan des Dichters Tagore. Sein zweiter Sohn [Wali] war bis vor wenigen Tagen in Colonel Browns Schule in Dehra Dun, wo er seine höhere Cambridge-Prüfung bestand. Sein jüngster Sohn [Abdul Ali] geht noch zur Schule (zurzeit in Wardha).
“In der Grenzprovinz ließ er Khurshid und die drei kleine Jungen Sadullah, Ubeidullah und Hidayatullah zurück.“ Rajmohan Gandhi, GHAFFAR KHAN Gewaltfreier Badshah der Paschtunen
im Kapitel: ZWEI: Die Söhne Behram Khans, 1890–1919
Zuvor habe ich Rev. Wigram erwähnt. Beide Brüder waren Schüler des guten Geistlichen und sie halten sein Andenken in Ehren. Als sie erwachsen wurden, hielten sie die Bekanntschaft mit den Wigrams aufrecht und sie reifte zu einer engen Freundschaft heran. Dr. Khansahib erinnert sich immer noch dankbar daran, dass er Rev. Wigrams Bruder verdankt, dem Arzt Dr. Wigram, der jetzt Rektor des Livingstone College ist, dass er die Zulassung zum St. Thomas’ Hospital in London bekam. Dr. Khansahib hat zahlreiche Freunde im indischen Gesundheitsdienst, dem er einmal angehörte. Einige der engsten englischen Freunde der Brüder sind weiterhin mit ihnen befreundet und schreiben ihnen Briefe voller Zuneigung.
Dr. Khansahib ist Mitglied des Peshawar Club, dessen übrige Mitglieder fast alle Offiziere sind. Er selbst ist Scout Commissioner. Es kann sein, dass man mich hierin korrigieren muss, denn vielleicht ist er während seiner Einkerkerung aus dem Klub und seiner Funktion ausgeschlossen worden. Ich habe schon die Beziehungen mit (selbst den höchsten) Beamten vor seiner Einkerkerung erwähnt. Während dieser Zeit schrieb Herr Robert Brown aus Australien (der Heimat seiner Frau) einen freundlichen Brief an Dr. Khansahib, in dem er sich an die alten Tage glücklicher Freundschaft und gegenseitiger Gastfreundschaft erinnert. Brown ist Schotte und hoher Beamter im Landwirtschaftsministerium. Im Zuge seiner Dienstpflichten ist er in der ganzen Provinz umhergefahren und jetzt im Ruhestand ist. In dem Brief schreibt er an Kahn Abdul Ghaffar Khan: „Ich habe nie einen edleren Gentleman mit freundlicherem Herzen als Abdul Ghaffar Kahn kennengelernt.“ Ich gebe diese persönlichen Einzelheiten wieder, um dem Leser mitzuteilen, dass die Kontakte mit dem englischen Volk und die Bereitschaft aufseiten der Brüder, ihre Kinder zur Erziehung in eine britische Umgebung zu schicken, nichts sind, was man üblicherweise mit „afghanischen Revolutionären“ und „Organisatoren einer Sowjetrepublik“ in Zusammenhang bringt. Ich will noch Folgendes hinzufügen: Ein fanatischer Teil der muslimischen Presse im Punjab hat die Khans nicht nur nicht mit dem Vorwurf verschont, die Einheit zwischen Hindus und Muslimen zu befürworten, sondern er hat auch ihre Bindung an den muslimischen Glauben infrage gestellt, weil sie ihre Kinder zur Ausbildung nach England und Amerika geschickt haben.
Was den Vorwurf, eine Sowjetunion errichten zu wollen, angeht, ist zu sagen, dass in den Auszügen aus den Reden des jüngeren Khan, die die Regierung veröffentlicht hat, weder das Sowjetsystem noch Russland genannt wird. Das Letzte, was die Brüder für Indien und die Grenzprovinz haben möchten, ist der Bolschewismus. Offen gesagt, fürchten sie die Sowjets ebenso sehr wie sie schweigend ihre Arbeit der Wiedererweckung der Dorfgemeinschaften in ihren Distrikten, die ihnen am Herzen liegen, betreiben. „In unseren Dörfern gibt es zahlreiche Weber, aber allmählich sterben sie aus“, sagte der Khansahib an einem dieser Tage. „Ich wäre zutiefst dankbar, wenn ich die gute Nachricht vom Spinnrad in unseren Distrikten verkünden könnte.“ Es gibt in den fünf Distrikten der Provinz etwa dreitausend Dörfer und fast jedes der Dörfer hat der Khansahib besucht. „Aber es hat keinen Sinn, dass ich vom Spinnrad rede, solange ich nicht spinnen lerne und regelmäßig selbst spinne“, sagte er und setzte sich hin, um spinnen zu lernen. Innerhalb von drei Tagen, gelang es ihm, gleichmäßiges, gut gedrehtes Garn zu spinnen.
„Zeigen Sie uns einen wahreren Sozialisten als Gandhi“, sagen sie zu jedem, der kommt und über sozialistische Theorie mit ihnen diskutieren will, „und wir werden ihm folgen.“ Und sie blicken auf die Zeit zurück, als in ihren Distrikten das Land periodisch neu verteilt wurde. „Das Amt des Khan, das nur ein anderes Wort für etwas wie einen zamindar [wörtlich „Landbesitzer“] ist, ist eine Schöpfung der Briten“, sagt der jüngere Khan zu mir, als er von der Neuverteilung des Landes sprach, was ich nicht so recht verstand. „Jedes Kahns-Amt oder der zamindar wurde geschaffen, um die neue Regierung, die errichtet wurde, zu stützen. Ich sage das, obwohl mein Großvater als Khan in Besitz von Hunderten Hektar Land gelangt ist. Das geschah etwa fünfundzwanzig Jahre nach der Errichtung der britischen Herrschaft 1848. Davor hatten wir eine dschirga aller Khans, die alle Dörfer und Grundstücke in jedem Dorf nummerierte und dann ausloste. Alle zwanzig Jahre geschah das erneut. Alle, auch der Khan, besaßen ziemlich gleich viel Landbesitz. Ganze Dorfgemeinschaften zogen bei diesem Verteilungssystem von einem Dorf ins andere um. Ich kann mir keinen reineren Sozialismus als diesen vorstellen.“

KAPITEL VIII
DIE GANZE FAMILIE IM GEFÄNGNIS
ABER ich muss die Einzelheiten vor der letzten unbegrenzten Einkerkerung der Brüder kurz zusammenfassen. Es wäre ermüdend, die Frage, wer für den Bruch des Waffenstillstandes verantwortlich war, im Einzelnen zu diskutieren, selbst wenn wir diese Frage auf die Nordwestgrenzprovinz beschränkten. Es ist ebenso unmöglich, hier die genauen Einzelheiten darzustellen. Wir wollen jedoch daran erinnern, dass selbst während des Waffenstillstandes die Khudai khidmatgars einer besonderen Verfolgung ausgesetzt waren, weil sie die Abgaben für Land nicht bezahlt hatten. Zwar gab es keine Nicht-Steuerzahlungs-Kampagne, aber es waren die Khans, die die für die Khudai khidmatgars fälligen Steuern bezahlt hatten. Ich übergehe die zahlreichen Fälle von Verfolgung grausamer Art, weil die Absicht dieses Buches weder ist, die Vergangenheit aufzuwärmen noch eine Anklage gegen die Regierung zu formulieren. Zwei vergleichsweise milde Fälle will ich jedoch nennen, einen, weil er mit der Familie Khan zu tun hat, und den anderen, weil die Tatsachen diesbezüglich unbestritten sind. Mazulla Khans Fall ist vielen bekannt. Er war ein führender Grundbesitzer und Khudai khidmatgar und wurde als säumiger Schuldner ins Gefängnis gesperrt. Er schrieb an die Behörden, dass er nicht die Absicht gehabt habe, die Zahlung nicht zu leisten, und dass er versuchen werde, so bald wie möglich zu zahlen. Für die geschuldete Summe von 2000 Rupien wurden ein Motorrad, ein Tonga, ein Pferd und drei Büffel, die ihm gehörten, beschlagnahmt. Nach seiner Freilassung wurden seine Ernte und schließlich sein Land im Wert von mehr als 150.000 Rupien beschlagnahmt. Der zweite Sohn des älteren Khan Ubeidullah Khan, von dem schon die Rede war, war eine große Summe für das Land, das auf seinen Namen eingetragen war, schuldig. Er hatte schon das meiste davon bezahlt und war nur noch 300 Rupien im Rückstand. Er wurde für dieses Vergehen verhaftet und in Charsadda eingesperrt. Dort war es so unbeschreiblich dreckig, dass er es für angemessen hielt, eher die Nahrungsaufnahme zu verweigern, als sich mit diesen Bedingungen abzufinden. Er war zu eineinhalb Monaten Gefängnis verurteilt. Er musste 38 Tage in Hungerstreik gehen, ehe die Bedingungen verbessert wurden. Ein paar Tage später wurde er entlassen. Er unterzog sich einer einmonatigen Wiederherstellungskur bei seinem Vater und ging in sein Dorf, wo er gemäß der Verfügung wieder verhaftet wurde.
In der amtlichen Verlautbarung, die diese Verfügung rechtfertigen sollte, wurden die Brüder Khan beschuldigt, einige Sünden begangen zu haben, wie ich sie oben dargestellt habe. Bis zum 23. Dezember, als sie eingeladen wurden, am Durbar [offizieller Empfang bei indischen Fürsten und bei dem ehemaligen Vizekönig von Indien] teilzunehmen, hatten diese Sünden offensichtlich noch nicht die alarmierenden Ausmaße angenommen, die sie dadurch annahmen, dass sie die Teilnahme daran ablehnten. Kein Wunder, dass sie gefühlsmäßig die Einladung ablehnten, da sie wussten, dass dort Demütigungen und Beleidigungen über sie ausgegossen würden. Aber das gab der Regierung das Signal, die Verfügung bekanntzumachen und die Brüder samt allen wichtigen Familienmitgliedern zu verhaften. Die Weigerung, an dem Durbar teilzunehmen, wird als einer der Gründe genannt, diese Verfügung anzuwenden. Wären sie nicht verhaftet worden, wenn sie am Durbar teilgenommen hätten? Der jüngere Bruder hatte eine Reise nach Bombay vorbereitet, um Gandhi zu sehen, der am 29. Dezember dorthin zurückkommen sollte. Der ältere hatte eine Einladung von Pandit Jawaharlal Nehru, mit dem er sich während ihrer Studienzeit in London persönlich angefreundet hatte. Er war eingeladen, die Weihnachtsferien mit ihm in Allahabad zu verbringen, und er wollte dorthin fahren. Aber die Regierung hatte ihnen ein anderes Weihnachten zugedacht. Die Brüder wurden am Abend des 24. verhaftet und nach Attock Bridge gebracht.
[In der Grenzprovinz ließ er Khurshid und die drei kleine Jungen Sadullah, Ubeidullah und Hidayatullah zurück.]
Dr. Khansahibs ältester Sohn Sadullah Khan, der gerade aus England zurückgekommen und Sekretär des Provisional Congress Committee geworden war, wurde auch verhaftet und in denselben Sonderzug wie sein Vater und sein Onkel gesetzt. Frau Khansahib, die zwei Tage zuvor in ihr Dorf gefahren war, wurde um Mitternacht mit ihrer ganzen Familie aus dem Schlaf gerissen und vor ihr wurde verlangt, dass sie das Haus verließen und der Polizei eine Durchsuchung ermöglichten. Der zweite Sohn Ubeidullahh Khan, der noch Rekonvaleszent war, wurde verhaftet. Zwar wurden die Väter und die Söhne gleichzeitig verhaftet, die Regierung hielt sie aber voneinander getrennt. Der ältere Bruder wurde in einem Sonderzug ins Naini-Gefängnis (Allahabad) gebracht, der jüngere Bruder ins Gefängnis in Hazaribag und der ältere Sohn Sadullah Khan ins Gefängnis in Benares.
Es geschah nicht ohne Einflussnahme von außen, dass der ältere Bruder später ins Gefängnis nach Hazaribag gebracht wurde. Sein jüngerer Sohn Ubeidullah Khan wurde einer Spezialbehandlung unterzogen, über deren Einzelheiten ich gleich berichten werde. Nur die Nichten [? engl. Text: views] des älteren Khan – der jüngere war bereits seit mehr als 10 Jahren Witwer – und die minderjährigen Kinder durften zu Hause bleiben. Die beiden Schwestern der Brüder hatten an der Agitation teilgenommen, ebenso wie Hunderttausende pathanischer Frauen, die bei einigen Treffen waren, die jedoch nicht verhaftet wurden. Ihre Söhne und deren nahe oder auch entfernte Cousins wurden jedoch verhaftet. Dann folgte eine Rundum-Verhaftung aller wichtigen Khudai Khidmatgars.
Wenn dem jüngeren Khan erlaubt worden wäre, nach Bombay zu fahren, und wenn Pandit Jawaharlal Nehru nicht auf seinem Weg nach Bombay verhaftet worden wäre, wäre die Geschichte der letzten drei Jahre wahrscheinlich anders verlaufen. Selbst wenn Gandhi erlaubt worden wäre, mit Lord Willingdon zu sprechen, wäre die Geschichte vielleicht anders verlaufen. Diese beiden bedeutsamen Festnahmen waren der abscheulichste Bruch des Waffenstillstandes und der eindeutige Beweis der Feindseligkeit der Regierung. Gandhi wünschte nichts sehnlicher, als ein Gespräch über die Frage des Zusammenbruchs des Waffenstillstandes zu führen, und war unbedingt darauf bedacht, ihn, wenn irgend möglich, wiederzubeleben. Nach ein paar Tagen seiner Einkerkerung schrieb er aus dem Gefängnis einen Brief, in dem er Lord Willingdon anflehte, ihm das Gespräch zu gewähren. Der Vizekönig hielt es für unter seiner Würde, sich auch nur zu einer Antwort herabzulassen. Ob die Regierung nun einen Grund nennen konnte oder nicht, jedenfalls war sie entschlossen, die Bewegung zu zerschlagen, und sie konnte es sich nicht leisten, sich auf irgendeinen Umgang mit Rebellen [wie Gandhi] einzulassen.
Der tapfere Ubeidullah Khan war durch seinen 38tägigen Hungerstreik schon in Verruf geraten. Er wurde nach Ludhiana gebracht, dann nach Multan und dann nach beträchtlichem öffentlichen Aufruhr ins Gefängnis nach Sialkot. Dort besserte sich sein Gesundheitszustand, das Klima schien ihm zu bekommen. Aber innerhalb kurzer Zeit wurde er, obwohl er dagegen protestierte, ins Gefängnis nach Multan zurückgebracht. Dort erklärte er gleich nach seiner Ankunft am 1. Februar 1934, er werde in den Hungerstreik treten, weil die Regierung sich hartnäckig weigerte, ihn an einem Ort zu verwahren, der seiner Gesundheit nicht schadete. Die Dauer des Hungerstreiks hatte in der Geschichte der Bewegung nicht Ihresgleichen und zog natürlich die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf sich. Er dauerte 78 Tage. Die Regierung unternahm erfolgreiche und nicht erfolgreiche Versuche, ihn zwangszuernähren. Vielleicht hatte sie Erfolg, wenn er nicht bei Bewusstsein war, und keinen Erfolg, sobald er bei Bewusstsein war, aber schließlich musste sie der eisernen Entschlossenheit des Pathanen nachgeben, dessen Leben oder Zurechnungsfähigkeit der Hungerstreik nichts hatte anhaben können. Jeder andere wäre unter diesen Umständen gestorben oder hätte den Verstand verloren. Am Ende der 78 Tage wurde er, wie er gewollt hatte, ins Gefängnis in Sialkot überstellt und dort blieb er bis zu seiner Entlassung am 18. August.
Ubeidullah Khan war ein Beispiel, von dem man sich erzählte, das jedoch kaum einer nachahmen konnte. Es war keine Satyagraha-Handlung im strengen Sinn. Wenn er, bevor er den Hungerstreik begonnen hätte, die Meinung des Apostels von Satyagraha eingeholt hätte, hätte der ihm wohl nicht die Erlaubnis dazu gegeben. Aber er folgte der Wahrheit, wie er sie auffasste. Der Wert dieser Handlung liegt in seiner unerbittlichen Entschlossenheit und seiner Bereitschaft, dafür sein Leben einzusetzen. Der ältere Khan erzählt stolz die Geschichte seines Sohnes und sagt: „Der Junge ist ein Muster an Mut und Kühnheit.“ Aber auch der Mut des Vaters und des Onkels verdient in diesem Zusammenhang eine Erwähnung. Die Brüder waren beide im Gefängnis in Hazaribag und verfolgten den Verlauf von Ubeidullah Khans Fasten in den Zeitungen, immer wenn die sich die Mühe machten, Berichte über dessen Gesundheit abzudrucken. Die Regierung informierten sie nie über die Gesundheit des Jungen. Und sie baten die Regierung nicht um Erlaubnis, ihn zu sehen und ihn zu überreden, das Fasten aufzugeben. Als Tag für Tag die Nachricht kam, dass sein Tod gewiss sei, beschlossen die Brüder, Instruktionen zu schicken, wie der Leichnam begraben werden solle. Wenn ich mich recht entsinne, kam einen oder zwei Tage, nachdem der Brief mit dieser Instruktion abgeschickt worden war, die Nachricht, dass Ubeidullah gewonnen und im Gefängnis in Sialkot sein Fasten gebrochen habe. Trotz der unerträglichen Qual, die der Sohn und ebenso wie der Sohn der Vater und der Onkel durchgemacht hatten, sind die Brüder darüber nicht verbittert. Der stolze Vater lächelte, als er mir die Geschichte erzählte. Es war weder Bitterkeit noch Hass dabei, als er mir die Einzelheiten erzählte. Am Ende sagte er: „Aber etwas Gutes tat die Regierung. Nach dem Fastenbrechen wurde er wunderbar behandelt. Man sorgte so gut für ihn, dass nichts zu wünschen übrig blieb, und für diese Nachsorge bin ich dankbar, denn sie rettete ihm das Leben.“
Noch ein Wort über den jüngsten Sohn Dr. Khansahibs. Hidayatullah Khan ist Student im Grant Medical College in Bombay. Er war nach Utmanzai in die Ferien gefahren. Er hatte an der Bewegung nicht teilgenommen und sollte in das College zurückkehren. Aber auch er wurde gemäß der Verfügung in Gewahrsam genommen und erlitt sechs Monate der Einkerkerung.

KAPITEL IX
CHARAKTERISTIKEN
EBEN diesen Brüdern hat man heute das Etikett “public enemies” (Staatsfeinde) angeheftet, was diese amerikanische Phrase auch immer bedeuten mag. Sie haben unvergleichliche Opfer gebracht. Sie haben Leiden ertragen müssen, die nur wenige durchgemacht haben, und sie haben noch Jahre des Dienstes vor sich, in denen selbst ihre unaufhörliche Einkerkerung und ganz gewiss ihre Freiheit ein Anreiz für ihr Volk sein mögen, seine Freiheit zu gewinnen. Eben das alarmiert die britische Regierung, die wohl nicht gezögert hätte, sie erschießen zu lassen, wenn es auch nur den geringsten Beweis dafür gegeben hätte, dass sie bei irgendeiner Gelegenheit Gewalt gepredigt oder gutgeheißen hätten. Das Geheimnis des Einflusses der Brüder auf ihr Volk liegt sicherlich in ihren Opfern und ihrem Leiden, aber mehr noch in ihrer Lebensführung. Der jüngere Bruder ist ein Mann Gottes, der ältere ist ein Ritter sans peur et sans reproche (ohne Furcht und Tadel). Alle Unwahrheit, Irrealität, Ruhm und Glanz erwecken nichts als ihren Abscheu. Sie sind geborene Aristokraten und nehmen doch ein Leben der Einfachheit auf sich, die schwer zu überbieten ist.
Als der jüngere Khan 1931 nach Bardoli fuhr, suchten ihn Sardar Vallabhbhai Patel und die anderen, die zu seinem Empfang gekommen waren, vergeblich in einem der Abteile zweiter Klasse. Er stieg mit einer kleinen Tasche, in der er nur Kleider zum Wechseln und einen Fahrplan hatte, aus einem Abteil dritter Klasse. Er sah wirklich wie ein fakir aus und er ist auch einer. Mitten unter den ärmsten und bescheidensten seiner pathanischen Anhänger wäre es schwierig, ihn von den Übrigen zu unterscheiden [, wenn er nicht so großgewachsen wäre]. Die transparente Reinheit seines Lebens und seine Bescheidenheit und Selbstlosigkeit haben eine magische Wirkung auf seine Anhänger. Diese Eigenschaften geben ihm die Macht, eine Ergebenheit zu erwecken, die keine Fragen stellt, sondern entschlossene Loyalität bewirkt. „Alle möglichen Verleumdungen wurden in den Urdu-Zeitungen im Punjab gegen mich verbreitet“, sagte er einmal zu mir. „Es gibt da eine Zeitung, die keine Gelegenheit versäumt, mich als Feind des Islam hinzustellen.“ Aber er verbringt sein Leben, ohne dass ihn diese Verleumdungen von seiner Lebensweise zurückhalten. Sobald er frei ist, gönnt er sich keine Ruhe. Er war immer unterwegs und riet und predigte Mittel und Wege zur Verbesserung der Gemeinschaft. Er benutzt kein Transportmittel, wenn er die Distanz auch zu Fuß zurücklegen kann, und, wenn er unbedingt eines braucht, benutzt er das billigste. Er meidet jeden Luxus und lebt von der einfachsten Kost. Kein Wunder, dass sein Beispiel überall, wohin er kommt, die Menschen ansteckt.
Er befiehlt, ohne dass er das ausdrücklich sagt, Gehorsam und unverbrüchliche Treue, weil er selbst ein Vorbild in diesen Tugenden ist. „Ich bin ein geborener Soldat und ich will als ein solcher sterben“, sagte er, als er die Berufung zum Präsidenten des Kongresses für das Jahr 1934 ablehnte. Er ist ein Soldat, der Tausende von Soldaten hat, die bereit sind, ihm zu gehorchen und das zu tun, was er gebietet. Er duldete weder Scheinheiligkeit noch Heuchelei und er betrachtet ein Führungsamt als nichts anderes als den größten Dienst. Er hat sich nicht erst kürzlich zum Programm konstruktiver Arbeit bekehrt. Er verabscheut alle Programme, die nicht konstruktive Arbeit, sondern nur Schau sind.
Sein Glaube an die guten Absichten der Briten hat sein Leben lang harte Erschütterungen erlitten und er musste mit ansehen, dass die Politik des „Teile-und-Herrsche“ überall unsägliche Verwüstung anrichtete. Er ist sehr schwer davon zu überzeugen, den Worten eines Briten, den er kennengelernt hat, zu trauen. Er stimmt jedem Wort Gandhis zu, das er über unsere Einstellung den Briten gegenüber gesagt und geschrieben hat. Die Freunde seines Bruders unter den Beamten sind auch seine Freunde und es ist eine der unangenehmen Überraschungen seines Lebens, dass der gegenwärtige Gouverneur, der die Familie genau kennt und der oft Gast und Gastgeber seines Bruders war, falsche Deutungen seiner Person und seiner Absichten widerspruchslos hat durchgehen lassen.
Aber das Größte an ihm ist meiner Meinung nach seine Spiritualität oder besser gesagt der wahre Geist des Islam, d. h. Unterwerfung und Ergebenheit Gott gegenüber. Er hat Gandhis Leben an diesem Maßstab gemessen und ist überzeugt, dass Gandhi auf keiner anderen Grundlage zu erklären ist. Weder Gandhis Name und Ruhm noch seine politische Arbeit noch sein Geist der Rebellion und der Revolution hat ihn an Gandhi angezogen, sondern die größte Anziehungskraft für ihn hatte dessen reine und asketische Lebensweise und sein Bestehen auf Selbstreinigung. Sein ganzes Leben war von 1919 an eine ununterbrochene Bemühung der Selbstreinigung. Ich habe einige muslimische Freunde, die treu wie Gold und bereit sind, alles für die Einheit von Hindus und Muslimen und ihr Heimatland zu opfern, aber bisher kenne ich noch keinen, der größer als Khan Abdul Ghaffar Khan ist oder ihm auch nur gleicht in seiner transparenten Reinheit und der asketischen Strenge seiner Lebensführung und, damit verbunden, einem äußersten Zartgefühl und lebendigem Glauben an Gott.
„Immer wenn eine Frage und ein Augenblick großer Bedeutung in Gandhis Leben auftauchen und Gandhi eine wichtige Entscheidung trifft“, sagte er einmal zu mir, „sage ich mir automatisch: ‚Dies ist die Entscheidung eines Menschen, der sich Gott ergeben hat, und Gott führt niemals in die Irre‘. Ich habe alle Fastenzeiten Gandhis als etwas verstanden, das zweifellos von Gott angeordnet worden war.“ Als ich ihn wegen Gandhis Ankündigung, er wolle in den Ruhestand gehen, befragte, sagte er: „Ich wundere mich nicht, dass er zu dieser Entscheidung gekommen ist. Es ist mir nie leicht, seine Entscheidungen infrage zu stellen, denn er trägt Gott alle seine Fragen vor und hört immer auf Seine Anordnungen. Alle großen Reformer waren so und es gibt im Leben eines jeden Reformers ein Stadium, in dem er sich von seiner Gefolgschaft verabschieden muss und ungehindert durch ihre Begrenzungen und Schwächen mit starken Fittichen aufsteigen muss. Aber wenn er das tut, begrenzt er damit die Reichweite und den Schwung seines Dienstes nicht, sondern er vergrößert sie. Im Grunde genommen habe ich nur eine Richtlinie und einen Maßstab und das ist das Maß, in dem sich ein Mensch Gott unterwirft.“ So beurteilt er Menschen und Dinge und so wird er selbst beurteilt werden.
Der ältere Bruder ist ein anderer Typus. Er ist viel und weit gereist, hat alle möglichen Arten und Typen von Menschen kennengelernt und hat sich ebenso sehr außen umgesehen, wie der jüngere versucht hat, nach innen zu sehen. Während der jüngere Bruder sich gerne gelegentlich in ein innerliches Allerheiligstes zurückzieht, geht der ältere nach außen, um neue Kontakte zu entwickeln. Während der jüngere Bruder seinen Glauben auf immer mehr Selbstdisziplin heftet, nimmt der ältere das Leben leicht und geniert sich nicht, vom Leben und von den Menschen mehr zu fordern, als sie geben können. Er ist der geborene Sportler. Er war Führer des Kricket-Teams seines College und, als er in London war, spielte er nicht nur ausgezeichnet Kricket, sondern tat sich auch als Fußballer hervor. Und also hat er das Leben mit dem Geist eines Sportlers aufgefasst. Für ihn war es vielleicht schwieriger, die Boote hinter sich zu verbrennen und sich den Risiken des politischen Lebens noch spät im Leben, in den Jahren 1931 und 32, auszusetzen, nachdem er jahrelang bequem gelebt hatte. Für ihn war es schwieriger als für seinen jüngeren Bruder, der seine Feuertaufe schon mit 29 Jahren bekommen hatte und der sich dann in ein Leben des Leidens geworfen hatte wie ein Fisch ins Wasser. Aber der Doktor fasste alles sportlich auf. Er weiß, dass uns das Leben, wenn es uns Annehmlichkeiten im Überfluss bietet, auch die Unannehmlichkeiten nicht erspart. Der jüngere Bruder genießt die Annehmlichkeiten lieber durch die Unannehmlichkeiten des Lebens.
Der jüngere Bruder legte größten Wert auf Selbstbeschränkung und genießt sie sogar. Der ältere ergreift gerne jede Gelegenheit, die sich ihm bietet. Als wir einmal über das Rauchen sprachen, erzählte mir der Doktor, dass er einmal so abhängig gewesen sei, dass er nicht weniger als fünfzig Zigaretten am Tag geraucht habe. Aber 1931 verließ er die Gefangenschaft des Rauchens. Es schien ihm ziemlich sicher, dass er, wenn er so weitermachte, eines Tages an den Folgen des Rauchens sterben würde, und deshalb beschloss er, nie wieder zu rauchen. Seitdem hat er keinen Tabak mehr angerührt. Khan Abdul Ghaffar Khan hat überhaupt nie geraucht.
Dr. Khansahib hat mir eine Geschichte erzählt, die ich hier unbedingt wiedergeben muss. Der in Quetta berühmte Sohn von Colonel Sir Robert Sandeman, selbst ein Colonel, war während des Waffenstillstandes mit seinen “Guides” zu Besuch in Peshawar. Die Beamten waren über den Waffenstillstand sehr unglücklich und Colonel Sandeman verbarg diese Gefühle nicht vor seinen Freunden, darunter Dr. Khansahib. Der Doktor sagte zu ihm: „Nein, Colonel Sandeman, vertreiben Sie den Gedanken, sie wären jetzt vollkommen besiegt, ganz aus ihren Gedanken. Das politische Leben ist ein Spiel, in dem der Sieger und der Besiegte einander die Hände schütteln müssen, ebenso wie nach einem Fußball- oder Kricketspiel. In diesem Fall geht es nicht um einen Sieg. Es war nur ein Unentschieden, bei dem es keinen Sieger und keinen Verlierer gibt.“ Und damit stellte er das Behagen des Offiziers unmittelbar wieder her. Als sie sich trennten sagte dieser: „Gut, wir haben einander so gut kennengelernt, dass ich nur hoffe und bete, dass die Guides sich in Charsadda nichts Schlimmes werden zuschulden kommen lassen.“
Der jüngere Bruder begegnet seinen Gegnern in rein religiösem Geist. Der ältere begegnet ihnen auf rein praktische Weise. Während deshalb der ältere mit den schärfsten Gegnern Geduld hat, findet es der jüngere schwierig, über eine gewisse Grenze hinweg mit ihnen umzugehen. Der ältere kann mit Studenten plaudern, mit ihnen scherzen und sie necken, der jüngere findet es schwierig, sich mit Jungen anzufreunden, die ihre Zeit mit sinnloser Bildung vertun. Er hat offensichtlich seine Ecken und Kanten, an denen der ältere Bruder überhaupt nicht zu leiden scheint. Aber keiner kennt seine Begrenzungen besser als Khan Abdul Ghaffar Khan. Es brauchte nicht viel Zeit und Mühe, um Dr. Khansahib dazu zu überreden, für einen Sitz für Peshawar in der Versammlung zu kandidieren. Niemand hätte gewagt, dem jüngeren einen derartigen Vorschlag zu machen. Der ältere würde nicht zögern, einen Auftrag als Diplomat anzunehmen, der jüngere würde automatisch davor zurückschrecken. Jeder der beiden ist die Ergänzung des anderen: Sie sind ein einzigartiges Paar, so unterschiedlich und doch so ähnlich in ihrer transparenten Aufrichtigkeit, ernsten und unnachgiebigen Loyalität, Hartnäckigkeit bei der Verfolgung ihrer Ziele und Wärme und Zartheit in ihrer Zuneigung zu Menschen. Beide nennen sich gerne Khudai Khidmatgars, Diener Gottes, und das Leben beider ist eine ernsthafte Bemühung, sich als dieses anspruchsvollen Namens wert zu erweisen.

KAPITEL X
WIEDER IM RICHTIGEN ZUHAUSE
DIESES Kapitel kommt als Postskriptum zu den anderen Kapiteln daher, die schon im Druck sind. Die Verhaftung Khansahibs unter der Anklage des Aufruhrs reizt mich dazu, das Buch auf den aktuellen Stand zu bringen.
Seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in Hazaribagh hatten die Brüder auf die herzliche Einladung Seth Jamnalal Bajajs hin sein Haus in Wardha zu ihrer zweiten Heimat gemacht. Die Tatsache, dass Gandhi schon als Gast des guten Seth in Wardha war, bestimmte sie in ihrer Wahl, denn sie waren mit dem Vorsatz aus dem Gefängnis gekommen, sich zu Gandhis Verfügung zu halten und sich vollkommen seiner Führung anzuvertrauen. Sie besuchten einige Orte in den Zentralprovinzen, auch Bengalen und einige Orte in den Vereinigten Provinzen; alle diese Programme hatte Gandhi für sie arrangiert. Und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Khansahib, jedes Mal, wenn er Wardha verließ, das nicht tat, ohne dass er sich detaillierte Instruktionen von Gandhi hatte geben lassen, was er wie sagen sollte. Der ältere Bruder hätte sich nicht um die Bewerbung um einen Sitz für seine Provinz in der Versammlung bemüht, wenn Gandhi ihm das nicht geraten hätte. Als während des Wahlkampfes einer der Brüder meinte, dass sie vielleicht um die Erlaubnis für Dr. Khansahib ansuchen wollten, die Grenzprovinz – nur wegen des Wahlkampfes – zu besuchen, ließen sie auf Gandhis Rat diesen Plan fallen. Der Khansahib hätte ohne Gandhis Billigung nicht einmal zugestimmt, die All-India-Swadeshi-Ausstellung zu eröffnen, und die Freunde in Bombay mussten Gandhi gefallen, damit Khansahib die Einladung annahm. Ich kann auch sagen, dass der Khansahib die Mitgliedschaft im Arbeitskomitee des Kongresses nicht angenommen hätte, wenn Gandhi nicht darauf bestanden hätte. Er wird nicht müde zu wiederholen, er sei für Ämter und Politik nicht geeignet und wäre es zufrieden, als einfacher Arbeiter zu leben. Es stand ihm frei, an den Sitzungen des Arbeitskomitees in Patna teilzunehmen oder nicht, und er tat es nicht, sondern sagte, seine Gegenwart sei für die Diskussion über die Agenda, die festgelegt worden war, durchaus nicht notwendig. Schweigende Arbeit ohne Ansprachen in den Dörfern ist nach seinem Herzen und als Gandhi entschied, er solle den Posten einer Führungskraft in der All-India Village Industries Association annehmen, zögerte er nicht, das zu tun.
Was den älteren Bruder angeht, so hat er sich vielleicht sogar noch mehr Freunde gemacht als der jüngere, und zwar wegen seiner wunderbaren Genialität und Leichtigkeit seines Geistes, die dem strengen asketischen Wesen des jüngeren ziemlich fremd waren. Dr. Khansahib nahm ohne Weiteres die Aufgabe auf sich, die Patienten in Jamnalals Haushalt zu behandeln und zu pflegen. Dieser Haushalt erweiterte sich immer mehr durch die zahlreichen Freunde, die nach Wardha kamen, um Gandhi zu sehen und an verschiedenen Treffen teilzunehmen. Dann bot er den Frauen- und Mädchen-Ashrams in Wardha seine Dienste an. Diese wurden dankbar angenommen und seit Kurzem geht er zehn bis fünfzehn Meilen täglich zur medizinischen und hygienischen Beratung in die benachbarten Dörfer. Keine Arbeit dünkt diesen ehemaligen I. M. S. zu gering. Ich habe ihn an Betten seiner Patienten sitzen und ihnen Umschläge machen sehen und manchmal schnitt er Gemüse für eine Gemüsesuppe, die er besonders Genesenden verschrieb. Am frühen Morgen kam er in den Ashram, um Gandhi auf seinem Morgenspaziergang zu begleiten. Er folgte ihm unaufdringlich, manchmal wechselten sie kaum ein Wort und er ging nach Hause, nachdem er, wenn es einen Patienten im Ashram gab, diesen besucht hatte.
In der gesamten Geschichte des Kongresses ist es schwierig, zwei größere Beispiele an unverbrüchlicher Loyalität und spontaner Anhänglichkeit zu finden.
Selbst in ihren häuslichen Angelegenheiten haben die Brüder nicht gezögert, Gandhi ins Vertrauen zu ziehen. Während seines kurzen Aufenthaltes in Wardha als Jamnalals Gast hatte Khan Abdul Ghaffar Khan Gelegenheit, den Ashram der Frauen und Mädchen in Betrieb zu sehen. Die Einfachheit der Lebensführung dort, die friedliche Atmosphäre, Reinheit und Freiheit und, dass auf Handarbeit bestanden wurde, gewannen sein Herz und er äußerte den Wunsch, seine kleine Tochter, die in Obhut ihrer Tante in London war, zu bitten, nach Indien zurückzukommen und im Mädchen-Ashram in Wardha ihre Ausbildung fortzusetzen. Es war eine tapfere und edle Entscheidung, aber wenn ein pathanisches Mädchen sogar nach England geschickt und in einer englischen Schule unterrichtet werden konnte, warum sollte es ihr schwerfallen, den Wardha Kenya Ashram als ihre Schule zu akzeptieren? Und wo könnte der Vater bessere Menschen als den Direktor des Ashrams und Miraben finden, um nach seiner Tochter zu sehen. So argumentierte der Khansahib und Gandhi zögerte nicht, Kontakt Miraben zu telegrafieren, dass sie die kleine Mehrtaj [aus England] mitbringen solle. Beide reisten an Deck eines italienischen Schiffes und kamen am 22. November 1934 in Wardha an.
Nach eineinhalb Jahren sah das Mädchen seinen Vater wieder. Ihr jüngerer Bruder, der in Colonel Browns Schule in Dehra Dun ging, hatte seinen Vater vier Jahre lang nicht gesehen. Der kleine Abdul Ali traf seinen Vater auf dessen Reise durch Uttar Pradesh und kam am 4. Dezember mit ihm nach Wardha.
Man stelle sich einmal den Schmerz vor, den diese kleinen Kinder gefühlt haben müssen, als sie am 7. Dezember die Nachricht erreichte, dass ihr Vater verhaftet worden war. Der Zwölfjährige fragte Jamnalal, als der ihm die Nachricht überbrachte: „Warum sollte mein Vater verhaftet werden, wenn doch du und Mahatmaji und alle anderen frei sind?“ „Weil“, sagte Jamnalal, der den schluchzenden Jungen trösten wollte, „von ihm behauptet wird, er hätte in Bombay eine aufrührerische Rede gehalten“. Dann erklärte Jamnalal dem Jungen das Wort Aufruhr auf eine Weise, dass der Junge verstehen konnte, was es bedeutete.
Der Vater hatte jedoch keine Tränen, die er mit denen der Kinder hätte vermischen können. Er wusste, dass er mit einer Freundschaft gesegnet worden war, die mit größer werdenden Bewährungsproben nur wachsen würde, und dass die Freundschaft mit Gandhi und Jamnalal nie schwächer würde und er Jamnalal seine Kinder ohne die geringste Besorgnis anvertrauen könnte. Diese wenigen Tage in Wardha brachten die beiden Brüder und ihre beiden Gastgeber Jamnalal und Gandhi so eng zusammen, dass die Gäste mit den Gastgebern eine spirituelle Verwandtschaft und Bruderschaft entwickelten. Sie sprachen kaum jemals über Politik, sondern spirituelle Kommunikation voller Gebete und Schweigen genügte ihnen. Es war ein erhebendes Erlebnis für jeden hier zu sehen, wie der Khansahib täglich in den Ashram kam, um an der Lesung von Tulsidas‘ Ramayana teilzunehmen, die Gandhi jeden Morgen abhielt, und sehr oft, um den Morgen- und Abendgebeten beizuwohnen. „Die Musik dieses bhajan erfüllt meine Seele”, sagte er an einem dieser Tage zu Pyarelal, „bitte schreibe mir die Worte in Urdu-Schrift auf und übersetze sie in Urdu.“ Khansahib hat eine Veranlagung zur Kontemplation. Ihm ist nichts lieber als stilles Gebet und schweigende Arbeit und das entschied darüber, dass er sich in den Dörfern Bengalens vergrub. Er sah mit eigenen Augen die Wirkungsstärke von khadi, als er vor ein paar Monaten die armen muslimischen Bauern in Bengalen in ihren einfachen Hütten besucht hatte, um ihnen die Botschaft von der Wiederbelebung der Dorf-Industrie zu bringen. Er sollte am 9. Dezember nach Bengalen aufbrechen, aber Jamnalal bestand darauf, dass er noch zum ersten Treffen der in Kürze zu gründenden Board of the Village Industries Association bei ihm bliebe, sodass seine Abreise auf den 15. verschoben wurde. Wir dachten tatsächlich über seine Arbeit in Bengalen nach und sprachen darüber, als der District Superintendent der Polizei am Abend des 7. mit einem Haftbefehl für ihn erschien. Der große Pathane war immer auf eine derartige Vorladung gefasst und sagte, er sei in derselben Minute bereit, in der der Haftbefehl eintraf. Aber ihm wurde etwas Zeit zugestanden, um noch seine Freunde, seinen Bruder und seine Kinder zu sehen. Als Khansahib sich zum Gehen bereitmachte, sagte Gandhi: „Gut, Khansahib, dieses Mal üben wir anders als bei früheren Gelegenheiten offenen Ungehorsam.“ Der Khansahib war ziemlich bestürzt. Er sagte, er sei abgeneigt, einen anderen Kurs zu nehmen als den, den er seit 1919 genommen habe. „Ich verstehe deine Gefühle in dieser Sache“, sagte Gandhi, „aber dies ist nicht die Gelegenheit. Wir wollen nicht, dass du ins Gefängnis gehst, wenn wir es irgend verhindern können.“ Und prompt kam die Antwort: „Ganz, wie du möchtest.“ Das war ein weiteres Beispiel seiner schönen Loyalität.
Für den älteren Bruder war es sehr schmerzlich, von einem Bruder weggerissen zu werden, mit dem er mehr als drei Jahre lang Freuden und Sorgen im Gefängnis und während der hundert Tage ihrer eingeschränkten Freiheit geteilt hatte. Aber der jüngere machte sich um seine Person keine Sorgen. Er bat die kleinen Kinder, tapfer zu sein und unter der Obhut ihrer Adoptiveltern Gandhi und Jamnalal Einfachheit und Selbstbeherrschung zu lernen.
Aber eine Sorge warf ihren Schatten über sein Gesicht. „Ich wünschte so sehr, ich hätte das Versprechen, das ich den armen Muslimen in den bengalischen Dörfern gegeben habe, erfüllen können! Ich hatte versprochen, mit ihnen zu leben und zu arbeiten, und jetzt kann ich ihnen nicht einmal diesen kleinen Dienst erweisen.“ Nach einer kleinen Pause sagte er leidenschaftlich: „Hinsichtlich der Grenzprovinz weiß ich nicht, was ich sagen soll. Hoffentlich ruft meine Verhaftung bei meinem Volk nicht unbesonnenes Handeln hervor. Sie sollen es ruhig hinnehmen und sich mit kaltem Mut hinsetzen und daran arbeiten, ihre innere Uneinigkeit zu beenden und sich zu vereinigen. Es bereitet mir Kummer, dass wir keine Möglichkeit bekommen zu beweisen, dass alle diese Verleumdungen gegen uns falsch sind. Der Regierungsbericht nennt meine Provinz eine „mörderische Provinz“. Aber welche Gelegenheit geben sie uns, um auch nur die nicht politische Arbeit der Bildung und der Sozialreform unter den einfachen und unwissenden Pathanen zu verrichten?“
Als aber der Augenblick der Abreise nach Bombay kam, war auch diese Sorge aus dem Geist des wahren Diener Gottes verschwunden. „Ich bin recht sicher“, sagte er zu Jamnalal und seiner guten Frau Janakidevi, als er sich von ihnen verabschiedete, „ich bin recht sicher, dass dies alles Gottes Werk ist; Er ließ mich genauso lange draußen sein, wie Er mich draußen gebrauchen wollte. Jetzt ist es Sein Wille, dass ich Ihm von innerhalb des Gefängnisses dienen muss. Was Ihm gefällt, das gefällt auch mir.“

Ende